Die Woche: Zwangsjacken adé?

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Die EU-Kommissarin Neelie Kroes will die Industrie zu mehr Interoperabilität zwingen [--] notfalls durch ein Gesetz. Was sich im ersten Moment ähnlich aufregend wie eine EU-weite Vereinheitlichung von Klobrillen anhört, hätte im Erfolgsfall große Auswirkungen auf unser tägliches Leben.

Die EU-Kommissarin für die Digitale Agenda, Neelie Kroes, will Soft- und Hardwarehersteller zu mehr Interoperabilität zwingen, wie sie in ihrer Rede auf dem Open Forum Europe in Brüssel klarstellte: Es könne nicht angehen, dass bedeutende Marktteilnehmer selbst entscheiden, ob ihre Produkte interoperabel seien oder nicht. Entweder lizenzieren Hersteller künftig die nötigen Informationen an jedermann oder nutzen nur noch offene Standards. Ansonsten muss ein Gesetz her, dass die Hersteller zur Herausgabe zwingt. Auf diese Weise soll die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern durchbrochen werden – weshalb Kroes aus diesem Lager mit erbittertem Widerstand rechnet. Doch was bedeutet dieses Gesetzesvorhaben für uns als Anwender?

Neelie Kroes
Neelie Kroes, EU-Kommissarin für Digitale Agenda (Bild: Olivier Ezratty (CC Attribution-Share Alike 3.0) )

Die Auswirkungen mangelnder Interoperabilität erlebt jeder von uns Tag für Tag – allerdings wird uns das nur selten bewusst, weil wir uns längst an die Zwangsjacken der Hersteller gewöhnt haben. So kommt niemand auf auch nur auf die Idee, das Adressbuch, seine SMS, die Termine und die nachträglich gekauften Handy-Spiele von seinem alten Nokia-Handy auf das neue Motorola-Smartphone zu übertragen. Und wenn man sich einen neuen Satelliten- oder Kabel-Receiver kauft, ist es ganz natürlich, dass man die Kanäle neu sortieren muss – und dass natürlich die formschöne Fernbedienung des alten nicht mit dem neuen Receiver funktioniert.

Sieht man sich den Computer-Bereich an, tun sich regelrechte Abgründe auf: So ist die Dokumentation von Microsofts NTFS nach wie vor nicht ausreichend, um das Dateisystem bis hin zum letzten Bit zu verstehen, nahezu jeder Drucker spricht seine eigene Sprache, über deren Details sich die meisten Hersteller grundsätzlich ausschweigen, herkömmliche MP3-Player werden von iTunes ungeachtet ihres tatsächlichen Funktionsumfangs ganz anders behandelt als der hauseigene iPod.

Vor allem Firmen wie Apple, die nach wie vor proprietäre, nicht offengelegte Datenformate oder Übertragungsprotokolle verwenden und nicht herausgeben, will EU-Kommissarin Kroes mit ihrem Vorhaben zu mehr Offenheit zwingen. Denn ohne die nötigen Informationen zu lizenzieren können Drittfirmen keine eigenen Produkte anbieten, die mit den Programmen der Konkurrenz zusammen arbeiten. Dadurch und durch den strategischen Einsatz von Software-Patenten halten sich derzeit etliche Firmen effektiv Konkurrenz vom Hals.

Müssten sie für ein Mindestmaß an Interoperabilität sorgen, etwa in dem sie patent- und lizenzgebührfreie, offengelegte Standards verwenden oder ihre Formate und Patente zu staatlich regementierten Preisen an jedermann lizenzieren, könnten die Kunden jederzeit wechseln und ihre Daten einfach mitnehmen – egal, ob es sich um die Finanzbuchhaltung der letzten zwei Jahre oder nur das SMS-Archiv handelt. Endlich würden wieder Preis und Leistung den Markt bestimmen und nicht die Kunden an einen womöglich wenig innovativen, überteuerten Anbieter gekettet, weil sie nur dort ihre vorhandenen Daten nutzen können.

Doch wo endet die Interoperabilität? Kroes spricht von ganz allgemein von Geräten und Anwendungen, die zusammenarbeiten können sollen. Darunter könnte man auch leicht verstehen, dass der Bordcomputer des Autos den iPod als Infotainment-System einbinden und ein zugekauftes Navi mit GPS- und Fahrzeugdaten versorgen muss. Was für den Kunden ein Traum ist, bedeutet für die Hersteller massive Konkurrenz, denn in einer solchen Welt würde niemand mehr ein eingebautes Navi für 3000 Euro als Extra ordern. Die Industrie sieht ihre Pfründe und die Kunden aus den auferlegten Fesseln schwinden – kein Wunder, dass sich Kroes auf erbittertes Feuer aus den Reihen der Hersteller einstellt. Mit schier übermächtigen Gegnern kennt sich Kroes allerdigns bestens aus – schließlich war sie es während ihrer Zeit als EU-Wettbewerbskommisarin, die den Software-Riesen Microsoft dazu zwang, bei der Windows-Installation auch Konkurrenz-Browser anzubieten. (mid)

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