Die Woche: Oberflächlich offen

@ctmagazin | Kommentar

Mit "Open Surface" hat Microsoft auf der Konferenz Oscon einen neuen Begriff eingeführt. Der hat jedoch mit Offenheit im Sinne von Open Source nichts zu tun, das Konzept dient primär Microsofts Eigeninteressen.

In seinem Vortrag auf der Konferenz Oscon hat Microsoft-Manager Gianugo Rabellino in seiner Keynote den Begriff "Open Surface" geprägt. Dank dem Cloud-Computing sei Offenheit für den Kunden nur noch an der Oberfläche wichtig. Entscheidend sei, dass Schnittstellen, Protokolle und Standards für die Datenverarbeitung in der Cloud offen sind – ob die Plattform darunter auf freier oder proprietärer Software oder einem Gemisch daraus bestehe, sei für den Kunden irrelevant.

Das Pendant zum Quellcode in der Cloud sieht Rabellino in den Geschäfts- und Nutzungsbedingungen sowie in Zusagen an die Dienstqualität. Diese müssten vernünftig ausgestaltet und transparent sein. Unter der Haube müsse dagegen nicht unbedingt ein offener Kern sein, dort könnten auch mehrere Lizenzierungsmodelle zum Einsatz kommen. Als Beispiel führte er unter anderem an, dass etwa PHP recht gut auf Azure, der Cloud-Plattform von Microsoft, laufe. Außerdem betonte er, Microsoft sei offener geworden, selbst im Firmensitz in Redmond würde in über der Hälfte der 60 Gebäude mit freier Software gearbeitet.

Man kann es zwar bemerkenswert finden, dass nun auch die ursprünglich als "bäh" geltende freie Software bei Microsoft zur Selbstverständlichkeit geworden ist, ein Zeichen für mehr Offenheit ist die Benutzung von Open-Source-Software jedoch nicht – genausowenig wie das neu geprägte Buzzword "Open Surface", hinter dem sich eine Strategie verbirgt, die primär dem Eigeninteresse von Microsoft dient.

Letzlich handelt es sich bei dem von Rabellino verwendeten Begriff um nichts anderes als die Veröffentlichung des Cloud-API. Und das ist für eine Firma, die sich gegen Konkurrenten wie die Elastic Compute Cloud von Amazon und die Google App Engine behaupten will, nahezu unumgänglich: So wie ein Programmierer für ein herkömmliches C-Programm die Funktionen und Parameter der Systembibliotheken kennen muss, um zum Beispiel auf die Soundkarte zuzugreifen, muss der Programmierer einer Cloud-Anwendungen das Cloud-API kennen, um Daten zu speichern oder zu transferieren. Würde Microsoft das Cloud-API geheim halten oder nur unter Verschwiegenheitsklauseln und Erwerb einer Lizenz herausgeben, gäbe es entsprechend weniger Interessenten und somit letztlich auch weniger Cloud-Apps. Insofern ist Open Surface nichts anderes als eine Nebelkerze: Microsoft verkauft der Öffentlichkeit eine pure Notwendigkeit als generöses Zugeständnis.

In einem Punkt hat Rabellino allerdings ansatzweise Recht: Dem Kunden ist es zunächst einmal egal ob sich unter der Haube ein offenes oder proprietäres System befindet, solange das Zeug funktioniert. Wenn er jedoch merkt, dass der Besitzer des darunterliegenden Systems auch die komplette Macht über die Schnittstellen hat und sie jederzeit modifizieren oder beschränken kann, könnte sich das ändern. (amu)

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