Durchblick beim Verbände-Wirrwarr: die Vertreter der Netzwirtschaft

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Hunderte oder gar Tausende Unternehmen der Internetwirtschaft gibt es hierzulande. Eine ganze Reihe an Verbänden und Vereinen tritt an, ihre Interessen zu vertreten. Sie machen Lobbyarbeit, erheben Marktdaten und vergeben Qualitäts-Siegel. Wer macht was?

Immer wieder senden sie kurze Lebenszeichen: Verband A stellt Marktdaten zum mobilen Internet 2015 vor, Verband B vergibt einen Innovations-Preis und Verband C kritisiert einen Gesetzesentwurf der Bundesregierung. Ein Versuch, Ordung ins Verbände-Wirrwarr zu bringen.

Drei große Verbände mit breitem Spektrum und vielen hauptamtlichen Mitarbeitern erheben den Anspruch, die Netzwirtschaft irgendwie in Gänze zu vertreten.

Die Mitglieder des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) kommen aus verschiedenen Bereichen wie Hardware, Software, Agentur oder Handel, aber auch Banken sind darunter. Es gibt mehr als Hundert Arbeitskreise und Ausschüsse, etwa zu Big Data, IT-Infrastruktur oder Industrie 4.0. Über die beiden Tochterunternehmen Bitkom Research GmbH und Bitkom Servicegesellschaft GmbH bietet der Bitkom für Externe auch Beratung, Seminare und Marktforschung an.

Sitz: Berlin, gegründet: 1999, Größe: 1500 Mitglieds-Unternehmen, Beitrag: regulär ab 2000 Euro, Mitarbeiter: 75
Veranstaltungen (Beispiele): Bitkom Trendkongress, Big Data Summit,
Publikationen (Beispiele): Bitkom Branchen-Barometer, Spionage, Sabotage und Datendiebstahl bei Unternehmen

Verbände dienen der Selbstverständigung einer Gruppe oder Branche und, die Mitglieder sollen sich besser qualifizieren und vernetzen können. Zudem vertreten sie die jeweiligen Interessen auch nach außen, vor allem gegenüber der Politik. Sie sind unterschiedlich groß und professionell. Einige Verbände arbeiten nur ehrenamtlich, andere können auf eine große Zahl an bezahlten Mitarbeitern zurückgreifen. Viele Verbände, auch die der Netzwirtschaft, tragen sich in die freiwillige, amtliche Lobbyliste des Bundestags ein.

Der Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V. eco ist mit 15 "Kompetenzgruppen" zu Themen wie E-Mail, Ecommerce und Internet Governance ähnlich breit wie der Bitkom aufgestellt. Er konzentriert sich aber insbesondere auf Infrastruktur-Themen, der eco mischt etwa in ICANN-Diskussionen kräftig mit. Eco betreibt den größten europäischen Internet-Knoten De-Cix, zudem unter anderem noch eine Internet-Beschwerdestelle für rechtswidrige Inhalte und das Beratungszentrum botfrei.de. Einmal im Jahr werden die eco Internet Awards verliehen.

Sitz: Köln, Gegründet: 1995, Größe: 800 Mitgliedsunternehmen, Beitrag: regulär ab 1500 Euro, Mitarbeiter (ohne De-Cix): rund 60
Veranstaltungen: die Internetwoche Köln, verschiedene politische und regionale Events
Publikationen: IT-Sicherheit 2015, Trends der Machine-to-Machine-Kommunikation

"Wir sind das Netz". So lautet der offizielle Slogan des Bundesverbands Digitale Wirtschaft. Der BVDW kümmert sich insbesondere um Marketing, Werbung und digitale Inhalte. Die Mitglieder werden einem von sieben Segmenten zugeordnet: Werbetreibende, Shop-Betreiber, Agenturen, Vermarktung, Content/Publisher, Beratung/Finanzierung, Technologie und Bildung. Der BVDW vergibt Zertifikate, etwa für Seo-Agenturen und vergibt mit dem Deutschen Digital Award einen eigenen Preis.

