Die Woche: Nichts geht verloren

@ctmagazin | Kommentar

Die Möglichkeit eines Forks – einer Abspaltung und unabhängigen Weiterenwicklung eines Open-Source-Projektes – gilt als Risiko freier Software, ist aber tatsächlich ein entscheidender Vorteil: Projekte stehen und fallen nicht mit ihrem Gründer oder dem Markenrechtsinhaber, sondern können im Ökosystem der freien Software weiter gedeihen.

Vergrößern Eine Microsoft-Anzeige von 2001 thematisierte mögliche Forks bei Linux.

Wenn ein Software-Anbieter die Weiterentwicklung eines Produkts einstellt, sei es aus strategischen Gründen oder weil das Unternehmen wegen Geschäftsaufgabe oder Insolvenz nicht weiterbesteht, ist das für Privatanwender ärgerlich, aber in den meisten Fällen zu verschmerzen. Anders sieht es bei Firmenkunden aus, bei denen die Infrastruktur oder ganze Geschäftsbereiche von einem solchen Produkt abhängen.

Das Problem liegt in der Regel nicht darin, adäquaten Ersatz zu finden, denn es gibt für nahezu jede Aufgabe mehrere Lösungen, sondern in dem enormen finanziellen und zeitlichen Aufwand: Alternativen müssen evaluiert werden, neue Lizenzen sind nötig, man muss einen Weg finden, vorhandene Datenbestände weiter zu nutzen, und für die Mitarbeiter stehen neue Schulungen an.

Diese Gefahr besteht beim Einsatz von Open-Source-Software nicht: Ob die Entwickler die Lust verlieren oder das Unternehmen hinter einem Projekt die Entwicklung einstellt, hat nur wenig Auswirkungen auf den Fortbestand der Software. Während proprietäre Anwendungen gemeinsam mit ihrem Hersteller sterben, wenn nicht ein anderes Unternehmen die Produkte aus der Insolvenzmasse herauskauft, bleibt von freien Lösungen zumindest immer der Code. Im besten Fall findet sich eine engagierte Community, die ein solches verwaistes Projekt unter ihre Fittiche nimmt; wenn nicht, bleibt die Möglichkeit, eigene Entwickler oder einen Dienstleister auf die Code-Pflege und Weiterentwicklung anzusetzen.

Gerade bei weit verbreiteten freien Lösungen stehen die Chancen gut, dass eine Community sie weiter betreut oder den Staffelstab vom Projektgründer übernimmt, wenn dieser sein Projekt auf einmal in eine gänzlich andere Richtung oder gar nicht mehr weiterentwickeln will. Dabei nehmen die Entwickler die aktuelle Code-Basis und entwickeln sie, unabhängig vom ursprünglichen Hauptzweig des Projekts, weiter; man spricht dann von einem Fork.

Zwei Beispiele für einen solchen Fork gab es in diesem Sommer bei OpenSolaris und der französischen Linux-Distribution Mandriva: Seit der Übernahme von Sun durch Oracle bangte die OpenSolaris-Community um das künftige Schicksal des Systems. Die Entwickler merkten schnell, dass die Unternehmenskultur bei Oracle eine ganz andere war als bei Sun. Die Zeiten flacher Hierarchien und kurzer "Dienstwege" waren vorbei, viele freie Entwickler beklagten die schlechte Kommunikation mit Oracle, bei der auf Mail-Anfragen keinerlei Reaktion erfolgte. Eine Stellungnahme zu OpenSolaris ließ sich das Unternehmen monatelang nicht entlocken.

Schließlich hatten die Entwickler die Nase voll und kündigten Anfang August das Illumos-Projekt an, um ausgehend von der aktuellen OpenSolaris-Basis ein freies Betriebssystem schaffen will, das vollständig binärkompatibel zu OpenSolaris und Solaris ist. Wenige Tage später bestätigte Oracle dann, was viele bereits befürchtet hatten: OpenSolaris spielt in der Strategie des Unternehmens keine Rolle mehr.

Noch länger dauerte die Zeit der Unsicherheit in der Mandriva-Gemeinde. Seit Jahren finanziell auf wackeligen Füßen stehend, gelang es dem französischen Distributor mehrfach nur mit Hilfe von fremdem Geld, den Geschäftsbetrieb fortzuführen. Die Community fühlte sich des öfteren schlecht informiert und dieses Jahr sickerten auf Twitter und in Blogs Gerüchte durch, nach denen Mitarbeiter schon seit mehreren Monaten kein Gehalt mehr bekommen hätten. Schließlich liquidierte Mandriva die 2004 gekaufte Firma Edge-IT; die dort angestellten Entwickler der Distribution erhielten die Kündigung. Der finanzielle Befreiungsschlag ließ ein Projekt konkret werden, dass bereits mehrere Wochen diskutiert wurde: Der Mandriva-Fork Mageia war geboren.

Unabhängig davon, ob das Unternehmen an seinem wenige Tage später veröffentlichten Bekenntnis zu der Distribution festhält, wird Mandriva weiterleben – ob als Mandriva Linux in der bisherigen Form, als von Mandriva unabhängiger Fork oder als von Mandriva gefördertes Community-Projekt ähnlich wie Fedora, wird die Zukunft zeigen. So ist der freie Code – nicht nur bei OpenSolaris und Mandriva – Garant dafür, dass beliebte Software nicht wirtschaftlichen (Fehl)entscheidungen und sich ändernden Unternehmensstrategien zum Opfer fällt, sondern auch ohne den ursprünglichen Schöpfer weiterlebt. Den Nutzen haben die Anwender, die mit dem Einsatz freier Software mehr Unabhängigkeit gewinnen. (amu)

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