"Die Zwerge" im Test: Mittendrin statt nur dabei

"Die Zwerge" im Test: Mittendrin statt nur dabei

Test & Kaufberatung | Spielekritik

Im Story-lastigen Rollenspiel Die Zwerge steuert der Spieler einen jungen Schmied und dessen Mitstreiter, um ein Mittel gegen die Horden des Bösen zu finden und Ordnung wiederherzustellen.

Der gutherzige und abenteuerlustige Zwerg Tungdil wuchs bei den Menschen auf. Auf einer Reise gerät er an fiese Orks, begegnet zwei Zwergen-Kriegern und erfährt von der Entfesselung böser Mächte, die das Verderben der Zwerge und Menschen erstreben. Trotz seiner Jugend wird Tungdil zum Anführer einer Helden-Truppe berufen und reist mit den bis zu 14 Mitstreitern kreuz und quer durchs Fantasy-Reich von "Die Zwerge", um Verbündete zu finden, Schurken auszuschalten und eine Zauberaxt zu schmieden, die im Endkampf die Entscheidung zugunsten des Guten bringen soll.

Wenig originell klingt das Story-Konzept mit seinen handelsüblichen Fantasy-Elementen. Doch der Spieler vergisst die Klischeehaftigkeit der Geschichte rasch, denn das Bremer Studio King Art, das in den letzten Jahren bemerkenswerte Adventures wie The Book of Unwritten Tales entiwckelt hat, präsentiert das Geschehen auf unterhaltsame und kurzweilige Weise. Als literarische Grundlage dient der erste Band der gleichnamigen Fantasy-Roman-Serie des deutschen Autors Markus Heitz. Tungdil und seine Mitstreiter zeigen markante Charaktereigenschaften, die auch mal zum Streit führen können. So gibt es einen schwelenden Zwist zwischen einer Elbin und einem Zwergenkrieger, und ein Schmied hadert mit Boïndil wegen seiner verstorbenen Schwester. Hauptheld Tungdil verguckt sich in eine selbstbewusste Zwergenfrau - eine mit altmodischem Charme inszenierte Romanze. Die Charakterentwicklung erfolgt hauptsächlich über die ausschweifenden und packend inszenierten Dialoge, die sowohl in 3D-Szenen als auch in der Kartenansicht ablaufen.

Der Spieler steuert seine Truppe rundenweise über die Karte der Fantasy-Welt. Manche Ereignisse finden ausschließlich in dieser Ansicht statt. So mag Tungdil vielleicht einer Frau helfen, die fälschlich als Diebin beschuldigt wird, ohne dass der Spieler dabei in die 3D-Ansicht wechselt. Das passiert in anderen Fällen, die manchmal dazu führen, dass Tungdil durch eine Festung oder Stadt läuft und mit diversen Haupt- und Nebenfiguren redet, was ihm Aufträge einbringt und die Geschichte in Gang hält. Häufig führt der Wechsel zur Echtzeit-Ansicht dazu, dass er sich Feinden gegenüber sieht, die er auf vorgegebene Art vernichten muss. Die Widersacher treten in großer Zahl auf, manchmal bezwingt der Spieler 100 und mehr Orks, Boglins (!), Untote sowie Albae genannte Dunkelelfen, bis er den Level-Ausgang erreicht. Allzu groß sind die Areale nicht geraten, das Durchstöbern nach getaner Ork-Schlächterei dauert meist nur eine Minute. Außer ein paar Talismanen und Phiolen gibt’s wenig zu entdecken, erschlagene Gegner hinterlassen keine Beute.

Die Kämpfe in Die Zwerge sind ungewöhnlich inszeniert, es handelt sich um kein Hack'n-Slay. Vielmehr steuert der Spieler meist vier Helden, während feindliche Kreaturen herbei strömen. Die Helden kämpfen automatisch, jedoch erlebt der Spieler ein „Game over“, wenn er die Spezialfähigkeiten vernachlässigt. Tungdil kann etwa Gegner von sich stoßen, so dass sie ihre Mitstreiter zu Fall bringen oder in Gruben stürzen. Schubst der Spieler wild drauf los, taumeln sogar die eigenen Leute. Der Schauspieler Rodario kann sich in einen Feind verwandeln, andere Figuren wirken Feuerzauber, erledigen kurzzeitige Wirbelangriffe oder wechseln abrupt ihre Position.

