E-Bike: Fliegender Holländer

Fliegender Holländer

Test & Kaufberatung | Test

Während die meisten E-Bikes klobige Rahmen oder angeflanscht wirkende Akkus haben, kommt das VanMoof S3 direkt vom Designbrett: Klare, minimalistische Linien, smarte Funktionen, selbst die Klingel wegdesignt. Wir haben es schon vor dem Marktstart getestet.

Die holländische Fahrradschmiede VanMoof zählte zu den Ersten, die Smart-Bikes ins Portfolio aufnahmen und auch beim Elektroantrieb machte das Unternehmen keine halben Sachen: Mittlerweile gibt es von VanMoof gar keine Fahrräder mehr ohne Elektromotor. Nun hat das Unternehmen mit dem S3 seine nunmehr dritte E-Bike-Generation vorgestellt.

Das Electrified S3 ist auf den ersten Blick als VanMoof-Fahrrad zu erkennen: Das gerade Oberrohr zieht sich vorn über die Gabel und hinten über das Sattelrohr hinaus und endet mit ins Rohr integrierten Scheinwerfern. Zu den weiteren bekannten Features gehören die smarten Funktionen, das clevere Schloss, das ins Oberrohr integrierte Matrix-Display mit 166 LEDs, der im Unterrohr versteckte Akku (Zellen von LG) und natürlich der Nabenmotor am Vorderrad. Optisch ist das S3 kaum vom vorherigen Modell S2 zu unterscheiden und gibt sich auf den ersten Blick nicht als E-Bike zu erkennen. Wir konnten es schon vor dem Verkaufsstart ausgiebig probefahren und schauen, ob und wo es besser abschneidet als das vorherige Modell.

Weiterhin ist die zugehörige Smartphone-App für Android und iOS samt Konto bei VanMoof nötig. Nachdem man sie mit dem Fahrrad verknüpft, erlaubt sie die Steuerung der smarten Funktionen. So lässt sich das Licht dauerhaft ein- und ausschalten oder in einen Automatikmodus schalten; die Kraftunterstützung des Motors legt man in vier Stufen fest.

Der Motor hat einen Durchmesser von rund zehn Zentimeter und ist damit im Vergleich zum Vorgänger etwas geschrumpft. Die Leistung ist mit einer dauerhaften Abgabe von 250 Watt gleich geblieben. Kurzfristig stehen zum Losfahren oder Überholen 500 Watt zur Verfügung, wenn man dafür den Turbo-Knopf am Lenker gedrückt hält.

VanMoof Electrified S3 (6 Bilder)

Auf den ersten Blick ist das schlanke S3 nicht als E-Bike zu erkennen.

Die Motorcharakteristik hat VanMoof etwas verbessert. Auf der höchsten Stufe unterstützt der Motor kraftvoll, aber ausgewogen: Man erreicht spielend nach wenigen Metern die Höchstgeschwindigkeit – etwa so, als würde man stets bergab fahren. Auf den kleineren Unterstützungsstufen ist zwar mehr Muskelkraft nötig, der Motor treibt aber auch hier gleichmäßig an und nicht in wiederkehrenden Schubwellen, wie bei manch anderen E-Bikes. Das Motorgeräusch ist gleichzeitig minimal leiser geworden. Während der alte Motor leicht heulend klang, hörte man beim S3 eher sein hochfrequentes Summen.

Der Turbo hat uns beim Test beeindruckt: Sobald man den Turboknopf drückt, zieht das S3 selbst bei langsamem Tritt brutal an und spurtet so schnell los, wie wir es nur bei wenigen E-Bikes erlebt haben. Hier ist aber auch die Warnung vieler E-Bike-Puristen vor Frontantrieb ernstzunehmen: Auf nasser Straße sowie festen Sand- und Schotterwegen bekommt das Vorderrad beim Turbosprint leichten Schlupf. Passiert das in einer Kurve, dreht es durch und man liegt auf der Nase. So sehr der Turbo auch Spaß macht, man sollte ihn also mit Augenmaß nutzen.

Beim Erreichen der Höchstgeschwindigkeit schaltete sich der Motor nicht schlagartig aus. Stattdessen nahm er etwa 2 km/h davor langsam Leistung zurück und unterstützte nur so marginal, dass sich die Geschwindigkeit leicht halten ließ. Das unangenehme Gefühl gebremst zu werden oder plötzlich Gegenwind zu haben, wurde so vermieden.

Apropos Höchstgeschwindigkeit: In der App lässt sich festlegen, ob das Rad in der EU oder den USA bewegt wird. In der EU-Einstellung schiebt der Motor gemäß der Vorschriften bis 25 km/h. In den USA dürfen E-Bikes 20 Meilen pro Stunde fahren. Wer auf USA umstellt, hat die Motorunterstützung also bis 32 km/h. Da das in Deutschland nicht erlaubt ist und im Falle eines Unfalls drastische Konsequenzen haben dürfte, sollte man sich aber genau überlegen, ob man diese Einstellungsoption als Mini-Tuning missbraucht. Nötig ist es jedenfalls nicht, denn auch in der EU-Einstellung fährt sich das S3 locker, leichtgängig und flott.

