Duplizitäten

@ctmagazin | Editorial

Duplizitäten

"Meyer, hören Sie sich mal an, was ich hier gerade lese ... Sie wissen schon, diese Geschichte mit den SCO-Anwälten und diesem komischen Unix-Verschnitt. Das System, an dem offenbar schon Tausende von Amateuren und Studenten rumprogrammiert haben; einige Profis scheinen auch ein paar Ideen beigesteuert zu haben. Dabei ist ja die reinste Kopier-Anarchie entstanden - nach deren Meinung gehören diese Programme niemandem, und nun meint jeder, er kann damit machen, was er will. Höchste Zeit, dass da mal jemand ein vernünftiges Vermarktungskonzept entwickelt. Jammerschade, dass wir da keine Lizenzrechte haben; da warten ein paar Milliarden Dollars ja geradezu darauf, dass sie jemand einsackt."

"Aber, Chef, sowas schafft doch nur böses Blut. Denken Sie, die riesige Programmiererschar lässt das mit sich machen? Da hängt außerdem schon ein eigener Industriezweig dran, die sind schon alle auf den Barrikaden."

"Ach was, das ist doch nur dieser eine Spinner mit seinem pathetischen Aufruf, die Programmierer sollten sich mit den Anwendern solidarisch erklären und alle ihre Ergebnisse frei weitergeben. Der Drahtzieher dahinter hat sogar seinen Job aufgegeben und sammelt jetzt Spenden für sein Projekt. Dem schwebt doch tatsächlich vor, alle Programme aus diesem Projekt unter eine eigene Lizenz zu stellen. Nicht etwa, um sie selber zu verkaufen, das könnt’ ich ja noch verstehn, nein: In dieser Lizenz steht, dass man die Software umsonst verwenden und sogar anpassen darf, wenn man die Veränderungen unter denselben Bedingungen genauso kostenlos weitergibt. Kriechender Kommunismus ist das! Der Kerl will unsere Softwareindustrie kaputtmachen. Wenn das durchkommt, gehen Microsoft, IBM und wie sie alle heißen in kürzester Zeit den Bach runter."

"Chef - einer von uns beiden scheint da im falschen Film zu sein. Ein einsamer Rufer? Und steht da vielleicht was von AT&T und Berkeley? Oder von GNU?"

"Jetzt, wo Sie es sagen ..."

"Dann geht es um den Anfang des GNU-Projektes, als AT&T auf einmal Geld für Unix-Lizenzen verlangt hat, obwohl da die halbe Uni in Berkeley freiwillig mitprogrammiert hat. Die Abkürzung GNU besagt, dass diese Software eben nicht Unix ist und auch nicht diese geschäftliche Entwicklung durchmachen soll. Und das scheint gar nicht so schlecht zu funktionieren - zumindest IBM kommt damit wohl ganz gut über die Runden ..."

"Da seien Sie mal nicht zu voreilig, Meyer. Die ganze Geschichte läuft ja gerade erst an."

"Che-hef? Steht auf Ihrem literarischen Fundstück vielleicht irgendwo ein Datum?"

"Moment mal - hier in der Fußzeile steht was von ... - Oh! 1985"

Peter Schüler

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