Die Woche: Television impossible

@ctmagazin | Kommentar

Man sollte meinen, fernsehen kann jeder. Für die Klassik-Variante auf der Couch mag das wohl stimmen, kommen aber ein PC, DVB-T und Linux ins Spiel, steht statt des gemütlichen Fernsehabends eine lange Bastelnacht an.

Ich möchte fernsehen – nicht auf der Couch mit einer Schüssel Chips daneben, sondern während der Arbeit am Rechner mal nebenbei. In Hannover bietet sich der Kauf einer DVB-T-Karte an. Ab in den Geiz- oder Blöd-Markt, billigste Karte abgreifen und loslegen scheidet aber aus, denn ich habe Linux (klingt ein wenig wie "ich habe Flöhe/Herpes/die Pest"). Windows verrichtet hier zwar auch seinen Dienst, aber ich bevorzuge Hardware, die mit allen meinen Rechnern läuft.

Doch – welch ein Glück – ich bin ja c't-Redakteurin: Also auf ins Multimedia-Ressort, in den Tiefen des Kollegen-Schreibtischs das Wunschmodell, eine Terratec Cinergy DT USB XS Diversity, finden und ausprobieren. Der Testlauf auf dem Redaktionsrechner mit Ubuntu klappt einwandfrei, aber so leicht lasse ich mich nicht einlullen: Die Bestellung an den Terratec-Online-Shop geht erst raus, wenn der DVB-Stick auch auf dem heimischen Mandriva und Windows XP bewegte Bilder auf den Desktop zaubert – was er anstandslos tut.

Die drei Tage später eintreffende Lieferung wird freudig ausgepackt, läuft mit dem Windows-Treiber einwandfrei und unter Mandriva gar nicht. Weder lädt mein bockiger Pinguin automatisch einen Treiber noch lässt er sich durch händisches Laden der Module dvb_usb_dib0700 und mt2266 davon überzeugen, dass nun der Fernsehabend anfängt. Mein bester Freund, den ich mit Millionen Linux-Nutzern teile, heißt Google und weiß Rat. Ich soll mir mal die Device-ID anschauen, wenn die 0081 ist, habe ich Glückskind eine zweite Revision des Sticks erwischt, die mit dem Treiber im Kernel nicht funktioniert. Überrascht hier irgendwen die Zeile

idProduct=0081

in meiner /var/log/syslog?

Aber Linux wäre nicht Linux, wenn nicht irgendein findiger Hacker schon diese Besonderheit mit ein paar kryptischen Zeilen ins Kernel-Modul eingefrickelt hätte. Allein der magische Patch von Nicolas Fournier ist nötig, um meinem DVB-T-Stick unter Linux Leben einzuhauchen. Das gute Stück ist Mitte Januar geschrieben worden, wurde in den Kernel aufgenommen und ich habe nun die Wahl, auf die nächste Version meiner Distribution zu warten oder meinen Kernel neu zu übersetzen.

Ich benutze Linux seit Jahren, bin Schmerzen gewohnt und wähle Option Nr. 2 – schon heute Abend soll Dr. House über meinen KDE-Desktop proleten. Also Kernel-Source einspielen, Patch ziehen und wieder ist Nacht im Schacht. Wo auch immer Nicolas Fournier seinen Patch ausprobiert hat – es war auf keinen Fall ein Mandriva mit liebevoll vom Distributor optimierten Kernel-Quellen. Mit patch lässt sich das Ding nicht applizieren, also drucke ich es aus und pflege die geänderten Zeilen von Hand in die dib0700_devices.c und die dvb-usb-ids.h ein. Das folgende make fällt trotzdem nach launigen 40 Minuten Kompilierarbeit beim Verwursten der dib0700_devices.c auf die Nase – weil ich ein Komma hinter einer geschweiften Klammer vergessen habe. Nach einer weiteren Stunde Wartezeit kann ich dann endlich den neuen Kernel booten, Kaffeine starten und nicht Dr. House gucken – der ist vorbei, stattdessen flimmert das Nachtjournal über den Bildschirm.

Ja, ich weiß: gutes Linux, aber böse Hersteller, die keine Treiber für Linux liefern, böse Distributoren, die an den Kernelquellen rumpfuschen und dumme User, die beim händischen Patchen Kommata vergessen, weil sie nicht fließend C sprechen. Aber ganz ehrlich: Die Schuldfrage ist mir völlig egal! Und nicht nur mir, sondern auch Millionen anderen Usern. Die wollen einfach mit ihrem Rechner arbeiten, spielen, Spaß haben und zwar pronto. Wenn man sich dann schon die Mühe macht, vorher zu überprüfen, ob die Hardware mit Linux zusammenspielt und dann doch fünf Stunden rumbastelt, um einen schnöden DVB-T-Stick ans Laufen zu bekommen, wirkt Windows auf einmal fast wieder attraktiv. So lange sich das nicht ändert, wird es Linux schwer haben, auf dem Desktop Fuß zu fassen – und das völlig unabhängig von der Schuldfrage. (amu)

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