Mit einer Akkuladung soll das S3 etwa 60 bis 150 Kilometer weit kommen. In der Praxis hängt das unter anderem von der Topografie, der eingestellten Motorleistung und auch davon ab, ob man permanent tritt oder sich auch mal einige Meter rollen lässt. Insgesamt schien uns die Werksangabe recht realistisch: Wir schafften auf Langstreckenfahrten mit fast durchgängigem Treten im flachen Gelände auf der höchsten Leistungsstufe wiederholt rund 65 Kilometer – obwohl wir bei jedem Anfahren den Turbo nutzten. Mit weniger Motorleistung dürften mehr als hundert Kilometer durchaus möglich sein.

Der Akku steckt unauffällig im Unterrohr des Rahmens. Er lässt sich vom Besitzer nicht selbst tauschen und somit auch zum Laden nicht entnehmen. Wer keinen Keller und keine Garage mit einer Steckdose besitzt, muss das S3 dafür also mit in die Wohnung oder das Haus nehmen – mit einem Gewicht von 19 kg keine leichte Übung. Das mitgelieferte Netzteil (48 Volt, 4 Ampere) braucht für eine vollständige Ladung etwa 4 Stunden. Eine IP-Zertifizierung bezüglich Staub- und Wasserfestigkeit hat es nicht, weshalb es wohl keine gute Idee ist, das Rad unbeaufsichtigt unter freiem Himmel an einer Gartensteckdose aufzuladen.

Außer zum Konfigurieren dient das eigene Handy auch als Schlüssel für das integrierte Schloss. Nach dem Abstellen des Rads braucht man mit der Fußspitze nur an einen Druckknopf an der Hinterachse tippen, worauf ein knapp fingerdicker Sperrbolzen das Rad blockiert. Dennoch sind Abschließen und Anschließen verschiedene Dinge: Dieser Bolzen verhindert nicht, dass jemand das Rad wegträgt. Deshalb schalten sich beim Abstellen die Bewegungs- und Erschütterungssensoren scharf. Sobald wir uns am S3 zu schaffen machten, ertönte aus dem eingebauten Lautsprecher ein lauter Alarm, die Lampen blinkten und auf dem Display erschien ein animierter Totenschädel.

Sollte ein Dieb trotzdem die Nerven haben, das lärmende Rad auf einen Anhänger oder Lieferwagen zu verfrachten, stehen die Chancen nicht schlecht, dass man es zurückbekommt: Gegen eine Gebühr von 290 Euro bietet VanMoof für drei Jahre den Service, ein gestohlenes Bike mithilfe des eingebauten GSM-Modems zu orten und so dem Besitzer zurückzubringen.

Während des Tests fiel uns auf, dass VanMoof bei einigen Kritikpunkten des Vorgängers nachgebessert hat. So verfügt das S3 weiterhin über Scheibenbremsen, sie werden nun aber nicht mehr mechanisch mittels Bowdenzug sondern hydraulisch bewegt. Beim S2 musste man regelmäßig die Zugspannung an der Schraube der Bremsgriffe erhöhen, um die herunter gebremsten Beläge zu kompensieren. Wenn das nicht mehr half, war es nötig, den Zug am Bremssattel lösen und dort mit einer Zange nachzuspannen. Die Hydraulik des S3 sorgt dagegen nun automatisch für einen kurzen und knackigen Bremspunkt im Hebel – unabhängig von der Stärke der Beläge. Die Bremswirkung lag bei unseren Testfahrten etwa auf dem Niveau des Vorgängers – wahrscheinlich auch leicht darüber, was wir jedoch nicht abschließend beurteilen können, da neue Scheibenbremsen ihren optimalen Wirkungsgrad erst erreichen, nachdem sie über einige Tage oder Wochen eingebremst wurden.

VanMoof App (4 Bilder)

Die App dient als Schlüssel, um das Schloss zu entriegeln und die Alarmanlage auszuschalten.

Das Reservoir des Hydrauliköls integriert VanMoof unauffällig in die beiden Bremsgriffe. Lenker und Vorbau bilden eine Einheit und wirken wie das gesamte Rad minimalistisch und aufgeräumt. Um das zu erreichen, ist der Lenker an beiden Enden um den Durchmesser der Griffe und Bremshebel verjüngt, sodass Höhenunterschiede und Kanten wegfallen. Selbst eine mechanische Klingel fehlt und wurde durch einen Knopf ersetzt, der den Lautsprecher des Rads mit auswählbaren Tönen klingeln lässt. So bekommt der Lenker einen cleanen Look.

Die Kehrseite des schicken Designs: Zwar lässt sich der Lenker mittels mitgelieferten Distanzringen in der Höhe verstellen, die Neigung kann man aber nicht anpassen. In den meisten Fällen dürfte das aber auch nicht nötig sein: Wir empfanden die Griffposition auch auf längeren Touren angenehm.

