Die Woche: Linux in der Tasche

@ctmagazin | Kommentar

Linux ist auf mobilen Geräten meist noch eine proprietäre Lösung, es fehlt an hersteller- und geräteübergreifenden Standards. Zwei Firmenkonsortien bemühen sich um die Vereinheitlichung – ein Modell mit Zukunft.

Es hat sich längst herumgesprochen, dass der Linux-Kernel nicht nur auf PCs läuft. Durch seine weitreichende Unterstützung an Plattformen und Prozessoren ist das freie Betriebssystem auch im Embedded-Bereich längst zu Hause und versieht als Firmware in allerlei Netzwerk-Routern, Firewalls oder Industriesteuerungen seinen Dienst. Bei Handys, Smartphones und anderen mobilen Geräten dominieren allerdings proprietäre Lösungen einzelner Hersteller sowie Windows CE nach wie vor das Feld.

Ein Anreiz für die Hersteller, Linux auf mobilen Geräten einzusetzen, ist die Kostenersparnis: Sofern man lediglich GPL-Code einsetzt, fallen keine Lizenzzahlungen an, die üblicherweise etliche Cent bis einige Euro pro Endgerät ausmachen. Zudem kann man sich bei bestehenden Linux-Anwendungen wie einer Adressverwaltung kostenlos bedienen. Dies funktioniert allerdings nur so lange, wie man neben der Anwendung auch die Software-Plattform für das eigene Gerät adoptiert, denn letztere unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller meist grundlegend.

Letztlich sind die meisten heute existierenden Mobile-Linux-Plattformen proprietär, sie laufen nur auf einer bestimmten Hardware-Plattform und sind stark auf diese abgestimmt. Prominente Beispiele sind Nokias Maemo/Hildon-Pattform, die nur für die Internet Tablets N770 und 800 bestimmt ist, OpenEZX für verschiedene Motorola-Handys wie das A780 und das Motorazr2 V8, OpenMoko für FICs Neo 1973, Trolltecs Qtopia Phone Edition für das Greenphone oder auch Intels Moblin-Initiative für Linux auf Intels Mobile Internet Device (MID). Nicht nur, dass bei diesen Projekten unterschiedliche Grafikbibliotheken eingesetzt werden, auch die Funktionen zur Eingabe von Texten sind unterschiedlich gelöst. Ohne umfangreiche Anpassungen lassen sich daher Applikationen nicht portieren.

Um die Portabilität von Anwendungen zwischen verschiedenen Geräten kümmern allerdings mittlerweile zwei Konsortien großer Hersteller im Mobil-Markt: das Linux Phone Standard Forum (LiPS) und die LiMo-Foundation.

Das Linux Phone Standard Forum (LiPS) hat es sich zur Aufgabe gemacht, allgemeine APIs zu definieren, mit denen sich unter Linux hersteller- und geräteübergreifend Telefonanwendungen programmieren lassen – sowohl für Handys als auch für Smartphones und Festnetz-Telefone. Dabei arbeitet das LiPS mit einer Reihe anderer Standardisierungsgremien wie zum Beispiel dem Open Mobile Terminal Platform Forum (OMTP) zusammen, das sich unter anderem um die Standardisierung von Datendiensten wie WAP oder MMS kümmert. Das LiPS entwickelt aus den vom OMTP verabschiedeten Dienste-Standards ein API, mit dem Entwickler Anwendungen für diesen Dienst schreiben können.

Um die tatsächliche Implementation von Treibern und Programmen, die das LiPS-API verwenden, müssen sich die einzelnen Hersteller und Anbieter kümmern. Hier ist die Gnome Mobile & Embedded Initiative (GMAE) zu nennen, der das LiPS selbst angehört und die einen geräteunabhängigen Desktop für Mobiltelefone und Smartphones entwickelt. Mit ARM, Freescale, Texas Instruments und der ehemaligen Philips-Tochter NXP Semiconductor sind zudem vier große Chip-Hersteller Mitglied im Linux Phone Standard Forum und werden somit voraussichtlich für entsprechende Unterstützung sorgen. Aber auch die France Telecom, Telecom Italia, MontaVista, Trolltech und viele andere Firmen aus dem Mobile-Linux-Umfeld gehören dem LiPS an.

Die verabschiedeten Standards des LiPS sind öffentlich und für jedermann einsehbar. Einfluss auf die Standardisierung haben wie üblich nur die LiPS-Mitglieder, die zwischen 5.000 und 100.000 US-Dollar pro Jahr als Mitgliedsbeitrag zahlen müssen.

