Die Woche: Ubuntu und das Geld

@ctmagazin | Kommentar

Es gibt Millionen Ubuntu-User weltweit – damit muss sich doch irgendwie Geld verdienen lassen? Canonical könnte ganz neue Wege gehen, die sich eher von Apple als von Red Hat & Co. inspiriert sind.

Canonical, das Unternehmen hinter Ubuntu, hat ein Problem: Ubuntu mag zwar die beliebteste Linux-Distribution sein und auf Millionen Rechnern laufen (siehe auch Die Neuerungen von Ubuntu 10.10); die Weiterentwicklung der Linux-Distribution hängt aber nach wie vor am Tropf von Ubuntu-Mäzen Mark Shuttleworth. Canonical legt seine Zahlen nicht offen, aber bislang hat noch niemand aus dem Unternehmen behauptet, dass man Geld mit Ubuntu verdient.

Dabei bietet Canonical durchaus kommerzielle Dienstleistungen an – für Privatanwender den Online-Dienst Ubuntu One, zudem Desktop-Support und Trainingsmaterial. Ubuntu One ist allerdings in der Basisversion kostenlos, und Privatanwender sind nur selten geneigt, zu einer freien Software Support zu kaufen oder für den günstigsten Webkurs "Ubuntu Professional Training" 250 Euro hinzublättern. Aber das ist keine neue Nachricht: Red Hat und (damals noch) Suse haben das Geschäft mit den Privatanwendern schon lange aufgegeben und konzentrieren sich ganz auf den Linux-Einsatz in Unternehmen.

Nun hat Canonical ja auch den (ebenfalls kostenlosen) Ubuntu Server im Angebot, für den man Unternehmen Support, Training, Consulting, Hilfe bei der Softwareentwicklung und die Zertifizierung von Hard- und Software für Ubuntu anbietet. Aber ob es dafür eine große Nachfrage gibt? Das Geschäft mit Linux-Servern in Amerika und EMEA haben Red Hat und Novell weitgehend unter sich aufgeteilt. Und in die klassischen Linux-Einsatzfelder – Internet-, Abteilungs-, Netzwerkinfrastruktur- und Datenbankserver – scheint Canonical gar nicht so recht zu wollen (obwohl der Ubuntu Server das alles selbstverständlich kann): In der Ankündigung des aktuellen Ubuntu Server 10.10 reden die Südafrikaner vor allem von der Cloud; und auch die Neuerungen gegenüber der Vorversion konzentrieren sich auf den Cloud-Einsatz.

Die Cloud ist allerdings nach wie vor eine eher nebulöse Angelegenheit und selbst unter Linux-affinen Unternehmen nicht sehr angesagt – riesig ist die Nische also nicht gerade, die Canonical da besetzen will. Und selbstverständlich haben die etablierten Linux-Anbietern Red Hat und Novell auch längst die Cloud entdeckt.

Wo also soll das Geld herkommen? Millionen Ubuntu-User in der ganzen Welt, das müsste sich doch irgendwie in Einnahmen umsetzen lassen. Welches Unternehmen schafft es meisterhaft, mit Endanwendern Geld zu verdienen? Apple. Und zwar nicht nur mit Hard- und Software, sondern mit einem Online-Musikvertrieb (iTunes), einem Online-Dienst zur Datensynchronisierung (MobileMe) und – derzeit das Boomthema überhaupt – einer Infrastruktur zum Verkaufen von Apps für iPhone und iPad.

Canonical wiederum startete im Frühjahr mit der Freigabe von Ubuntu 10.04 LTS seinen Online-Musikvertrieb. Der ist integriert in den vor einem Jahr mit Ubuntu 9.10 angelaufenen Online-Dienst Ubuntu One, der jedem Ubuntu-User kostenlos zwei GByte Speicherplatz zum Synchronisieren von Dateien, Kontakten und Bookmarks zur Verfügung stellt. Wer mehr Speicherplatz braucht oder auch mit Mobilgeräten synchronisieren möchte, muss auf ein kostenpflichtiges Angebot updaten.

Aber ein Ubuntu App Store? Seit der aktuellen Version 10.10 enthält das Software-Center in Ubuntu eine Abteilung für kostenpflichtige Programme. Dort herrscht freilich noch gähnende Leere – aber vielleicht nicht mehr lange: Canonical arbeitet bereits an einer Infrastruktur, die das Erstellen und Vertreiben von Apps für Ubuntu erleichtern soll. Die Bestandteile sind Quickly, eine Umgebung zum einfachen Erstellen von GUI-Programmen mit Python, und ein neuer Zertifizierungsprozess für Anwendungen, die ohne großen Aufwand auf Ubuntu-Systemen laufen. Kombiniert man das mit dem Zweig für Kaufprogramme im Software-Center und ergänzt noch die nötigen Prozesse zur Abrechnung, wäre alles zusammen, was so ein App Store braucht: Plattform, Entwicklungstools, Vertriebskanal.

Aber kann so etwas in der Welt der freien Software funktionieren? Das verbreitete Vorurteil, Linux-User würden für Software kein Geld ausgeben, hat der Spiele-Hersteller Wolfire bei seiner Pay-what-you-want-Aktion klar widerlegt. Vielleicht kann man Linuxern keine hunderte Euro für eine Office-Suite aus dem Kreuz leiern, wenn es mit [Open|Libre]Office eine kostenlose Alternative gibt; aber in paar Euro für eine pfiffige App mag der eine oder andere Ubuntu-User durchaus springen lassen, wenn sie ihm ansprechend präsentiert wird. Mal sehen, was Ubuntu 11.04 bringt ... (odi)

Kommentare

Kommentare lesen (177 Beiträge)

Anzeige
Anzeige