Die Woche: Wettbewerbsvorteil Open Source

@ctmagazin | Kommentar

Winch Gate hat als einer der ersten Spieler-Anbieter Linux für sich entdeckt. Nach dem Offenlegen des Codes entstand in kurzer Zeit ein Linux-Client, der dem Unternehmen neue Kunden bringt.

Das Geschäft mit Online-Spielen, ob triviale Browsergames oder Massive Multiplayer Online Role Play Games (MMORPG), ist hart umkämpft. Dutzende von Anbietern tummeln sich im Markt und balgen sich um die Gunst der Spieler. Die Abgrenzung zu konkurrierenden Anbietern fällt bei MMORPGs aufgrund des immer recht ähnlichen Spielprinzips nicht leicht: In einer Fantasy- oder Science-Fiction-Welt wählt man einen Charakter aus, levelt ihn durch Kämpfe hoch, steigert seine Attribute, stockt seine Ausrüstung auf, organisiert sich in Gilden, Allianzen oder Kampfbünden und wird dafür mit immer stärkeren Gegnern und virtuellem Reichtum belohnt. Je nach Anbieter werden die Spiele über ein Abo-Modell, optional buchbare Premium-Features oder In-Game-Verkäufe finanziert. Der Reiz, Geld auszugeben, ist selbst bei kostenlosen Spielen groß, da man sich gegen Bares in der Regel entscheidende Spielvorteile erkauft – jeder Spieler ist damit eine potentielle Einnahmequelle.

Die Zielgruppe der Linux-User hat bislang kaum ein MMORPG-Anbieter entdeckt. Abgesehen von den rund 50 plattformunabhängigen Browser-basierten Games ist fast keines der 405 auf www.mmorpg.com gelisteten Spielen nativ unter Linux spielbar. Eine Ausnahme ist etwa Regnum Online. Während die Game-Übersicht einen Spielefilter für Mac OS eingebaut hat, findet Linux auf der Seite nicht statt – kein Wunder bei dem mageren Angebot. Kein Wunder auch, dass in den Forenangeboten der einzelnen Spiele immer wieder die Frage auftaucht, ob man den Windows-Client eines Spiels nicht mit Hilfe von Wine an den Start bekommt. Im Vorschlagsbereich der Foren findet sich nahezu immer der Wunsch nach einem Linux-Client.

Dem kommt jedoch kaum ein Anbieter nach; sei es weil er den Entwicklungsaufwand scheut oder davor zurückschreckt, immer wieder neue Distributionen mit angepassten Paketen zu versorgen.

Solche Probleme muss man nicht fürchten, wenn man den Quellcode seines Spiels offenlegt und eine Community aufbaut. Diesen Schritt hat Winch Gate, Anbieter von Ryzom vor sieben Monaten getan. Das Unternehmen hat sowohl den Quellcode des Servers als auch den des Windows-Clients freigegeben. Die Artwork zum Spiel hat das Unternehmen unter der Lizenz Creative Commons Attribution-ShareAlike veröffentlicht. Das erklärte Ziel dahinter: Clients für Linux und Mac OS – und damit einen größeren Kundenkreis. Als Ansporn für die freie Community wurde ein Testserver aufgesetzt, um selbst geschriebene Clients auszuprobieren.

Das erste Etappenziel hat Winch Gate erreicht: seit Anfang Dezember gibt es einen Linux-Client für Ryzom, der als Binärpaket und im Quelltext zum Download bereit steht. Damit möglichst viele Spieler das Programm ausprobieren, läuft bis zum 10. Januar einen In-Game-Wettbewerb, bei dem Spieler, die alle sieben auf der Startinsel Silan versteckten Linux-Artefakte finden, ein ZaReason Linux Terra-HD Netbook im Wert von 450 US-Dollar oder den Gegenwert in bar gewinnen können.

Angst, dass ein anderer Anbieter sich die Quellen schnappt und ohne Eigenentwicklung eine günstigere Kopie online stellt, hatte Winch Gate scheinbar nicht. Warum auch? Um ein MMORPG erfolgreich zu machen, reicht der Code allein nicht aus. Erst einmal gilt es, Geld in die Hand zu nehmen, um das neue Spiel auf den einschlägigen Game Portalen zu bewerben, und eine Menge Pressearbeit zu machen, um dort auch mit – möglichst guten – Reviews bedacht zu werden. Die sind jedoch mit einem billigeren Abklatsch eines schon eingeführten Games kaum zu bekommen: Bei dem großen Angebot an MMORPGGs muss man sich entweder durch spektakuläre Grafik, eines fesselnde Story, ein komplexes Charaktersystem oder pfiffige neue Spielelemente von der Konkurrenz abgrenzen.

Winch Gate kann jetzt als einer der wenigen MMORPG-Anbieter für Linux ohne große Konkurrenz eine neue Zielgruppe erschließen. Da der Linux-Client unter einer freien Lizenz steht, ist es sogar möglich, dass ihn einige Distributionen in ihre Repositories aufnehmen. Schön wäre es, denn spätestens dann werden sich andere Anbieter überlegen, es Winch Gate gleich zu tun und damit die Auswahl an MMORPGs für Linux-Nutzer vergrößern. (amu)

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