Die Ziele der [limofoundation.org LiMo-Foundation] gehen weit über die des LiPS hinaus: Man will nicht nur einzelne APIs für Handys und Smartphones vereinheitlichen, sondern eine Linux-basierte Software-Plattform für mobile Geräte aller Art schaffen, vom Handy über den Video-Player bis hin zum Surf-Tablett. Dabei kann die erst im Januar 2007 gegründete Stiftung auf gewichtige Unterstützung der Industrie zählen: Neben den Gründungsmitgliedern Motorola, NEC, NTT DoCoMo, Panasonic, Samsung und Vodafone gehören inzwischen auch LG Electronics, die Embedded-Spezialisten Wind River und MontaVista, die Chip-Hersteller ARM, NXP Semiconductor und Broadcom, der Mobilfunk-Ausrüster Ericsson sowie der Software-Hersteller McAfee zur LiMo-Foundation.

Die Open-Source-Gemeinde hat von der Arbeit der LiMo-Foundation allerdings wenig. Lediglich das Applikations-API und das grafische Interface sollen allgemein zugänglich sein, damit Dritte Anwendungen für LiMo-Geräte schreiben können. Unter der Haube und nur für Mitglieder mit entsprechender Sicherheitseinstufung einsehbar soll ein Application Framework programmiert werden, das die Grundfunktionen der mobilen Geräte abdeckt und mit Plug-ins erweitert werden kann. Das Framework, das lediglich GPL-Software und unter der eigens zusammengeschnürten Foundation Common Capable License veröffentlichten Code enthalten soll, dürfen alle Mitglieder verwenden, ohne dass sie Lizenz- oder Patentgebühren an ein anderes LiMo-Mitglied zahlen müssen. Allerdings dürfen lediglich Gründungsmitglieder und Core Member, die sich den Mitgliedsbeitrag von 400.000 bis 800.000 US-Dollar pro Jahr leisten können, den Code kommerziell in Produkten verwerten – wer hingegen nur Associate Member ist (und dafür auch noch 40.000 US-Dollar pro Jahr bezahlt), muss ihn von einem der anderen Mitglieder kaufen.

Aber auch proprietäre Erweiterungen des Frameworks und nicht offengelegte Plug-ins sind geplant, die LiMo-Mitglieder von anderen lizenzieren können, wobei dann auch Patentgebühren anfallen können – die Patentfreistellungsklausel der Foundation Common Capable License gilt für solche unter Foundation Non-Common Capable oder proprietär lizenzierten Code nicht.

Trotz der hohen Kosten einer LiMo-Mitgliedschaft kann die Rechnung für die beteiligten Firmen aufgehen: Zukünftig sollen die Mitglieder auf eine fertige Software-Plattform für verschiedenste Geräte einsetzen können, die Notwendigkeit einer Eigenentwicklung entfällt daher größtenteils. Für Spezialanwendungen lassen sich zusätzliche Plug-ins schreiben oder man kauft sie bei anderen Mitgliedern der Foundation kurzerhand ein. Sollte die Linux-Community das offengelegte API für eigene Programmentwicklungen nutzen, kann man sich auch aus dieser Quelle (meist) kostenlos bedienen.

Dass einige wichtige Hersteller sowohl im Linux Phone Standard Forum als auch in der LiMo-Foundation Mitglied sind, wird sicher dafür sorgen, dass die Standards nicht zu weit auseinander liegen. Ein Vorteil für Programmierer, werden ihre Anwendungen doch wahrscheinlich ohne größere Änderungen auf beiden Software-Plattformen und damit mehr Geräten laufen.

Eine derartige konsortiale Softwareentwicklung, bei dem – wie auch bei TOPCASED, einem Projekt unter Leitung von Airbus – verschiedene Firmen, auch Konkurrenten, zusammenarbeiten, ist noch nicht weit verbreitet, dürfte in Zukunft jedoch eine immer größere Rolle spielen, da alle beteiligten Firmen erhebliche Entwicklungskosten sparen.

Ob der Anwender davon etwas hat, wird sich erst in der Praxis zeigen. Ein offenes Betriebssystem unter der Haube und eine standardisierte Anwendungs-API bedeuten noch lange nicht, dass der Hersteller eines Smartphones oder eines Video-Players erlaubt, zusätzliche Software zu installieren. Die Erfahrung hat aber gezeigt, dass die Community immer wieder Möglichkeiten findet, die Original-Software von Linux-Geräten zu verändern. Dann kann der Anwender sicher aus einer größeren Programmvielfalt auswählen. (mid)

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