Die Woche: Mit der Jolle durch die eisige Nordsee

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Jolla hat sein lang erwartetes erstes Smartphone mit dem Meego-Nachfolger Sailfish OS veröffentlicht. Doch wie wollen die Ex-Nokianer gegen Android, iPhone und Co. bestehen, wenn bereits ihr alter Arbeitgeber – einst Weltmarktführer – gescheitert ist?

Vor knapp drei Jahren sprach der damalige Nokia-Chef Stephen Elop von Nokia als brennender Ölplattform und riet zum Sprung in die kalte Nordsee. Kurz darauf verkündete Nokia, künftig auf Windows Phone zu setzen. Die Entwicklung des Linux-basierten Betriebssystems Meego wurde eingestellt und viele der Meego-Angestellten verließen das Unternehmen. Deren Arbeit, das Nokia N9, veröffentlichten die Finnen lustlos lediglich auf Nebenmärkten. Mittlerweile ist Nokias Handysparte samt Elop an Microsoft verkauft.

Vergrößern Bild: Jolla

Eine Gruppe der ehemaligen Beschäftigten um Jussi Hurmola und Marc Dillon gab nicht auf. Sie gründeten Ende 2011 mit Geldern aus Nokias Sozialplan „Bridge“ das Unternehmen Jolla (deutsch Jolle). In diesem Rettungsboot finden sich einige der ehemaligen Meego-Entwickler wieder, aber auch neue Gesichter wie Carsten Munk. Er ist einer der Initiatoren der freien Meego-Alternative Mer Project. Und eben dieses Mobil-Linux nutzt Jolla für sein Betriebssystem Sailfish OS. Wie schon bei Maemo und Meego ist auch Sailfish nicht hundert Prozent freie Software: Der Unterbau ist Open Source, aber die grafische Oberfläche Sailfish UI ist proprietär. Wer damit liebäugelt, Sailfish auf einem anderen Gerät zu installieren, ist bei Jolla an der falschen Adresse.

Die Finnen versuchen nicht nur mit Software zu punkten, sondern auch an die Tradition hochwertiger Telefone ihres ehemaligen Arbeitgebers anzuknüpfen: finnisches Design als Markenzeichen. Hinzu kommt die kostenfreie Nutzung der Karten- und Navigation-Software von Nokia Here Maps.

Jolla greift aber auch auf ein anderes Erfolgskonzept aus Nokias Geschichte auf: Handy-Schalen – diesmal allerdings nicht als verspielte Design-Alternative, sondern als intelligentes Rückseiten-Cover. Ein NFC-Chip signalisiert dem Handy den Wechsel der Rückseite, worauf Apps starten, Bedienoberfläche und Klang-Profil sich verändern oder andere Aktionen ausgeführt werden. "The Other Half" ist integraler Bestandteil des Jolla-Smartphones.

Ob das ein verzweifelter Griff in die Mottenkiste ist oder ein innovatives Alleinstellungsmerkmal, werden künftige "Other Halfs" zeigen. Denn mit bidirektionalem Stromanschluss und Datenbus (I2C) greift Jolla geschickt einen Trend der letzten Jahre auf: Hardware-Basteln. Diverse Projekte mit Arduino, Raspberry Pi und Co. haben gezeigt, dass Hacker (wieder) Lust am Basteln mit Hardware haben. Erweiterungen für Sailfish OS bleiben so nicht auf Apps und Plugins beschränkt: Die Fans tüfteln bereits an Ideen für Rückseiten-Cover mit Tastaturen, zusätzlichem Akku oder Multimedia-Sets. Jolla ermutigt Dritterhersteller, eigene Cover zu entwickeln.

Jolla geht aber auch neue Kooperationen ein, etwa mit dem Android-App-Store des russischen Suchmaschinenbetreiber Yandex. Jolla will es vor allem es den Entwicklern einfacher machen, denn Android- Apps laufen – anders als auf dem Blackberry – ohne Anpassung unter Sailfish OS. Dieser Schritt ist wichtig, denn ohne die Unterstützung für Android-Apps droht das Aus mit dem Argument der fehlenden App-Vielfalt. Das kennen schon N900-Nutzer: Portierte Linux-Anwendungen wie Mplayer, Gpodder oder Tomboy sind ein schlechter Ersatz, wenn Apps von der Fahrplanauskunft bis zur App des Carsharing-Anbieters fehlen.

Jolla darf aber die Meego-Fehler aus Nokia-Zeiten nicht wiederholen. Die API für die App-Entwicklung muss stabil bleiben. Die ständigen Wechsel der Frameworks (Gtk, Qt 4, Qt 5, QML) bei den Vorgängern stellten selbst engagierte Entwickler vor eine harte Probe. Die Frage ist nur: Warum sollte jemand eine native Qt-App entwickeln, wenn Sailfish mit Android kompatibel ist?

Wer sich auf Linux-Konferenzen umschaut, entdeckt überraschend viele Nokia N9 und N900. Für die ersten 100.000 Smartphones will Jolla bereits zahlungswillige Interessenten haben, über genaue Verkaufszahlen schweigt das Unternehmen. In den sozialen Netzwerke finden sich zahlreiche Nutzer, die begierig auf ihr Exemplar warten. Doch Jolla muss zumindest einen Achtungserfolg im Massenmarkt erlangen, um eine Zukunft zu haben. Investoren lassen sich von Linux-Enthusiasten und weiterhin hohen Preisen für die Vorgängergeräte auf Ebay sicher nicht beeindrucken. Und auch wenn Jolla auf den chinesischen Markt abzielt: Wer soviel Geld für ein Smartphone ausgibt, bevorzugt womöglich lieber ein iPhone als Statussymbol.

Das Fehlen von Play Store, iCloud und anderen Diensten in Zeiten der NSA-Affäre kann aber auch eine Chance sein. Sicherheit der Privatsphäre ohne Verzicht auf ein modernes Smartphone könnte als Kaufargument dienen. Ökosystem, die Bedienoberfläche und die „Other Halfs“ müssen aber erst zeigen, ob sie die für den Kaufpreis eher schwache Hardware ausgleichen können. Dann erreicht Jolla mit etwas Glück sicheres Ufer – vielleicht sogar als zukünftige Handy-Sparte eines derzeit gebeutelten finnischen Großkonzerns. (odi)

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