Die Woche: Software-Appliances

@ctmagazin | Kommentar

Appliances lösen zwei große Probleme von Open-Source-Software: ihre Komplexität und ihre Modularität. Sie machen sich die Flexibilität von freier Software zu Nutze, um Anwendern die Komplexität zu ersparen.

Unter dem Namen Icebreaker bietet Datenbank-Hersteller Ingres eine Software-Appliance an. Das RDBMS mit integriertem Linux-Unterbau soll den Einsatz von Ingres 2006 im Vergleich zu einer herkömmlichen Installation deutlich vereinfachen. Das Spin-Off von Computer Associates ist der erste Datenbank-Anbieter, der sein Kernprodukt offiziell in dieser Form freigibt. Als Grundlage setzt Ingres auf rPath Linux, eine speziell für diesen Zweck entworfene Distribution.

Denkt man bei einer Appliance in erster Linie an ein Hardwaregerät, so hat sich der Begriff inzwischen auch in der Software-Welt etabliert. Software-Appliances sind "in". Die vorgefertigten Pakete aus Betriebssystem und Anwendungssoftware lösen ein Problem, mit dem viele Open-Source-Anwendungen zu kämpfen haben: ihre Komplexität.

Was gerne auf der Habenseite von OSS verbucht, hat nämlich auch Nachteile: umfangreiche, nicht immer gut dokumentierte Konfigurationsmöglichkeiten und die vom Anwender selbst zu leistende Integration unterschiedlichster Komponenten. Wenn etwa eine moderne Software mit AJAX-Oberfläche nebst LAMP-Unterbau (Linux, Apache, MySQL, PHP) noch einen Application Server samt Java-Infrastruktur und vielleicht noch ein bisschen weitere Middleware benötigt, werden Einrichtung, Konfiguration und Feintunung des Gesamtsystems schnell zu einer kniffligen Aufgabe.

Für den Anwender liegt der Reiz von Appliances vor allem in der einfachen Installation und Konfiguration und den damit einhergehenden Kosteneinsparungen bei Einrichtung und Systempflege. Weder muss er die einzelnen Komponenten in mühseliger Konfigurationsarbeit selbst aufeinander abstimmen, noch ist er gezwungen, sich auf die Suche nach Patches zu machen, oder gerät in Nöte, wenn eine Sicherheitslücke eine neue Version einer Komponente erzwingt und er nicht weiß, ob damit auch das Gesamtsystem noch läuft. Die Vorkonfiguration macht das System weniger fehleranfällig und spart viel Arbeit; durch den Verzicht auf nicht benötigten Dienste bieten Appliances zudem weniger potentielle Angriffsfläche. Das Gesamtsystem lässt sich über eine einheitliche Oberfläche bedienen – Betriebssystemeigenheiten bleiben versteckt.

Kommt es doch zu Problemen, sollte der Anwender einer Appliance sich darauf verlassen können, dass für das Komplettpaket eine einzige Firma als Ansprechpartner geradesteht. Steht ein Upgrade einer der Komponenten an, stellt der Hersteller in der Regel eine neue Appliance bereit.

Und auch Anbieter ernten die Früchte des Modells. Appliances sparen viel Test- und Konfigurationsarbeit. Durch die standardisierte Umgebung, in der Anwendung und Betriebssystem eng miteinander verzahnt sind, entfällt viel von der Komplexität, die normalerweise mit der Unterstützung einer Applikation auf diversen Plattformen verbunden ist.

Vor allem der IT-Megatrend Virtualisierung dürfte zur Popularität von Appliances beigetragen haben. Sogenannte virtuelle Appliances sind für den Einsatz unter Virtualisierern, zum Beispiel VMWare oder Xen, gedacht. Weil virtuelle Maschinen unabhängig von der realen Hardware immer gleich sind, gehören Kompatibilitätsprobleme der Vergangenheit an – das macht das Leben für Hersteller wie Anwender leichert. Zudem benötigen virtuelle Appliances benötigen keine dedizierte Hardware. Leistungsfähige Hardware vorausgesetzt, arbeiten sie prima zu mehreren auf einem Rechner. Und sollte die Maschine mal den Geist aufgeben, lässt sich die Appliance schnell auf einer anderen Maschine wiederbeleben.

Die meisten Software-Appliances setzen auf Linux: Es ist kostenlos verfügbar und flexibel anpassbar – hier wird die Flexibilität von Open Source wieder zum Vorteil. Zumindest für kommerzielle Anbieter von Appliances scheint sich hier das US-amerikanische Startup-Unternehmen rPath als Linux-Anbieter der Wahl zu etablieren. Mit rPath Builder bietet es eine Plattform, auf der sich (virtuelle) Software-Appliances bequem erstellen und managen lassen. Die Grundlage bildet das eigene rPath Linux.

Nicht nur Ingres setzt auf rPath. Der Datenbank-Anbieter folgt in den Fußstapfen von VoIP-Pionier Digium, der seine Asterisk Business Edition als Linux-Appliance vertreibt, und CRM-Spezialist SugarCRM. Groupware-Startup Zimbra stellt die Enterprise-Variante seiner Zimbra Collaboration Suite ebenfalls als Appliance zur Verfügung. Die kostenlose Community Edition soll folgen. Die Firma arbeitet zudem mit verschiedenen Value-Added-Resellern zusammen, die die Groupware als vorkonfigierte Hardware-Appliance, eine Art Groupware-Black-Box also, verkaufen. Eine geradezu erschlagende Auswahl an virtuellen Appliances findet sich auf Websites wie VMware Virtual Appliance Marketplace oder virtualappliances.net.

Im gewissen Sinne stellen Software-Appliances die In-House-Entsprechung zu Software as a Service (SaaS) dar. Ebenso wie bei SaaS kümmert sich der Anbieter um die Abstimmung der einzelnen Komponenten aufeinander sowie um Wartung und Aktualisierung der Software. In beiden Fällen bezieht der Kunde die Dienstleistung üblicherweise im bezahlten Abonnement. Appliances bieten mehr Flexibilität, wenn es um die Anbindung an die vorhandene IT-Infrastruktur geht. Auch sind sie in der Regel performanter als per Breitband angebundene SaaS-Anwendungen und stehen auch dann noch zur Verfügung, wenn die Internet-Verbindung mal streikt.

Für Testzwecke und zur Evaluierung neuer Software eignen sich Appliances durch den minimalen Konfigurationsaufwand und die standardisierte Umgebung hervorragend. Als Kompromiss zwischen Flexibilität und einfacher Handhabbarkeit nehmen die Instantserver eine Zwischenposition zwischen herkömmlichen Serverinstallationen und SaaS ein. Mit der zunehmenden Verbreitung von Virtualisierungstechniken dürften sich Software-Appliances bald im größeren Rahmen am Markt durchsetzen. (akl)

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