Die Woche: Linux United

@ctmagazin | Kommentar

In der neu gegründeten Linux Foundation arbeiten praktisch alle wichtigen Player im Linux-Markt zusammen. Gibt es in der Welt der Open Source denn keine Konkurrenten?

Die Mitgliederliste der neuen Linux Foundation, entstanden aus der Verschmelzung der OSDL und der Free Standards Group, liest sich wie ein Who is who des Linux-Marktes (und der IT-Welt insgesamt): IBM, HP, Fujitsu, NEC, Oracle, Novell, Intel, AMD, Sun, Cisco, Red Hat und so weiter und so fort. Alle diese Unternehmen verdienen Geld mit und durch Linux. Und alle haben sich lieb, so scheint es, finanzieren gemeinsam wichtige Leute wie Linus Torvalds, den Kampf gegen Softwarepatente und die Arbeit an Linux-Standards. Also alles Friede, Freude, Eierkuchen im Linux-Land. Oder?

Nicht ganz. IBM und HP beispielsweise zanken sich, wem die Krone als Lieferant der meisten Linux-Server gebührt. Novell und Red Hat, mit ihren Linux-Distributionen im direkten Wettbewerb um die Unternehmenskunden, beharken sich regelmäßig, ob es nun um die Reife von Xen geht oder um den Nutzen von Patentvereinbarungen mit Microsoft. Und trotzdem kooperieren sie alle in der Linux Foundation.

Das nennt sich dann coopetition – eine Zusammensetzung aus cooperation und competition. Aber wieso ist das im Linux- und Open-Source-Geschäft so normal?

Drei Gründe sind es im wesentlichen, die die Konkurrenten im Markt in den diversen Konsortien (weitgehend) friedlich zusammenarbeiten lässt. Zum einen die offenen Quellen: Was einer macht, können andere nach Belieben verwenden. Wenn alle dasselbe brauchen, gründet man doch lieber ein Konsortium, macht die Arbeit gemeinsam – und spart eine Menge Geld gegenüber einer Eigenentwicklung, die in der Open-Source-Welt sowieso keinen (zumindest keinen dauerhaften) Wettbewerbsvorteil verspricht.

Und natürlich möchte niemand einen so zentralen Entwickler wie Linux-Erfinder Linus Torvalds, auf dessen Arbeit – Open Source sei Dank – letztlich alle Linux-Geschäftsmodelle gründen, auf der Gehaltsliste eines Konkurrenten sehen. Da wirft man lieber zusammen und sorgt so dafür, dass Torvalds und Konsorten unabhängig bleiben.

Zum zweiten kennen natürlich alle, die sich im Linux-Business tummeln, die Unix-Geschichte – teilweise aus leidvoller eigener Erfahrung. Windows konnte gegen die sogenannten offenen Systeme auch deshalb so leicht punkten, weil die in den Neunzigern schon lange nicht mehr offen waren. Das Bemühen um Differenzierung gegenüber der Konkurrenz, das den Unix-Anbietern stets wichtiger war als die Zusammenarbeit, hatte zu einer Vielzahl inkompatibler Unix-Varianten geführt. Das, da sind sich die Protagonisten einig, soll sich mit Linux nicht wiederholen.

Der wichtigste Grund allerdings erschließt sich bei einem Blick auf die Agenda der Linux Foundation. Linux-Standardisierung beispielsweise. Standardisierungsgremien, in denen Wettberwerber zusammenarbeiten, sind in der IT-Industrie nicht ungewöhnlich – Standards helfen, wenn man einen Markt entwickeln möchte. Dass das unter Linux so besonders einfach zu funktionieren scheint, dürfte schlicht daran liegen, dass es dort noch soviel zu standardisieren gibt – und noch soviel Markt zu entwickeln.

Beispielsweise der Linux-Desktop, der vor allem deswegen nicht in Gang kommt, weil die kleinen Unterschiede zwischen den Linux-Distributionen und den verschiedenen Desktop-Umgebungen das Entwickeln von Desktop-Software für Linux zur reinen Hölle für ISVs machen (siehe den Artikel Wo bleibt der Linux-Desktop). Würde das Geschäft mit dem Linux-Desktop dank standardisierter Schnittstellen für Anwendungen anlaufen, könnten erst einmal alle Geld damit verdienen. Um Marktanteile kann man sich ja später streiten.

Ähnlich Patente: Auch Firmen wie IBM, die selbst ordentlich bei Softwarepatenten mitmischen, wissen, dass juristische Unwägbarkeiten und die Drohung mit irgendwelchen Intellectual-Property-Ansprüchen Gift fürs Geschäft sind. Alles, was den Kunden das Gefühl gibt, mit Linux kein juristisches Risiko einzugehen, kann da nur gut sein.

All das lässt sich auf einen gemeinsamen Nenner bringen: Positionierung gegen Microsoft. Warum sollen die Linux-Anbieter miteinander um Marktanteile im Promille-Bereich konkurrieren, wenn im Wettbewerb mit Windows (und den übrig geliebenen proprietären Unix-Versionen) noch fette Märkte zu erobern sind? Jim Zemlin, Geschäftsführer der Linux Foundation, hat es bereits zur Gründung des Konsortiums gesagt: Wichtigste Aufgabe der Organisation ist es, die Position von Linux und Open Source gegenüber Windows und proprietärer Software zu stärken. Dieses Ziel können alle, die im Linux-Markt mitmischen, nur unterschreiben.

Nichts, um das alte Wort zu zitieren, eint so wirkungsvoll wie ein gemeinsamer Feind. Wobei das Open-Source-Prinzip (und die Angst vor einer Wiederholung der Unix-Geschichte) sicher auch dann dafür sorgen werden, dass sich das Hauen und Stechen in Grenzen halten, wenn es gelingen sollte, Microsoft odentlich auf die Pelle zu rücken.

Ach ja, noch ein Wort zum Titel: Erinnern Sie sich noch an United Linux? Der Versuch von Suse (damals noch nicht Teil von Novell), TurboLinux, Conectiva (2005 mit Mandrake zu Mandrive fusioniert) und Caldera (wenig später zur SCO Group gewandelt) vor knapp fünf Jahren, eine gemeinsame Linux-Distribution als Basis der eigenen Produkte zu schaffen? Kläglich an der Realität gescheitert, nachdem SCO seinen juristischen Feldzug begann und die verbliebenen drei keinen Sinn mehr in der Fortsetzung des gemeinsamen Projekts sahen. Allzu viel Gemeinsamkeit klappt halt auch im Linux-Markt nicht. (odi)

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