Die Woche: Ubuntu fürs Telefon?

@ctmagazin | Kommentar

Nach Desktops, Servern, Fernsehern und Tablets soll Ubuntu jetzt auch auf Smartphones laufen. Aber wer braucht Ubuntu for phones?

Mit der Ankündigung von Ubuntu for phones setzt Canonical seine Multiplattformstrategie fort: Ubuntu soll nicht nur auf Desktops und Servern laufen, sondern auch auf auf Tablets, Fernsehgeräten und womöglich Spielkonsolen. Und jetzt auch auf Smartphones. In seinem Video wirbt Ubuntu-Mäzen Mark Shuttleworth für die Idee "Ein Betriebssystem für alle Geräte" – und das soll natürlich Ubuntu sein.

Vergrößern Ubuntu for phonesBild: Canonical

Der Android-kompatible Kernel verspricht einfache Portierbarkeit auf zahlreiche Smartphone-Modelle, native C++-Programme mit Qt-Grafik sollen hohe Performance auch auf Mittelklasse-Hardware liefern – damit soll Ubuntu bei den Smartphone-Herstellern punkten. Mobilfunkanbietern verspricht Canonical eine weitgehende Anpassbarkeit des Systems mit eigenen Apps, eigenen Diensten, eigenen Inhalten und eigenem Branding.

Ich glaube totzdem nicht, dass Ubuntu for phone ein großer Erfolg wird. Die Argumente, mit denen Mark Shuttleworth für sein Mobil-Linux wirbt, klingen gut; aber sie gehen an der Realität vorbei.

Ein Betriebssystem für alle Plattformen, vom Smartphone über Tablets und Fernseher bis zum PC? Gibt es längst – es heißt Linux. Aber eine ähnliche Oberfläche für alle Plattformen vom Smartphone bis zum PC? Funktioniert nicht. Eine ordentliche Touch-Oberfläche erfordert andere Bedienkonzepte und -elemente als Tastatur und Maus (von einer TV-Fernbedienung ganz zu schweigen). Und natürlich sieht eine effiziente Bedienoberfläche auf einem großen Monitor anders aus auf einem 4-Zoll-Display. Responsive Design hin oder her: Es hat schon seinen Grund, dass so viele Websites in unterschiedlichen Versionen für PCs und Mobilgeräte entwickelt werden.

Auch das versprochene SDK, mit dem man Apps plattformübergreifend erstellen kann, ist bei näherem Hinsehen kein wirkliches Argument. Bislang sind alle Tools für plattformübergreifende Softwareentwicklung Nischenlösungen geblieben: Die meisten Programmierer nutzen lieber alle Möglichkeiten des Systems, mit dem sie sich auskennen, als eine zusätzliche Abstraktionsschicht einzuziehen, die nicht viel mehr als den kleinsten gemeinsamen Nenner aller unterstützten Plattformen zulässt. Zudem wird sich ein Programm, das auf einem 27-Zoll-Display gut aussieht und für Tastatur und Maus konzipiert ist, auf einem Smartphone kaum bedienen lassen – und umgekehrt. Warum wohl gibt es so viele Apps in einer Smartphone- und einer HD-Variante für Tablets?

Und ob es die Attraktivität einer neuen Mobilplattform wirklich erhöht, dass Apps dafür (theoretisch) auf einem Desktop-System laufen könnten, das auch nur einen einstelligen Marktanteil hat? Ob Apple mit iOS und Mac OS oder Google mit Android und ChromeOS: Gerade die erfolreichen Player im Smartphonegeschäft zeigen, dass der Ansatz "one size fits it all" offenbar nicht zieht. Microsofts Windows (Phone) 8 hat den Gegenbeweis bislang noch nicht überzeugend angetreten.

Die meisten App-Anbieter unterstützen schon jetzt iOS und Android; wenn eine dritte Plattform hinzukommt, wird das ziemlich sicher Windows Phone 8 sein, bei dem Aufwand, den Microsoft da reinsteckt. Und dann noch ein weiteres Mobilbetriebssystem, das wieder eine ganz andere API mitbringt? Nach Objective C (iOS), Java (Android) und C++ (Windows 8) jetzt auch noch QML oder HTML5?

Bleiben die Mobilfunkanbieter. T-Mobile & Co. würden ihre Kunden liebend gerne mit eigenen Apps und Diensten an sich binden, statt ihnen Telefone zu verkaufen, die gespickt sind mit den Angeboten von Google, Apple, Samsung und Co. So unterstützt die spanische Telefónica Mozilla bei der Arbeit an Firefox OS; Samsung entwickelt derzeit zusammen mit der japanischen NTT Docomo Smartphones mit dem MeeGo-Nachfolger Tizen.

Aber welcher Anwender wird sich darauf noch einlassen? Heutzutage installiert man seine Wunsch-Apps aus einem Angebot von hunderttausenden von Anwendungen, speichert seine Dateien bei Dropbox, mailt bei Google, hört Musik mit Spotify, verabredet sich mit Whatsapp. Wer will da noch ein magenta-farbenes Smartphone kaufen, das auf den App-Store und die Dienste des eigenen Mobilfunk-Providers festgenagelt ist?

Zudem verfolgen Tizen, Firefox OS und auch das Sailfish OS von Jolla, entstanden aus Nokias ehemaligen MeeGo-Team, ganz ähnliche Konzepte wie Ubuntu for phone: Überall steckt der Linux-Kernel drin, überall sollen die Apps – plattformübergreifend ­– in HTML5 und/oder Qt programmiert werden, überall sollen die Mobilfunkanbieter mehr Einfluss nehmen können als bei iOS und Android. Und zumindest Tizen läuft auch auf Tablets und Fernsehern.

Aber während Canonical noch auf der Suche nach einem Partner ist und die ersten Ubuntu-Smartphones für Anfang 2014 in Aussicht stellt, wollen Mozilla und Telefónica bis zum Sommer die ersten Firefox-Smartphones auf den südamerikanischen Markt bringen, verspricht Jolla die ersten Sailfish-Smartphones für dieses Frühjahr, soll Samsungs Tizen-Phone noch dieses Jahr in den Handel kommen.

Wer will da noch auf Ubuntu for phones warten? (odi)

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