Die Woche: Ubuntu und die fünf Prozent

@ctmagazin | Kommentar

Canonical will Ubuntu im kommenden Jahr als dritte Desktop-Plattform neben Windows und Mac OS etablieren. Auf dem Weg dorthin lauern allerdings Gefahren.

Eine steile These hat Chris Kenyon, Verkaufsleiter bei Canonical, da auf dem Ubuntu Developer Summit aufgestellt: Im nächsten Jahr sollen fünf Prozent der neu verkauften Desktop-PCs und Notebooks mit vorinstalliertem Ubuntu ausgeliefert werden. 18 Millionen Ubuntu-PCs möchte das Unternehmen unter die Leute bringen. Vor ein paar Wochen stieß Ubuntu-Sponsor und Canonical-Gründer Mark Shuttleworth in einem Gespräch mit Business Insider ins selbe Horn: "Wir erwarten, im nächsten Jahr an die 20 Millionen PCs [mit Ubuntu] auszuliefern." Visionäre dürfen ein bisschen großzügiger runden als Verkaufsleiter.

Natürlich wird nicht Canonical selbst diese PCs verkaufen, das Unternehmen pflegt laut Shuttleworth Partnerschaften mit den PC-Herstellern HP, Lenovo, Dell, Asus und Acer. Dass man beispielsweise auf dell.com keine Ubuntu-Rechner findet und derzeit zumindest in Deutschland auch auf Nachfrage keinen Ubuntu-PC kaufen kann, muss nicht unbedingt etwas zu bedeuten haben: Shuttleworth und Kenyon sprechen ausdrücklich von weltweiten Verkäufen.

2011 sind gut 350 Millionen Desktop-Rechner und Notebooks über den Ladentisch gegangen. 18 bis 20 Millionen Ubuntu-PCs, das wäre schon ein ordentliches Stück des Kuchens – etwa in der Größenordnung neu verkaufter Macs. Da hat sich Canonical ganz schön was vorgenommen, könnte man meinen; aber laut Kenyon haben die Canonical-Partner 2011 bereits acht bis zehn Millionen Ubuntu-PCs verkauft.

Derzeit dürften zwischen 2 und 2,5 Milliarden Menschen Zugang zum Internet haben. Wenn bis 2013 40 Millionen davon mit Ubuntu surfen, wären das bereits zwei Prozent – und PCs mit Ubuntu gab es auch schon vor 2011 zu kaufen. Ganz zu schweigen von den Millionen Usern, die sich Ubuntu aus dem Internet laden und selbst installieren – nach den Planungen von Canonical müsste Ubuntu in den nächsten eine ähnliche Größenordnung wie Mac OS erreichen, das laut NetMarketShare einen Marktanteil um 6,5 Prozent hält.

Das könnte reichen, um Ubuntu als Plattform für Softwarehersteller attraktiv zu machen. Canonical hat mit seinem Software-Center bereits einen App Store für Ubuntu geschaffen, über den man auch kostenpflichtige Software und Medien (derzeit nur Zeitschriften) verkaufen kann. Electronic Arts und einige weitere Spiele-Hersteller nutzen das bereits, und wer weiß: Vielleicht wird es irgendwann auch für Adobe attraktiv, seinen Photoshop auf Ubuntu zu portieren.

Ubuntus Unity-Desktop

Die wichtigere Frage ist allerdings: Kann Canonical wirklich in Apple-Manier ein eigenes Ökosystem stemmen? Verglichen mit Apple ist Canonical mit seinen gute 400 Mitarbeitern ein Zwerg. Dass das Unternehmen überhaupt daran denken kann, Ubuntu könne im Windows-dominierten Markt der Desktop-Betriebssysteme einen ähnlichen Anteil erobern wie Mac OS, liegt daran, dass Canonical in großem Umfang die Arbeit anderer nutzt und sich aus einem großen Fundus an existierender Linux-Software und bei der robusten Debian-Distribution bedienen kann. Daran ist auch nichts verkehrt, genau so soll Open Source funktionieren; und trotz gelegentlicher Reibereien mit der Debian-, Gnome- oder KDE-Community spielt Canonical im Großen und Ganzen fair mit.

In seinem Bemühen, Ubuntu zu einer attraktiven Plattform für Anwender und Softwarehersteller zu entwickeln und Ubuntu als Marke zu etablieren, geht das Unternehmen allerdings zunehmend Sonderwege. Die Dropbox-Alternative Ubuntu One, der Desktop Unity, das Software-Center, das Boot-System Upstart, das Head-Up-Display (HUD) – all das sind Eigenentwicklungen, die die Canonical-Programmierer weitgehend alleine pflegen müssen. Und das Unternehmen möchte diesen Weg offenbar weitergehen: Gerade haben die Ubuntu-Entwickler das Gnome-Control-Center geforkt, um es als Ubuntu-spezifisches Konfigurationswerkzeug weiterentwickeln zu können.

Dieser Ansatz könnte sich aber als problematisch erweisen: Der Unity-Desktop beispielsweise ist auf die Gnome-Bibliotheken und -Anwendungen und diverse Middleware aus dem Freedeskop.org-Umfeld (D-Bus, Upower, Udisks, ConsoleKit und so weiter) angewiesen. Unity erfordert schon jetzt Patches an den Gnome-Bibliotheken (ein Grund, warum der Canonical-Desktop bislang auf keine andere Distribution portiert wurde). Die Umstellung auf das neue Bootsystem Systemd, die Canonical ausdrücklich nicht mitmachen will, wird mittelfristig den Freedesktop-Stack zwischen Kernel und Desktop verändern. Es könnte daher passieren, dass Canonical immer mehr Software selbst pflegen muss, wenn sich Ubuntu weiter von den aktuellen Entwicklungen bei den anderen Linux-Distributionen abkoppelt.

Es muss sich zeigen, ob Canonical das stemmen kann – oder Wege der Zusammenarbeit mit der restlichen Linux-Community findet, bei der alle auf ihre Kosten kommen. Vielleicht stellt das Unternehmen auch einfach immer mehr Entwickler ein. Dazu müsste man allerdings neue Wege finden, mit Ubuntu Geld zu verdienen: Für Anwender, das hat Canonical versprochen, wird Ubuntu kostenlos bleiben. (odi)

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