Digitales Babylon

Neue DVDs für HD-Filme und Video-Downloads

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In Berlin trafen sich die Wächter der DVD und stellten ihre neuesten Format-Dialekte vor. Normale DVDs speichern hochaufgelöste Filme und der Kopierschutz AACS fahndet nach Wasserzeichen. Sogar die Chinesen bekommen ihre eigene HD DVD.

Die Abkürzung DVD steht für Digital Versatile Disc, also eine vielseitige digitale Scheibe. Mittlerweile gibt es über 80 Spezifikationen, darunter wohlbekannte Formate wie die DVD-ROM oder DVD-R, aber auch exotisches wie die DVD-ENAV oder DVD-PAR. Zu jeder dieser kryptischen Abkürzungen schreibt eine Spezifikation haarklein vor, welches Byte an welcher Stelle auf den Silberlingen gespeichert werden muss. Über diese Spezifikationen wacht das DVD-Forum, ein Zusammenschluss von Patenthaltern, Laufwerks- und Medienherstellern. An ihre Vorgaben muss sich jeder Hersteller halten, denn sonst würde Chaos ausbrechen und keiner mehr den anderen verstehen.

Anfang September traf sich das DVD-Forum in Berlin, um seine neuesten Formatkreationen vorzustellen. Gleich acht neue Spezifikationen gab es, die Zahl der DVD-Formatbeschreibungen wuchs damit auf 81. Eine besonders schöne Buchstabenkombination bekommen die Chinesen. Weil Hollywood seine Filme gerne auf dem Milliarden-Markt verkaufen will, gleichzeitig aber Angst vor Schwarzpressungen hat und auch die chinesische Regierung keine teuren Gebühren an die westlichen Patenthalter zahlen will, gibt es für China eine eigene HD DVD namens „C-HD DVD-ROM“. Sie ist physikalisch zur westlichen HD DVD identisch. Auch das Dateiformat (UDF 2.5) und die Video-Codecs stimmen überein. Doch damit die C-HD DVD-ROM nicht als billiger Grauimport den westlichen Markt überflutet, werden die Bits und Bytes bei der Umwandlung in Channel-Bits anders moduliert. So können westliche HD-DVD-Spieler keine C-HD DVD-ROM lesen und chinesische C-HD-DVD-ROM-Player keine westlichen HD DVDs.

Nur über den Kopierschutz ist man sich noch nicht einig. Das DVD-Forum möchte gerne, dass die chinesischen Genossen vom Optical Memory National Engineering Research Center (OMNERC) dem umstrittenen Advanced Access Control System (AACS) zustimmen. Doch die sträuben sich noch. Spätestens zu den Olympischen Spielen 2008 in Beijing will man sich jedoch geeinigt haben und die ersten Abspielgeräte für chinesische Besserverdiener auf den Markt bringen.

Die aktuellen Löcher im AACS-Kopierschutz wolle man bald schließen, kündigte Toshibas AACS-Sicherheitsexperte Atsushi Ishihara an. Explizit ärgerte Ishihara sich über die Knacksoftware „AnyDVD HD“ des von Antigua aus operierenden Software-Unternehmens Slysoft. Die derzeit noch kompromittierten AACS-Schlüssel würden in Kürze zurückgezogen und Player per Online-Update oder neuen Film-Discs mit neuen Schlüsseln ausgerüstet. Im Kampf gegen Film-Piraten wolle man darüber hinaus AACS bis zur finalen Version aufrüsten. So sollen alle AACS-konformen Player Aufnahmen nach digitalen Wasserzeichen absuchen, mit denen Kinofilme zukünftig versehen werden. Ein solches, für das menschliche Auge unsichtbares Wasserzeichen soll Videomitschnitte entlarven und der Player die Wiedergabe stoppen. Außerdem werde AACS zukünftig die Übertragung vom Laufwerk zur Abspielsoftware mit einem zusätzlichen „Data Key“ verschlüsseln, der für jeden Film und für jedes Laufwerk individuell berechnet wird. Mit dem Data Key würden auch die übrigen AACS-Schlüssel (Title Keys, Volume Unique Keys und Processing Keys) verschlüsselt, um die Ausbreitung von illegalen Kopien einzudämmen.

AACS soll ebenfalls die neue „3X DVD-ROM“ sichern, die das logische Format der HD DVD mit dem physikalischen Format der DVD vereint (siehe Seite 118 in c't 20/07). Das Forum will sie vor allem für kürzere HD-Filme und Camcorder einsetzen und entsprechende Aufnahmemedien nachreichen. Man muss sich also demnächst auf Bezeichnungen à la „16X 3X DVD-R“ gefasst machen. Der Verzicht auf die blaue Laseroptik macht die 3X DVD-ROM zur günstigen Alternative zur HD DVD. Die rüstet im Kampf gegen die Blu-ray Disc auf drei-lagige Scheiben mit 51 GByte auf, zumindest bei den vorbespielten ROM-Medien. Bis zum Jahresende sollen auch die Hybrid-Discs erweitert werden, um eine DVD-Speicherschicht (4,5 GByte) mit zwei Lagen HD DVD (34 GByte) zu kombinieren. Diese sollen zu alten DVD-Playern kompatibel bleiben, aktuelle HD-DVD-Player werden die 51-GByte-Scheiben aber voraussichtlich nicht lesen können.

Der Markt der Video-Filme im Jahre 2011: Laut Screen Digest halten Blu-ray Disc und HD DVD rund ein Drittel.

Doch auch wenn sich die HD DVD beim Speicherplatz knapp vor die Blu-ray Disc platziert, wird sie innerhalb der nächsten Jahre bei den Verkaufszahlen wohl klar hinter ihr bleiben. Einer Prognose des britischen Analyse-Dienstes Screen Digest zufolge werde die DVD im Jahre 2011 immer noch 57 Prozent des Marktes halten. Zehn Prozent der Filme werden dann schon online vertrieben und die übrigen 33 Prozent teilen sich Blu-ray Disc und HD DVD im Verhältnis 60 zu 40.

Damit die Hersteller optischer Speichermedien am wachsenden Geschäft des Online-Vertriebs partizipieren, hat das DVD-Forum das neue Format „DVD-Download“ ins Leben gerufen. DVD-Download sind spezielle DVD-R-Rohlinge, deren Filmaufnahmen per CSS kopiergeschützt werden. Um die Kompatibilität zu alten DVD-Playern zu erhöhen, melden sich die Discs im Laufwerk als „DVD-ROM“ an und arbeiten in der Aufnahmespur mit einem anderen Wellenmuster (Wobble-Groove) als gewöhnliche DVD-Rs. Neun von zehn DVD-Playern sollen eine DVD-Download abspielen können; an weiteren Kompatibilitätsverbesserungen arbeite man, versprach ein Forums-Sprecher. Die DVD-Download sei nicht nur für Privatpersonen gedacht (die neue Brenner kaufen müssten), sondern auch für Kiosk-Systeme im Einzelhandel, der damit sämtliche Katalogtitel der Filmstudios vorhalten und bei Bedarf in wenigen Minuten dem Kunden auf eine Disc brennen kann.

Ob die Medien-Hersteller dadurch die langfristige Entwicklung zu Online-Angeboten und Festplattenspeichern abwenden können, bleibt abzuwarten. Allzu zuversichtlich wirkt die Branche derzeit nicht und man sieht sich bereits nach Alternativen um. So mancher Hersteller erwägt den Einstieg in die Fertigung von Solarkollektoren. Dort werden die Kunden Gott sei Dank nicht mit so vielen Formaten verwirrt. (hag)

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