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Auf dem Weg zum digitalen Personalausweis

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Ein europäisches Konsortium entwickelt mit Fördermitteln der Europäischen Union Prototypen für einen Personalausweis auf Chipkarte.

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Die EU-Kommission fördert mit drei Millionen Euro die Entwicklung eines Prototypsystems für eine Art Personalausweis auf Chipkarte. Das Projekt FASME (Facilitating Administrative Services for Mobile Europeans) mit einer Laufzeit von nur 18 Monaten gilt als eines der zentralen Projekte im Rahmen des ‘Information Society Technology’-Forschungsprogramms der Europäischen Union. Die FASME-Karte soll die Abwicklung von Verwaltungsprozessen beim Wohnungs- und Arbeitsplatzwechsel innerhalb Europas erleichtern. Zöge ein Bürger etwa von Köln nach Newcastle, so könnte er sich mit seiner Chipkarte an einem Kartenleseterminal der dortigen Stadtverwaltung ummelden, später sogar an einem beliebigen Chipkartenleser per Internet.

Der Ausweisinhaber identifiziert sich nach den Plänen des Konsortiums per Fingerabdruck auf einem in die Karte integrierten Sensor. Dann kann er mit einem einzigen Vorgang seinen Wohnort ab- und anmelden, das Sozialversicherungssystem wechseln sowie Führerschein und Autozulassung ummelden. Gleichzeitig erhält er weitere Hinweise zum Umzug, etwa zur Anmeldung bei der Müllabfuhr, den Stadtwerken oder der zuständigen Schulbehörde.

Der Fingerabdrucksensor auf dem Chip stammt von der Firma Siemens, der Krypto-Chip von der Siemens-Tochter Infineon. Er sorgt dafür, dass nur berechtigte Stellen geschützte Datensätze lesen können. Welche Schlüsselverwaltung und Kryptoalgorithmen zum Einsatz kommen, ist noch nicht entschieden - es wird sich aber um ein Public-Key-System handeln. In dem Projekt gehe es, so Konsortiumsleiter Günter Zündel, erst einmal nur um ‘das technische Experiment’.

Das Projekt-Konsortium besteht aus dem Beratungsunternehmen Zündel, dem IT-Lieferanten ICL, den Universitäten Amsterdam, Köln, Rostock und Zürich sowie den Stadtverwaltungen Köln, Newcastle (UK), Grossetto (I), Den Haag (NL), Antwerpen (B), Naestved (DK) und Belfast (UK). Die Uni Köln sowie die Städte Newcastle und Grossetto konzentrieren sich auf die Verwaltungsanforderungen. Die Universitäten Zürich und Rostock arbeiten an technischen Spezifikationen und deren Umsetzung. Zündel kümmert sich um die Systemintegration, die Uni Amsterdam ist für die soziale und juristische Flankierung zuständig. Die Firma ICL, die zur Fujitsu-Gruppe gehört, entwickelt Business-Pläne, um den FASME-Prototypen weltweit zu vermarkten.

Die beteiligten Städte versprechen sich durch FASME einen besseren Bürgerservice, aber auch weniger Verwaltungskosten. Laut Mick Riley von der Stadtverwaltung Newcastle arbeiten an dem Projekt fünf zentrale britische Regierungsstellen und sieben lokale Abteilungen. Er rechnet mit rund 25 Prozent Einsparungen. In Großbritannien will die Regierung bis 2002 ein Viertel aller Transaktionen zwischen Bürger und Regierung auf elektronischem Wege abwickeln; im Jahr 2005 sollen es bereits 50 Prozent, im Jahr 2008 sogar 100 Prozent sein. Riley: ‘Wir wissen aber nicht, wie das laufen soll.’

In Deutschland steht ein Zeitplan für die Einführung von Informationsdienstleistungen in der öffentlichen Verwaltung erst für den Sommer 2000 auf der Tagesordnung. Thorsten Einig vom Europabüro der Stadt Köln konnte auch noch keine Auskunft über mögliche Einsparungen für die Stadtverwaltung geben. Schon jetzt ist aber klar, dass hier zu Lande zumindest das Ordnungsamt, das Straßenverkehrsamt, das Kraftfahrzeugbundesamt, das Einwohnermeldeamt und die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte an FASME beteiligt sein werden.

Offen ist hingegen, ob eine FASME-Karte im Einsatz auf nationalen Signaturgesetzen oder der kommenden europäischen Richtlinie zur digitalen Signatur fußen würde. Diplomarbeiten und Dissertationen sollen hier Klarheit schaffen. Die Vision des Projekts, so Informatikprofessor Lutz Richter von der Universität Zürich, ist jedoch eindeutig: FASME sei eine Vorstufe für eine europaweite Identitätskarte. Ähnliche Projekte gab es bereits in der Versicherungswirtschaft in den USA, dort wurden jedoch keine so großen Anforderungen an die Flexibilität gestellt.

Informatikprofessor Lutz Richter (rechts) von der Universität Zürich sieht FASME als Vorstufe einer europaweiten Identitätskarte. Dem Projektchef Günter Zündel (links) geht es erst einmal um ‘das technische Experiment’.

Auch Datenschützer arbeiten an dem Projekt mit. Marit Köhntopp, die sich beim Landesbeauftragten für Datenschutz Schleswig-Holstein mit dem Thema Chipkarten und Biometrie bereits ausführlich beschäftigt hat, beurteilt FASME als überaus ehrgeizig. Denn ‘in nur 18 Monaten sollen rechtliche Verwaltungsnormen auf eine multifunktionale Javacard abgebildet werden können’. Davon sei eine Vielzahl von Gesetzen betroffen. Viele Regelungen unterscheiden sich zudem von Nation zu Nation oder sogar innerhalb von Bundesländern, Regionen oder selbst Kommunen. Köhntopp meint: ‘Es wird nicht damit getan sein, Gesetze zu befolgen - man wird sehr viele von ihnen ändern müssen, um ein derartiges Chipkarten-Verfahren zuzulassen.’

Andreas Pfitzmann von der Universität Dresden kritisiert das Chipkartenkonzept von FASME: Er plädiert dafür, dem Anwender die Freiheit zu geben, ‘seine Daten auf einem PDA [Personal Digital Assistent] seiner Wahl mit Software seiner Wahl zu verwalten’. Nur so könne die Autonomie der Betroffenen gewahrt bleiben. Digitale Signaturen verhindern dabei unrechtmäßige Manipulationen. ‘Denn was weiß ich als Betroffener, was genau passiert, wenn ich meine Daten in der mir zugeteilten Chipkarte in ein fremdes System stecke? Ich kann nie sicher sein, dass da nicht alle Daten ausgelesen, manipuliert und gespeichert werden.’

Auch Marit Köhntopp stellt die Frage, ob die Chipkarte das richtige Medium für so ein Projekt ist. Die Vorteile eines PDA liegen für sie auf der Hand: Über das Display könne der Bürger sehen, was abläuft. Er könne selbst bestimmen, welche Informationen er wem zu welchem Zweck zur Verfügung stellt. Auch dieses Gerät könnte wie die FASME-Card durch Biometrie gesichert sein, Krypto-Protokolle zum Verschlüsseln und Authentifizieren einsetzen sowie weitere Java-Applikationen nachladen. Für Köhntopp steht fest: ‘Damit wären deutlich mehr Datenschutz und Selbstbestimmung möglich.’ (nl)

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