Sitz: Düsseldorf, Mitglieder: etwa 600, Beitrag: ab 630 Euro, Mitarbeiter: 28
Veranstaltungen: dmexco, Online Ad Summit
Publikationen: Mobile Suchmaschinenoptimierung, Internetagentur-Ranking 2015

Einige Verbände konzentrieren sich auf bestimmte Unternehmenstypen, sie agieren aber Branchen-neutral.

Der 2012 gegründete Bundesverband Deutsche Startups sieht sich als "Stimme der Startups in Deutschland". Der BVDS hat etwa 480 Mitglieder, darunter 375 Startups. Elf Fachgruppen beschäftigen sich mit Themen wie FinTech oder Software as a Service. In der jährlichen Erhebung "Deutscher Startup-Monitor" werden deutsche Gründer und Startup-Geschäftsführer befragt.

Zwei Verbände vertreten Selbständige sowie kleine und mittlere Unternehmen. Die schon seit 1993 bestehende Arbeitgebervereinigung für Unternehmen aus dem Bereich EDV und Kommunikationstechnologie AGEV hat 76.000 Mitgliedsunternehmen und setzt sich für eine mittelstandsfreundliche Politik für die IT- und TK-Branche ein, etwa für Bürokratieabbau.

Etwas ähnliches macht der Bundesverband IT-Mittelstand bitmi. Der Verband bezeichnet sich als "Sprachrohr für 1000 IT-Mittlständler", gibt aber keine Zahlen zu seinen Direktmitgliedern heraus. Bitmi hat Fachgruppen zu Themen wie RFID und IT-Sicherheit und vergibt das Gütesiegel "Software made in Germany".

Der Verband der Internet-Berater VBIN (keine Angabe zu Mitgliederzahlen) setzt sich für eine Professionalisierung des Berater-Berufsbilds ein.

Ganze vier Verbände beanspruchen, den Onlinehandel zu vertreten. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland BEVH hat etwa 450 Mitglieder. Die diskutieren in 17 Arbeitskreisen Themen wie Multichannel oder Lebensmittelversand. Der bevh vergibt Gütesiegel für "Geprüfte Onlineshops" und veröffentlicht die jährliche Studie "Interaktiver Handel in Deutschland".

Der Bundesverband Online-Handel (BVOH) hat 125 Mitglieder. Mit der Initiative "Choice in Ecommerce" kämpft er gegen Verkaufsbeschränkungen auf Internetmarktplätzen und veranstaltet den jährlichen "Tag des Onlinehandels".

Der Händlerbund gibt die Zahl seiner Mitglieder nicht an. Wie auch der bevh vergibt er ein Gütesiegel für Shops. Keine Angaben über seine Mitgliederzahl macht auch der Verband des bundesdeutschen Online-Handels vdbo, der als Initiative von eBay-Powersellern entstanden ist.

Einige kleinere Verbände und Vereine vertreten Spezialsegmente der Netzwirtschaft, von Bitcoins über Open Source bis hin zu Suchmaschinen. Sie sind unterschiedlich groß, und manche konkurrieren auch direkt miteinander.

Der noch junge, erst 2013 gegründete, Bundesverband Bitcoin nennt keine Mitgliederzahl. Im Vorstand der Lobby-Initiative für Kryptowährungen sitzen bekannte Gesichter der Szene, etwa Oliver Flaskämper von der Börse Bitcoin.de. Zuletzt hat sich der Verband Ende vorigen Jahres in einer Pressemitteilung zur Umsatzsteuer-Regelung für Bitcoins geäußert.

Gleich zwei Verbände sprechen für die Games-Brance. Der GAME Bundesverband hat etwa 90 Mitglieder und beschäftigt sich unter anderem mit den Themen Serious Games, Independent Games sowie mit fairen Geschäftsmodellen bei kostenlosen Games. Der konkurrierende Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware BIU vereint 25 Branchen-Unternehmen und veröffentlicht regelmäßig Daten zum Markt für Computer- und Videospiele. Beide Verbände sind Träger des Deutschen Computerspielpreises.

