Die Woche: Joomla! oder: die Quadratur der GPL

@ctmagazin | Kommentar

Die Entwickler des freien Content Management Systems Joomla! und die Anbieter proprietärer Joomla!-Erweiterungen erfahren gerade, was passieren kann, wenn man bei Open-Source-Software die Lizenz nicht ernst genug nimmt.

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Joomla! ist entstanden, weil Miro International etwas eigenwillige Vorstellungen davon hatte, wie Open Source funktioniert. Das australische Unternehmen initiierte die Entwicklung des Content Management Systems Mambo und sicherte sich die Markenrechte dafür. Als Miro International die freiwilligen Entwickler in eine Organisationsstruktur zwingen wollte, fühlten die sich allzu sehr gegängelt: Das Entwicklerteam verabschiedete sich geschlossen von Mambo und gründete das neue CMS-Projekt Joomla! auf Basis des unter GPL stehenden Mambo-Codes.

Dabei übernahm man offenbar die Lizenzerläuterungen von Mambo, die unter Punkt 10 explizit sagen, dass Erweiterungen für das CMS – Plug-ins, Templates, zusätzliche Module und so weiter – nicht unter GPL gestellt werden müssen. Die entsprechende Seite findet sich nicht mehr auf joomla.org, Bezüge darauf existieren aber noch in älteren Versionen des Quelltexts ("The GPL allows you to write your own extensions for Joomla! and to release those extensions under whatever license you chose."), diversen Diskussionsbeiträgen und anderen Sites zu Joomla!.

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Mittlerweile sind die Entwickler des freien CMS, die kurz vor der Fertigstellung des kommenden Major Release 1.5 stehen, zu dem Schluss gekommen, dass viele Joomla!-Erweiterungen als "abgeleitetes Werk" im Sinne der GPL aufzufassen sind, da sie "in fast allen Fällen Joomla!-spezifische Funktionen aufrufen" und Joomla!-Code einbinden – so Projektleiter Louis Landry in seinem Blog. Und von GPL-Code abgeleitete Werke müssen ebenfalls unter GPL stehen.

Nun existieren für Joomla! eine Menge Erweiterungen, die teilweise proprietär lizenziert sind. Diese proprietären Erweiterungen, die häufig nicht sehr teuer sind, aber nützliche Funktionen nachliefern, leisten einen beträchtlichen Beitrag zur Beliebheit von Joomla! im großen Markt der freien Content Management Systeme.

Die Joomla!-Entwickler haben deren Anbieter jetzt aufgefordert, die Bedingungen der GPL "freiwillig zu erfüllen". Einige Anbieter, die sich in der Joomla! Commercial Developer's Alliance (JCD-A) zusammengeschlossen haben, reagierten in einem offenen Brief enttäuscht auf diese Forderung: Man habe sich auf das bisherige "Gentleman's Agreement" hinsichtlich proprietärer Erweiterungen verlassen. Ihrer Ansicht nach sind Joomla!-Erweiterungen nicht zwangsläufig als abgeleitete Werke im Sinne der GPL anzusehen. Offensichtlich sind nicht alle Anbieter bereit, der Forderung nach voluntary compliance nachzukommen.

Das Problem, an dem sich der Konflikt festmacht, ähnelt der (auch noch nicht ausgestandenen) Debatte um proprietäre Linux-Treiber: Wie weit darf Nicht-GPL-Code Schnittstellen von GPL-Software nutzen? Gar nicht, sagen einige Entwickler des Linux-Kernels und wollen proprietäre Linux-Treiber unmöglich machen.

Schaut man etwas genauer hin, liegt der Fall bei Joomla! jedoch etwas anders: Die Entwickler haben die GPL leichtfertig durch zusätzliche Regelungen (in Form einer Erläuterung der Lizenz) ergänzt – offenbar ohne sich ernsthaft Gedanken zu machen, ob diese Auslegung überhaupt mit der GPL vereinbar ist. Allerdings ist der Passus, dass Joomla!-Erweiterungen nicht unter GPL stehen müssen, nie in die Lizenz selbst eingeflossen: Die GPL erlaubt nämlich keine Ergänzungen; und die Free Software Foundation, Hüterin der GPL, warnt ausdrücklich davor, eigene Lizenzen nach dem Motto "GPL plus Sonderregelung" zu erfinden.

Die Anbieter proprietärer Erweiterungen wiederum haben sich leichtfertig auf die Erläuterung zur Jooma!-Lizenz verlassen, ohne darüber nachzudenken, ob ihre Software möglicherweise lizenzwidrig ist – schließlich liegt den Joomla!-Quellen als Lizenz lediglich die GPL bei. Die JCD-A beklagt daher auch nicht etwa eine überraschende Änderung der Lizenz, sondern die Aufkündigung des bislang bestehenden "Gentleman's Agreement". Ob ihnen freilich bei der Entwicklung ihrer Erweiterungen schon bewusst war, dass ihr Geschäftsmodell möglicherweise gegen die Joomla!-Lizenz verstößt, kann durchaus bezweifelt werden – schließlich gab es ja die Aussagen der Joomla!-Entwickler.

Wenn man so will, haben beide Parteien Mist gebaut: Die Joomla!-Entwickler,weil sie mit ihrer Auslegung die Grenzen der GPL arg weit gedehnt haben; und die Anbieter proprietärer Erweiterungen, weil sie sich auf Aussagen verlassen haben, die nie Teil der Lizenz waren. Entwickler wie Anbieter sind zu leichtfertig mit der Lizenz umgegangen.

Und die Lösung? Der einfachste Ausweg wäre, Joomla! auf die LGPL umzustellen, die es proprietärer Software ausdrücklich erlaubt, definierte Schnittstellen zu nutzen. Allerdings müsste Joomla! dazu von sämtlichem Code befreit werden, der noch von Mambo stammt und daher unter GPL verbleiben muss. Und so muss der Konflikt wohl ausgestanden werden: Dass alle Anbieter proprietärer Plug-ins ihren Code freiweillig unter GPL stellen, ist nicht sehr wahrscheinlich. Den Ärger hätte man sich sparen können, wenn man die Lizenz von Anfang an ernst genommen hätte. (odi)

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  1. Böse Falle
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