Die Woche: Mitmachen statt Spalten!

@ctmagazin | Kommentar

Mit wenigen Handgriffen lässt sich auf Grundlage von Debian, Fedora, OpenSuse, Ubuntu, und Co. eine eigene Distribution erstellen. Viele Möchtegern-Experten machen das auch und zersplittern damit die Distributions-Landschaft. Sie sollten ihre Arbeitszeit lieber in das Verbessern der Vorlage stecken.

Eine eigene Distribution zu erstellen ist zwar nicht kinderleicht, für erfahrene Linux-Anwender stellt es aber keine nennenswerte Hürde dar – Debian, Fedora, OpenSuse, Ubuntu und Co. bringen alles Nötige mit, um schnell eine eigene Distribution zu stricken. Es ist gut und wichtig, dass das so einfach geht, denn so werden Dinge wie Appliances, firmenspezifische Notfall-Distributionen oder unser Desinfec't 2011 (in der aktuellen c't) erst möglich. Diese Spezial-Distributionen bringen eine auf den jeweiligen Einsatzzweck zugeschnittene Software-Auswahl mit, verändern aber die Pakete der Vorlage nicht oder nur wenig.

(Bild: http://kde-look.org/content/show.php?content=6909, Lizenz: GPL)

Es gibt aber auch hunderte von Möchtegern-Distributoren und -Experten, die die Vorlage erheblich verändern und in ihre Distribution Software und Funktionen aufnehmen, die auch der Vorlage gut zu Gesicht gestanden hätten. Dort landen die Verbesserungen aber vielfach nicht – aus Bequemlichkeit, um Alleinstellungsmerkmale nicht zu verlieren oder weil es mühsamer ist, sich in eine bestehende Entwickler-Community einzufügen, als mal eben schnell ein eigenes Projekt zu starten. Das führt zu einer Zersplitterung der Distributionslandschaft mit hunderten von Spezialdistributionen – und verlangsamt den Fortschritt.

Beispiele dafür gibt es genug. Als einem (derzeit nicht mehr sonderlich aktiven) Fedora- und RPM-Fusion-Entwickler stach mir etwa das kürzlich wiedergeborene Kororaa Linux, das jetzt nicht mehr auf Gentoo, sondern auf Fedora basiert, ins Auge (Homepage, Distrowatch). Es befindet sich noch in der Beta-Phase und enthält einige Anpassungen, durch die das System "einfach funktionieren" soll ('[...] make the system "just work" out of the box.').

Da Kororaa nicht im Rahmen des Fedora-Projekts entsteht, unterliegt es auch nicht den Beschränkungen, die sich das Fedora-Projekt selbst auferlegt hat oder die ihm vom Hauptsponsor Red Hat indirekt auferlegt wurden – dadurch kann Kororaa beispielsweise die bei Fedora bewusst außen vor gelassene Unterstützung zum Abspielen von MP3 direkt in die Distribution integrieren. Damit scheint es einen signifikanten Vorteil zu bieten und eine Existenzberechtigung zu haben. Diese und andere Verbesserungen von Kororaa sind aber nicht Neues, denn ähnliches findet sich auch bei anderen, schon länger existierenden Fedora-Ablegern. Die haben sich teilweise schon etabliert, bereits einige Releases hinter sich und eine feste Nutzer-Klientel – etwa Omega oder Fusion Linux.

Da arbeiten nun schon drei Entwickler mit jeweils einigen Mitstreitern an einem ganz ähnlichen Ziel, statt die Kräfte zu bündeln und so Größeres zu erreichen. Was für eine Verschwendung! Warum arbeiten die nicht zusammen? Aber auch das ist noch zu kurz gedacht.

Die Zerspitterung des Distributionslandschaft war einige Distributionen einen Aprilscherz wert.

Denn um beim Beispiel Fedora zu bleiben: Noch schlauer wäre es, die Verbesserungen so umzusetzen, dass alle Fedora-Nutzer davon profitieren. Also die Änderungen in Fedora einbauen oder an das als Quasi-Standard etablierte Add-On-Depot RPM Fusion zu übermitteln, das Fedora-Nutzern die Dinge bereitstellt, die das Fedora-Projekt absichtlich außen vor lässt – MP3-Support, Ffmpeg oder unfreie Software wie die proprietären Grafiktreiber für AMD und Nvidia. Innerhalb von RPM Fusion würde dann vielleicht auch eine um solche Software erweiterte Distributionen auf Fedora-Basis sinnvoll sein, denn das meiste dazu Nötige liegt dort ohnehin schon und kommt daher auch bei Fusion Linux oder Kororaa zum Einsatz – deren Verwalter haben aber bislang kaum Verbesserungen an das Projekt zurückgeliefert und machen ihr eigenes Ding.

Das ist nur ein Beispiel für einige der Probleme, die zur Distributionsvielfalt, Reibungsverlusten und dem hundertsten Neuerfinden des Rads führen. Es gibt noch viele weitere Beispiele aus dem Umfeld von Debian, Fedora, OpenSuse oder Ubuntu. Etwa auf Fedora oder Ubuntu basierende Distributionen, die auf den Einsatz als Home-Theater-PC (HTPC) oder Heimserver optimiert sind. Auch das klingt auf den ersten Blick wie eine schlaue Idee. Der Haken zeigt sich, wenn Sie das erste Mal einen PC aufsetzen wollen, der HTPC und Heimserver zugleich sein soll – denn der HTPC lässt sich mit der Heimserver-Distribution meist genauso schwer einrichten wie der umgekehrte Ansatz. Hätten die Entwickler die Optimierungen für den HTPC- und Heimserver-Einsatz in Fedora oder Ubuntu integriert, dann könnte die Kombination ganz simpel sein.

Das ist natürlich nicht einfach, all die verschieden Einsatzzwecke mit einer Distribution abzudecken – es ist aber doch deutlich besser möglich, als es heute der Fall ist. Durch ein Bündeln von Kräften dürften viele der heute bestehenden Probleme schneller und besser gelöst werden, als es derzeit der Fall ist. Und klar, ein wenig Konkurrenz muss bestehen – die drei Distributions-Familien Debian/Ubuntu, Fedora/Red Hat und Suse mit jeweils ein paar verschiedenen Ausprägungen haben daher durchaus eine Existenzberechtigung. Aber viele von den hunderten bei Distrowatch oder LWN.net verzeichnete Distributionen haben bei genauerem Hinsehen keine und dürften auch größtenteils früher oder später wieder verschwinden. So ist es nämlich schon hunderten von Distribution in den letzten Jahren ergangen, mit deren Einstellung einige gar nicht so dumme Ansätze verloren gingen. (thl)

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