Diese Positionswechsel sind hilfreich, da die Gegner zu Dutzenden auftreten und den Helden den Weg versperren. So springt etwa die Zauberin aus einem Pulk heraus und greift die Gegner von hinten an. Damit die Aktionen gelingen, sollte man das Spiel häufig pausieren. Die Helden verfügen jeweils über fünf oder mehr Spezialfähigkeiten, die man vor dem Spiel auswählt und via Steuerkreuz einsetzt. Dafür ist Mana-ähnliche Energie nötig, deren Reserve sich automatisch regeneriert. Im Lauf des Spiels erlernt der Spieler die Besonderheiten der Charaktere und entwickelt eine ideale Taktik mit den Lieblingshelden.

Die Kamera gewährt in allen Zoom-Stufen guten Überblick, wobei die Position der Mitstreiter stets angezeigt wird. Man darf beliebig viele Spielstände anlegen, das Speichern ist jedoch nur außerhalb der Kämpfe möglich. Der Schwierigkeitsgrad ist vor dem Echtzeit-Einsatz frei wählbar, indes muss man selbst auf der niedrigsten der drei Stufen mit taffen Gegnern rechnen. Das Ausbaldowern einer Taktik motiviert oft zum vierten oder fünften Neustart einer Mission, die meist etwa fünf bis zehn Minuten dauert. Dank der recht großen Entscheidungsfreiheit ergeben sich Abweichungen im Handlungsverlauf, was die Spieldauer von etwa 15 bis 22 Stunden beeinflusst.

Die Zwerge im Test (9 Bilder)

Tungdil und seine größtenteils zwergige Crew reisen durchs Ork-verseuchte Land.

Die 3D-Landschaften sind detailarm gestaltet, und die bildschirmfüllenden Figuren in den Story-Szenen sehen wächsern aus. Alle 15 Helden lassen sich gut voneinander unterscheiden, jeder Charakter zeigt besondere Merkmale wie ein narbiges Gesicht oder, im Falle Tungdils, einen Deutschlehrerbart mit Brauen-Piercing. Die Animationen können überzeugen, ebenso gelungen ist die Darstellung von Wasserfontänen, Feuer und Giftschwaden. Herausragend ist die deutsche Sprachausgabe. Der Spieler hört markante und zur Figur passende Stimmen, die erkennen lassen, in welcher Stimmung sich der jeweilige Sprecher befindet. Mitunter klingt die Stimme nach einem Kampf gehetzt und erschöpft, was den Spieler noch stärker ins Geschehen zieht. Es macht Spaß, den mitunter komischen Streitereien der Gruppenmitglieder zuzuhören. Einen erstklassigen Job erledigte der Erzähler, der mit vollem Timbre Situationen, Landschaft, Gedanken und Stimmung beschreibt. Die Musik tönt angemessen blechbläsern wie in Ritterfilmen der 1950er Jahre. Ebenso gelungen ist die Geräuschkulisse mit ihren Kampfschreien und dem Scheppern aufeinanderprallender Waffen. Allerdings werden einige Phrasen zu häufig wiederholt.

Während des Tests auf der PS4 Pro traten Ruckler auf, mitunter bockte auch die Kamera. Die Kollisionsabfrage funktioniert häufig fehlerhaft, vor allem bei Kämpfen an Engpässen kommt es dadurch zu unübersichtlichem Gerangel. Mit dem 7,5 Gbyte schweren Day-1-Patch haben die Entwickler zusätzliche Informationen auf der Übersichtskarte hinzugefügt, einen praktischen zweiten Autosave-Platz geschaffen und einige grafische Elemente wie Nebel und Dampf in den Echtzeit-Welten eingebaut. Es dauert weiterhin (auf der PS4 Pro) rund 40 Sekunden, bis ein Spielstand geladen ist, was in Anbetracht des teils happigen Schwierigkeitsgrads nervig werden kann. Laut Angaben der Kollegen des Xbox-Fachmagazins Xboxdynasty ist die Xbox-Version wegen technischer Mängel geradezu unspielbar. Publisher Nordic Games verkauft das Spiel für 40 bis 45 Euro, es erhielt die USK-Freigabe ab 12 Jahren.

Kleine Bugs, lange Ladezeiten und die mangelhafte Kollisionsabfrage dämpfen den Spaß an Die Zwerge. Dass sich die Abenteuerreise dennoch lohnt, liegt an der unterhaltsamen und erstklassig präsentierten Fantasy-Geschichte, den überzeugenden Charakteren sowie dem taktisch pfiffigen Kampfsystem. (dahe)

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