Im Antriebsstrang gibt es neben dem Motor eine weitere technische Neuerung: Bislang nutzte VanMoof eine Hinterradnabe von SRAM mit einer integrierten 2-Gang-Automatik, die bei 19 km/h die Übersetzung wechselte. Technisch gab es daran eigentlich nichts auszusetzen, außer dass auch der zweite Gang für ein E-Bike etwas zu kurz übersetzt war, weshalb man ab 25 km/h schon eine strampelnde Trittfrequenz hinlegen musste. Da SRAM seit zwei Jahren keine Nabenschaltungen mehr anbietet, musste VanMoof so oder so auf eine andere Lösung ausweichen. Im S3 steckt nun eine elektronische 4-Gang-Automatiknabe von Sturmey-Archer.

Diese hat VanMoof sehr gut ins S3 integriert. So zeigt das Display im Oberrohr, welcher Gang gerade eingelegt ist. Der eigentliche Clou ist aber, dass sich in der App des Fahrrads mittels Schiebereglern einstellen lässt, bei welcher Geschwindigkeit jeweils in den nächsthöheren oder kleineren Gang geschaltet werden soll. Auf diese Weise lässt sich das Rad gut an die eigene Kondition, Kraft und bevorzugte Geschwindigkeit anpassen. Einziger Wermutstropfen der Sturmey-Archer-Nabe: Wie alle Nabenschaltungen verträgt sie Gangwechsel unter Last nicht besonders gut. Im beherzten Antritt an Steigungen quittierte sie manche Schaltvorgänge mit einem lauten Knacken. Da man dank des Motors meist nicht so doll in die Pedale treten muss, hatten wir nach wenigen Kilometern den Dreh raus, das S3 materialschonend zu beschleunigen. Im runden Tritt auf der Ebene passierte es trotzdem gelegentlich, dass bei Gangwechseln die Kraftübertragung unterbrochen wurde und wir für etwa eine Achtelumdrehung keinen Widerstand beim Treten hatten. Trotzdem empfanden wir die neue Nabe aufgrund der vier statt ehedem zwei Gänge als die bessere Ausstattung, da wir das S3 mit und ohne Motor mit wenig Kraftaufwand und angenehmer Trittfrequenz bewegen konnten. Das S2 fuhr sich mit leerem Akku merklich anstrengender.

Die Nabe ist nach einigen Angaben eins der wenigen Teile, die von Zulieferern stammen und nicht von VanMoof selbst hergestellt werden. Ebenfalls zugekauft ist das Tretlager, das vom chinesischen E-Bike-Zulieferer Bafang kommt und den Sensor zur Tritt-Erkennung integriert. Das war beim S2 und erst recht beim 2017 erschienenen S1 noch anders: Hier fanden sich mehr Teile von der Stange. Nach eigenen Angaben will VanMoof so weit wie möglich auf Zulieferer verzichten, um so flexibler und günstiger zu produzieren. Die Rechnung geht offenbar auf: Während das S2 rund 3300 Euro kostete, verlangt das Unternehmen für das S3 knapp 2000 Euro.

Das S3 von VanMoof dürfte nicht so stark polarisieren wie seine Vorgänger. Etliche Schwächen wurden ausgemerzt, die Leistung des Motors insgesamt leicht verbessert und das Rad ist – zumindest bei der Markteinführung – eine ganze Ecke billiger als das vorherige Modell. In unserem viertägigen Test hatten wir mit dem S3 viel Fahrfreude und empfanden es als ein gutes alltagstaugliches Stadtrad. Die Fahrleistungen überzeugten – sind aber mitunter schon so sportlich, dass man wegen des Frontantriebs abseits von Asphalt darauf achten muss, nicht zu viel Gas zu geben.

Die enge Verzahnung mit dem Smartphone und die Accountpflicht dürfte zwar nicht jedem gefallen, aber zumindest nach der Ersteinrichtung lässt sich das Rad auch vollständig über die beiden Knöpfe am Lenker bedienen und via Zahlencode auch aufschließen. Das integrierte Schloss mit Alarmanlage und Ortung im Falle eines Diebstahls sind nette Ideen, wer aber 2000 Euro für ein E-Bike ausgibt, dürfte auch noch weitere 100 Euro für ein mechanisches Bügel- oder Faltschloss zum Anschließen übrig haben – das allerdings die schlanke Linie stört. Zudem bringt der dezent integrierte Akku einen weiteren Nachteil mit sich: Wer in seiner Stadtwohnung keinen Keller mit Steckdose besitzt, muss das als als City-Bike konzipierte Rad zum Aufladen in die Wohnung schleppen.

Für 2000 Euro hat das S3 an smarten Funktionen, bei der Motorleistung und in puncto Design mehr zu bieten als viele andere E-Bikes. Sofern einem die Optik gefällt und man Spaß an Gimmicks wie der elektrischen Klingel hat, kann man dem S3 von VanMoof ruhig den Vorzug gegenüber anderen E-Bikes von der Stange geben. (spo)

VanMoof Electrified S3
Ausstattung 250-Watt-Motor, 4-Gang-Automatik, Matrix-LED-Display, hydraulische Scheibenbremsen, elektronische Klingel, mechanisches Schloss mit Alarmanlage, integrierte Beleuchtung
Systemvoraussetzung Smartphone mit Android oder iOS
Preis 2000 Euro


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