Die Woche: Raus aus der Patentfalle

@ctmagazin | Kommentar

Zwei Themen beherrschen derzeit in der Linux-Welt die Schaubühne der Software-Patente: Das Für und Wider der Entwicklungsumgebung Mono und die Sache mit den VFAT-Patenten im Kernel.

Spätestens seit Microsoft gegen TomTom wegen der vermeinlichen Verletzung von Patenten im Linux-Kernel des Navi-Hersteller in die Schlacht zog brodelt es wieder in der Patente-Gerüchteküche. Zu einem Verfahren kam es nicht, die Sache wurde außergerichtlich geklärt. Nicht jedoch bevor TomTom gelobte, die durch zwei Patente geschützte Technik für lange Dateinamen im FAT-Dateisystem aus seinen Geräten zu entfernen und sich zudem zu einer – vermutlich happigen – Summe an Lizenzzahlungen an Microsoft verpflichtete.

Ereignisse wie diese werden auch den Gegnern von Mono noch frisch im Gedächtnis sein. In den letzen Wochen flammte die bereits uralte Diskussion um die freie .NET- und C#-Implementierung wieder in aller Heftigkeit auf. Der direkte Auslöser dürfte die von manchen befürchtete Aufnahme von Mono als fester Bestandteil von ausgerechnet Debian sein. Sogar der ehrwürdige Richard Stallman mischte sich mit einem warnend erhobenen Finger – "Es ist gefährlich, auf C# zu setzen" – in die darauf folgende Debatte ein.

Tatsächlich ist nicht klar, ob Microsoft, das Millionen in .NET investiert hat und nach eigenem Bekunden zahlreiche Patente auf das Framework hat, den Mono-Entwicklern nicht irgendwann mal den Boden unter den Füßen wegziehen wird. Und an dieser Situation wird sich nichts ändern, so lange der Software-Gigant aus Redmond nicht deutlich macht, um welche Patente es geht und den Mono-Entwicklern in seiner Gnade das kostenfreie ewigwährende Nutzungsrecht an ihnen einräumt.

Auch die Linux-Kernel-Entwickler dürfte Microsofts Scharmützel mit TomTom nachdenklich gestimmt haben, ist doch VFAT-Support seit jeher in Linux enthalten. Jedenfalls scheint die Offensive von Microsoft für Andrew Tridgell – vor allem bekannt durch seine Arbeit beim Samba-Projekt –, Grund genug gewesen zu sein, sich um einen kreativen Ausweg aus der potentiellen Patent-Falle zu bemühen. So reichte er zuerst im Mai und vor wenigen Tagen erneut einen Patch ein, der die Problematik umschiffen soll.

Tridgell macht sich mit seinem Workaround die Tatsache zunutze, dass die beiden VFAT-Patente sich explizit auf das Erstellen von sowohl einem kurzen (nach dem klassischen "8+3"-Muster) als auch einem langen Namen für jede Datei beziehen. Der Patch, der in Form einer boolschen Variable daherkommt, erstellt im "Aus"-Zustand auf VFAT-Systemen die einen langen Dateinamen erfordern, einen nach VFAT-Konvention ungültigen Kurznamen. Dazu benutzt er Leerzeichen, Nullen und sonstige unzulässigen Zeichen. Eine so erstellte Datei ist also unter diesem Kurznamen effektiv im Filesystem nicht auffindbar, geschweige denn adressierbar.

Stecken die Mono-Verfechter also gewissermaßen den Kopf in den Sand, erkennen zumindest einige der Kernel-Entwickler die potentielle Gefahr und versuchen sich an Ausweichmanövern. Dass die Thematik dabei nicht offen diskutiert werden kann – Feind hört mit –, macht die Sache nicht gerade transparenter. Uneingeweihten dürfte sich der Zweck der beiden VFAT-Patches (der zweite löst den ersten ab) gar nicht erst erschließen: Sie beheben keinen offensichtlichen Fehler und fügen auch keine neue Funktionalität hinzu.

Erst die von Tridgell speziell zu den Patches ins Leben gerufene FAQ bringt Licht ins Dunkle. Demnach sollen die Workarounds dafür sorgen, dass die besagten VFAT-Patente gar nicht auf den Linux-Kernel zutreffen und dadurch das Risiko einer Patentklage minimieren. Schlau, wenn man bedenkt, dass sich die wenigsten Organisationen und Unternehmen ein langwieriges und kostspieliges Patentverfahren leisten können. Wer also nicht ganz viel Rückendeckung in Form eines eigenen unfamgreichen Patentportfolios oder riesiger finanzieller Reserven hat, tut gut daran, einen Rechtsstreit zu vermeiden. Leider auch wenn die Chance durchaus gegeben ist, dass das Patent letztendlich vor Gericht durchfällt.

Ob die Kernel-Entwickler, allen voran Linux-Schöpfer Torvalds, sich für den Trick erwärmen können, muss sich zeigen. FAT-Maintainer Ogawa Hirofumi jedenfalls hat inzwischen durchblicken lassen, den Patch wohl aufnehmen zu wollen. Ebenso ist dahingestellt, ob dieser Ansatz einen Richter überzeugen würde, auch wenn aus der FAQ hervorgeht, dass sich zumindest einige Patentanwälte mit der Materie beschäftigt haben.

In einer Welt, in der Software-Patente eine Realität sind und Riesenunternehmen wie Microsoft durchaus gewillt sind, diese Waffe nicht nur gegen Linux in Stellung zu bringen sondern sie auch einzusetzen wie der Fall TomTom zeigt, gilt es, der Gefahr zu begegnen. In diesem Sinne ist die Strategie von Tridgell und Konsorten, den Aufmarsch durch das Untergraben von Patenten zu stoppen, ein interessanter Schritt. Mal schauen, wer den längeren Atem hat.

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