Die Woche: Reales Geld für die virtuelle Zukunft

@ctmagazin | Kommentar

Kaum hatte Vmware seinen Gang an die Börse absolviert, kam die nächste Virtualisierungsschlagzeile: Citrix kauft XenSource – für 500 Millionen US-Dollar. Das ist eine Menge Geld für ein kleines Startup, aber die Übernahme birgt interessante Perpektiven.

Schauen wir erst einmal aufs Geld. Was kriegt Citrix für 500 Millionen US-Dollar – ein Betrag, der in der Größenordnung eines halben Jahresumsatzes von Citrix liegt? XenSource hat rund 80 Mitarbeiter, etwa 650 Kunden und fährt einen Jahresumsatz irgendwo zwischen 1 und 5 Millionen Dollar ein (genaue Zahlen veröffentlicht das Unternehmen nicht). Bislang finanzierte sich XenSource mit Risikokapital.Mit der dritten Finanzierungsrunde im November vergangenen Jahres sind insgesamt etwa 40 Millionen Dollar Venture Capital zusammengekommen – die XenSource-Investoren haben ihren Schnitt gemacht.

Umsätze generiert XenSource mit XenServer und XenEnterprise, gerade in der Version 4 erschienen. Die Software, im Abonnement mit Support erhältlich, ergänzt den Open-Source-Hypervisor Xen um Managementtools, Performance-Überwachung, Ressourcenmanagement und (bei XenEnterprise) um eine Storage-Integration, letzteres im Rahmen einer Kooperation mit Symantec/Veritas. XenSource verspricht, mit seinen Produkten aus der "rohen" Open-Source-Technologie Xen eine unternehmenstaugliche Lösung zu machen, die mit einem Produkt wie Vmware Infrastructure konkurrieren kann.

XenSource präsentiert sich so als Player im Markt für Virtualisierungslösungen, dem die Auguren in den nächsten Jahren ein stürmisches Wachstum voraussagen – Citrix erwartet im nächsten Jahr bereits 50 Millionen US-Dollar Umsatz aus der Akquisition. Dabei baut man sicher auf den eigenen Vertriebskanal, über den die XenSource-Produkte neue Kunden erreichen können.

Und Virtualisierung passt perfekt in das Citrix-Angebot. Das Schlagwort ist Desktop-Virtualisierung – derzeit noch experimenteller als die Virtualisierung von Servern, aber eine massive Bedrohung des Citrix-Kerngeschäfts: "application delivery infrastructure", sprich: Terminal-Services. Wenn erst einmal die kompletten Desktop-Systeme als virtuelle Maschinen im Rechenzentrum laufen, wer braucht dann noch Terminal-Services? Mit XenSource und der Xen-Technologie hat man das Rüstzeug, schnell eine eigene Lösung zur Desktop-Virtualisierung auf die Beine zu stellen.

Außerdem hat XenSource ein besonderes Asset zu bieten: die enge Kooperation mit Microsoft in Sachen Interoperabilität zwischen Xen und Microsofts für das nächste Jahr angekündigter "großer" Virtualisierungslösung Viridian. Angeblich hat XenSource im Rahmen dieser Zusammenarbeit Zugriff auf den Viridian-Quellcode. Citrix wiederum ist ebenfalls ein enger Microsoft-Partner, eng in der Windows-Welt verhaftet – und ebenfalls mit Zugriff auf Microsoft-Quellcode. Da ist es gar nicht so überraschend, wenn in der Pressemitteilung von einer "Verpflichtung zur Windows-Plattform" und der Entwicklung von Produkten die Rede ist, die auf Viridian aufsetzen.

Die Citrix-Vision sieht also möglicherweise so aus: Ein Set einheitlicher Tools zum Management virtualisierter Desktops, die sich gleichermaßen auf Windows- wie Linux-Servern einsetzen lassen, womöglich inklusive nahtloser Migration zwischen Xen und dem Microsoft-Hypervisor für die heterogenen Serverlandschaften, wie sie in vielen Rechenzentren die Regel sind – entwickelt mit dem Know-how von XenSource, dessen Entwickler in der einen wie der anderen Technologie verwurzelt sind.

Und was wird aus Xen? Citrix und XenSource sprechen davon, dass sie eine "unabhängige Steuerung" des Open-Source-Projekts entwickeln wollen, transparent und anbieterneutral. XenSource-CEO Peter Levin spricht von einem "unabhängigen Gremium", das das Xen-Projekt übernehmen soll. Einige Analysten interpretieren das in der Richtung, dass die Kontrolle über Xen an ein Konsortium oder eine Stiftung übergehen könnte. Schon jetzt arbeiten zahlreiche Firmen gemeinsam an Xen, neben XenSource/Citrix unter anderem IBM, HP und Dell, Novell, Red Hat und Sun, AMD und Intel, Cisco, NetApp und Veritas. Wenn in diesem Zusammenhang das Beispiel Eclipse zitiert wird – ein Open-Source-Projekt mit der Kerntechnologie, das von verschiedenen Unternehmen vorangetrieben wird und um das sich ein Ökosystem mit zahlreichen freien und kommerziellen Angeboten gebildet hat –, ist das vielleicht gar keine unplausible Alternative. (odi)

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