Die Woche: Ubuntu und der Kommerz

@ctmagazin | Kommentar

Mit Amazon-Links im Dash von Ubuntu 12.10 will Canonical eine neue Einkommensquelle erschließen. Das ist durchaus legitim – und trotzdem ist die Shopping-Linse eine dumme Idee.

So ganz kann ich die Aufregung um den Einbau von Amazon-Suchergebnissen in den Ubuntu-Desktop nicht nachvollziehen. Egal, ob ich bei Google suche, auf heise online News lese oder auf dem Android-Handy Angry Birds spiele: Überall wird geworben. Ob man das als lästige Reklame oder als willkommenen Hinweis wahrnimmt, hängt davon ab, wie aufdringlich die Werbung ist und ob einen das Angepriesene gerade interessiert. Die Amazon-Links im Unity-Dash gehören zu den eher dezenten Werbeformen – und man kann sie durch Deinstallation des Programmpakets unity-lens-shopping problemlos loswerden.

Eine blöde Idee sind die Amazon-Links im Dash aber trotzdem, und den Grund dafür liefert Ubuntu-Sponsor Mark Shuttleworth ausgerechnet in seiner Verteidigung der Amazon-Suchergebnisse im Dash. Da spricht er nämlich davon, dass die Amazon-Links nur der erste Schritt sind, die Ergebnisse der Suche auf der Dash-Startseite um lokale und Online-Treffer zu erweitern. Und das ist ein Problem.

Die Dash-Startseite, die der Ubuntu-Desktop Unity bei einem Klick auf das Ubuntu-Logo links oben anzeigt, kombiniert nämlich die Treffer aus verschiedenen Programmen (so genannten Lenses), wenn man einen Suchbegriff in das Suchfeld eintippt. In Ubuntu 12.04 sind das standardmäßig die Anwendungen-Linse (eine treffendere Übersetzung wäre vielleicht Anwendungen-Brille oder -Perspektive), Dateien-Linse, Musik-Linse und Video-Linse. Und so tauchen bei einer Suche auf der Dash-Startseite installierte Anwendungen sowie auf dem PC gespeicherte Dateien, Musik und Videos auf.

Schon jetzt gibt es zahlreiche weitere Linsen zum Nachinstallieren, die beispielsweise das aktuelle Wetter an einem Ort anzeigen, passende Wikipedia-Einträge aufstöbern, nach Rezepten oder News suchen. Und auch die Standard-Linsen könnten die Dash-Startseite mit mehr Ergebnissen beliefern: Die Anwendungen-Linse findet schon jetzt auch installierbare Programme suchen, die Musik-Linse Kaufmusik bei Ubuntu One, die Video-Linse Youtube-Filme. Auf der Startseite werden freilich nur lokale Treffer angezeigt.

Wenn die Entwicklung in die Richtung geht, die Shuttleworth vorschwebt, dürfte die Dash-Startseite in Zukunft jedoch viel mehr anzeigen. Seine Vision ist eine Rundum-glücklich-Suche: Der Anwender tippt einen Begriff ein, und das Dash liefert, wonach der Anwender gerade sucht – ob eine lokale Datei oder eine Anwendung zum Nachinstallieren, ein Kontakt aus dem Adressbuch oder eine E-Mail zum Thema, ein Buch bei Amazon oder eine Versteigerung bei eBay, ein Album von Ubuntu One oder ein Video auf Youtube, ein Artikel auf Wikipedia, ein Posting auf Twitter, eine Meldung von heise open oder ein Bild von Picasa … man kann sich online wie lokal eine Menge nützlicher Suchen vorstellen.

Je mehr Suchen kombiniert werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass das darunter ist, wonach der Anwender gerade sucht. Je länger die Liste der Ergebnisse, desto höher ist allerdings auch die Wahrscheinlichkeit, dass der entscheidende Treffer in einer Masse irrelevanter Ergebnisse untergeht. Im Allgemeinen weiß man doch recht genau, auf welche Art von Information man gerade aus ist: Nach Büchern und Wikipedia-Artikeln suche ich im Webbrowser, nach Musik im Musikplayer und nach Dateien mit find. Einen Ort, der all das (und noch viel mehr) kombiniert, finde ich völlig überflüssig.

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