Die Woche: Von der Community überholt

@ctmagazin | Kommentar

Mandriva legt die Weiterentwicklung seiner Linux-Distribtion in die Hände der Community. Doch die Linux-Gemeinde entwickelt seit fast zwei Jahren den äußerst erfolgreichen Mandriva-Fork Mageia. Was soll sie jetzt bloß mit dem Original anfangen?

Red Hat und Suse haben es vor Jahren vorgemacht: Man legt die Geschicke einer Linux-Distribution in die Hände der Linux-Community, lässt die hauseigenen Entwickler an wichtigen oder kritischen Systemteilen mitarbeiten und destilliert hin und wieder eine Enterprise-Variante aus der Software, die sich im Community-Umfeld längst bewährt hat.

Damit können beide Seiten, die Linux-Distributoren und die freie Entwicklergemeinde, gut leben. Die freien Entwickler hängen nicht länger am Gängelband des Distributors, sondern entscheiden selbst, welche Entwicklungen sie vorantreiben – und der Distributor kann bewährte Software einfach aus der Community-Distribution übernehmen und muss sich nur noch um Dinge kümmern, die es in der freien Variante nicht gibt.

Mandriva scheute sich lange Zeit, den von den großen Distributoren vorgezeichneten Weg zu beschreiten. Man wollte lieber Herr im eigenen Haus bleiben. Doch die Kommunikation mit den freien Entwicklern klappte nicht, häufig gab es keine klare Struktur und die Entwicklungsvorgaben wechselten mitunter plötzlich. Nachdem Mandriva im September 2010 auch noch etliche Programmierer der Tochterfirma EdgeIT auf die Straße setzte, die hauptsächlich an der Mandriva-Entwicklung beteiligt waren, riefen diese kurzerhand den Mandriva-Fork Mageia ins Leben.

Fast zwei Jahre später rang sich Mandriva doch dazu durch, der Linux-Gemeinde das Hausrecht bei seiner Distribution einzuräumen. Allerdings gibt es mit Mageia längst eine Community-Variante von Mandriva – und laut Distrowatch rangiert sie in der Gunst der Anwender auch noch deutlich höher als das Original. Da stellt sich die Frage, wer das offizielle Mandriva-Community-Linux entwickeln und wer es nutzen soll.

Außerdem unterscheidet sich Mandrivas Vorgehensweise in einem ganz wichtigen Punkt von dem, was Red Hat und Suse vorgemacht haben: Mandriva will die hauseigene Distribution künftig nicht mehr als kommerzielle Server-Variante einsetzen – dazu bedient man sich lieber beim Mageia-Projekt. Mandriva soll also eine reine Community-Distribution bleiben.

Die Basis für die kommerzielle Server-Variante, die Mandriva seit Jahren anbietet und mit deren Support Mandriva sein Geld verdient, soll hingegen Mageia sein – nicht mehr das hauseigene Mandriva Linux. Damit wirft der Distributor allerdings ein paar peinliche Fragen auf: Ist Mandriva Linux etwa nicht gut genug für den professionellen Einsatz? Taugt es wenigstens für den Desktop-Einsatz?

Hinzu kommt, dass sich die Mandriva-Programmierer künftig ausgerechnet um die Weiterentwicklung von Mageia kümmern sollen – eben um daraus eine stabile Server-Distribution destillieren und die dann verkaufen zu können. Da die Community-Variante kein Geld einspielt, werden sich Mandrivas Entwickler dort allenfalls gelegentlich einbringen können. Denn in Zeiten knapper Kassen – und Mandriva hat eine Pleite gerade erst abgewendet – hat eine Firma für solche Spielereien eigentlich kein Geld.

Es scheint, als komme die Veröffentlichung von Mandriva als Community-Distribution viel zu spät: Mageia eignet sich selbst nach Ansicht von Mandriva besser für Server, auch die Desktop-Anwender bevorzugen Mageia und die hauseigenen Programmierer sollen künftig bei der Entwicklung der freien Konkurrenz helfen. Mageia scheint Mandriva also längst überholt zu haben und die Community-Variante ist allenfalls noch für eingefleischte Mandriva-Fans gedacht. Das Bessere war eben schon immer Feind des Guten, und wirtschaftlich könnte Mandrivas Entscheidung für Mageia als die bessere Server-Distribution durchaus von Vorteil sein. Schließlich geht es den zahlenden Kunden vor allem um Qualität. (mid)

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