Editorial: Blinkende Gadgets: Schlafzimmer-Disko

Editorial: Blinkende Gadgets: Schlafzimmer-Disko

@ctmagazin | Editorial

Es blinkt und strahlt aus allen Richtungen, mein Schlafzimmer gleicht einer Disko. Wie wäre es mit einer gesetzlichen Nachtruhe für LEDs?

Ich bin aufgewacht, mitten in der Nacht. Ein Blick auf den Funkwecker: 3:17. Langsam komme ich zu mir und merke, was los ist: Aus allen Richtungen strahlt und blinkt es mir entgegen, mein Schlafzimmer gleicht einer Disko. Trotz Flugmodus grüßt mich mein Smartphone vom Nachttisch aus in Techno-Frequenz: Die Sprach-App mahnt, dass ich heute noch kein Spanisch gelernt habe. Genervt schalte ich es aus. Auf der Kommode buhlt mein Firmen-Handy mit wilden Lichtzeichen um Aufmerksamkeit. Ich stehe auf und sehe nach: Die Telko von gestern Nachmittag ist durch eine verzögerte Synchronisierung erst jetzt auf dem Handy eingetroffen. Ich aktiviere den Flugmodus.

Zum Glück ist der Weg zurück zum Bett noch ausreichend beleuchtet, die LED des Notebooks meiner Frau pulsiert grellweiß. Der Suspend-Modus würde vermutlich noch mehr Strom sparen, wenn er nicht so freudig strahlend auf sich aufmerksam machen würde. Ich schalte den Rechner erst mal ein, schirme den plötzlich grell aufleuchtenden Bildschirm so gut es geht ab, während Windows herunterfährt. Hinter mir höre ich meine Frau seufzen, die nun endgültig auch wach ist. Wenigstens das Macbook will sich nicht in den Lichterzoo einreihen - doch Moment, dahinter lichtverschmutzt seine Docking-Station das Zimmerfirmament ... frustriert zerre ich das USB-C-Kabel heraus.

Nun blinkt einsam noch das Samsung-Tablet auf der anderen Seite des Raums rhythmisch die Decke an - da haben die Kids abends wohl noch heimlich eine Runde gezockt. Ein paar Wischgesten weiter ist es endlich stockduster und meine Augen genießen das Schwarz. Ich taste mich an der Wand entlang, stolpere über ein Kabel, schmeiße die daran hängende Gitarre um, es kracht laut, au! Ein Stockwerk weiter oben fängt es an zu poltern, jetzt habe ich auch noch die Kinder geweckt. Während es oben tobt und meine Frau entnervt ins Wohnzimmer gegangen ist, schnappe ich mir im Wahn den dünnsten Bohrer im Haus und zerstöre damit eine nervige LED nach der anderen. Am liebsten würde ich Geräte-Herstellern eine gesetzliche Nachtruhe für LEDs verordnen – aber warum bekommen das Lenovo, Samsung & Co. eigentlich nicht von sich aus hin?

Am nächsten Morgen komme ich hundemüde und verspätet auf der Arbeit an - und kassiere erst mal eine Rüge, weil mein Firmenhandy nicht erreichbar war.

Gastbeitrag von Jörg Hohwiller, einem übermüdeten c't-Leser

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