Im Bereich Gesundheit im Netz tummeln sich drei Verbände. Der Bundesverband Gesundheits-IT bvitg vertritt mit seinen 54 Mitgliedern nach Eigenangaben die führenden IT-Anbieter im Gesundheitswesen. Er veranstaltet unter anderem die Gesundheitsmesse Connecting Healthcare IT. Der Bundesverband Internetmedizin BiM hat 69 Mitglieder aus verschiedensten Bereichen und will die Internetmedizin in Zusammenarbeit mit der Ärzteschaft voranbringen. Er macht, wie auch der bvitg zur Zeit Lobbyismus zum geplanten E-Health-Gesetz des Bundes und fordert beispielsweise offene Schnittstellen für einen einfachen Datenaustausch. In der Branche aktiv ist zudem noch der Bundesverband Deutscher Versandapotheken bvdva, der auch Online-Apotheken repräsentiert.

Der Bundesverband Deutscher Internet Portale BDIP vertritt die Internet-Aktivitäten der öffentlichen Hand. Acht kommunale Portale wie koeln.de sind dabei sowie zehn Dienstleister. Der BDIP veranstaltet ein jährliches Expertenforum mit dem Titel "Quo vadis kommunale Portale". Aktuelle Verbands-Themen sind Barrierefreiheit sowie Social Media und mobiles Internet für Verwaltungen.

Ziel der Open Source Business Alliance ist, Open Source Software und andere Formen offener Zusammenarbeit voranzubringen. Die OSB Alliance entstand 2011 aus zwei Linux-Initiativen und hat 190 Mitglieder, die dort zu Themen wie Cloud Computing oder Office Interoperability arbeiten. Für Open Source setzt sich auch der Verein Open Business, Innovation, TechnologyopenBIT ein (ehemals Open Source Business Foundation). OpenBIT hat um die 120 Mitglieder und will Unternehmen bei der Anwendung offener Geschäftsmodelle unterstützen.

Die "Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen" GVU kämpft gegen die illegale Verbreitung von Filmen, Musiktiteln, Spielen und Software im Netz. Zu den Mitgliedern zählen mehrere Unternehmen, große Verbände und Verwertungsgesellschaften. Die GVU beobachtet die Piraterie-Szene und dokumentiert das in ihrem "Kompass für Urheberrechtsschutz". Und sie vertritt ihre Mitglieder vor Gericht, etwa beim Prozess gegen die Streamingplattform Kino.to.

Der Verband Internet Reisevertrieb VIR sieht sich als "Sprachrohr der touristischen Internetwirtschaft in Deutschland" und vereint acht der größten Online-Reiseportale wie Expedia.de oder HRS, zudem hat er noch 37 Fördermitglieder. Der Verband erhebt regelmäßig Daten zum Online-Reisemarkt, veranstaltet in Berlin die VIR Online Innovations-Tage und arbeitet an Branchenstandards.

Der Bundesverband IT-Sicherheit TeleTrusT sieht sich mit seinen 250 Mitgliedern und 60 angeschlossenen Organisationen als "größten Kompetenzverbund für IT-Sicherheit in Deutschland und Europa". Elf Arbeitsgruppen beackern Themen wie Biometrie oder Mobile Security. Unterm Dach von TeleTrusT läuft die Initiative "IT Security Made in Germany", und der Verband verleiht einen IT-Innovationspreis.

Der Verein für freien Wissenszugang Suma kritisiert Googles Vormachtstellung und fordert einen öffentlich finanzierten, freien Web-Index. Zu den etwa 150 Mitgliedern zählen Betreiber alternativer Suchmaschinen, aber auch Privatpersonen. Suma betreibt mit Metager eine eigene Suchmaschine, vergibt beim jährlichen Suma-Kongress einen Preis und stellt mit OpenCrawl eine Infrastruktur für Suchmaschinen bereit.

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Kapitel
  1. Die großen Drei
  2. Branchenübergreifende Verbände
  3. Online-Handel
  4. Die Branchen-Spezialisten
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