Ein Bild geht um die Welt

Webcam-Programme für Windows und Mac OS

Test & Kaufberatung | Test

Der zauberhafte Sonnenuntergang auf der anderen Seite des Erdballs, die Modelleisenbahn in Nachbars Stube oder die nützliche Staucam mit Blick auf Deutschlands wichtigste Autobahn - Webcams gibt es mittlerweile zu Tausenden. Wer seine Homepage ebenfalls mit einem Live-Bild aufpeppen möchte, braucht neben einer PC-Kamera für wenig Geld (siehe Anschlussartikel) nur das richtige Stück Software. Manche Programme passen sogar auf Ihre Wohnung auf, wenn Sie nicht zu Hause sind.

Die Geschichte der Webcam begann 1993. Studenten der Universität Cambridge stellten ein sich ständig aktualisierendes Foto ihrer Kaffeemaschine ins Netz, um jederzeit nachsehen zu können, ob noch Kaffee da ist. Auch wenn das Projekt dem Rest der Welt absurd erschien, erlangte die ‘Coffeecam’ Kultstatus. Mittlerweile ist sie offline und man findet gleich mehrere Kopien der Ur-Idee im Netz. Dass es viele wesentlich nützlichere Webcams auf dem Globus gibt, zeigen Dutzende Übersichtsseiten, die ihre Einträge thematisch und geografisch sortieren (siehe Kasten unten)

Man kann unterschiedliche Arten von Webcam-Programmen kaufen. Speziallösungen, die einen Streaming-Server voraussetzen oder an ein Abrechnungssystem gekoppelt sind und nur teuer zahlende Kunden an die - meist freizügigen - Webcam-BetreiberInnen durchreichen, haben wir in diesem Test außen vor gelassen. Uns ging es um klassische Webcam-Programme, die eine per USB angeschlossene PC-Kamera als Bildquelle akzeptieren und die jeder Betreiber einer Homepage ohne große Komplikationen bei sich zu Hause oder am Arbeitsplatz einrichten kann.

Insgesamt fanden sich dreizehn Kandidaten auf unserem Prüfstand ein, die zwischen zehn und 100 Euro/Dollar kosten. Die Windows-Programme heißen Webcam 32, Peephole, WebCam-Control-Center, PicMeUp, Eyes&Ears, CoffeeCup Webcam, ConquerCam und iVista; zusätzlich nahmen die Programme von Terratec und Creative am Test teil, allerdings außer Konkurrenz, weil sie nur mit den Kameras der Hersteller funktionieren. Die Spotlife-Software, die Philips und Logitech mit ihren Webcams bündeln, blieb außen vor, da sie auf einem eigenen Verfahren basiert und alle Bilder kostenpflichtig und ausschließlich auf www.spotlife.com, nicht aber auf einer beliebigen Homepage ablegt. Für den Macintosh werden Sitecam, CoolCam und Oculus angeboten, letztere zwei laufen auch nativ unter OS X. Allerdings ist es derzeit noch schwierig, OS-X-Treiber für Webcam-Hardware aufzutreiben, deshalb werden die meisten Anwender die OS-9-Varianten bevorzugen; im Classic-Modus arbeiten diese leider nicht.

Die eigenständigen Windows-Programme haben wir mit der Webcam Pro 3D von Philips, der Webcam 5 von Creative sowie mit der PCA645VC von Philips getestet, die Mac-Kandidaten nur mit letzterer und die herstellerspezifischen jeweils mit den mitgelieferten Kameras. Alle Programme mussten einen Standard-Web-Auftritt bei Strato bedienen. Sämtliche Testergebnisse finden Sie in der Checkliste auf Seite 144.

Vor der Anschaffung einer Webcam-Software sollten Sie prüfen, ob sie sich mit dem von Ihnen installierten Betriebssystem verträgt. Unter Windows 98 lief jeder Kandidat einwandfrei, unter ME und XP hingegen machten einige Sperenzchen. Auch die Kompatibilität zur Kamera und zum verwendeten Treibermodell spielt keine kleine Rolle. Neuere Kameras kommen meist mit WDM-Treiber (Windows Driver Model), ältere hingegen basieren noch auf dem Vorgänger VFW (Video For Windows). Je nach Software können Sie auch mehrere Kameras zusammen betreiben - wenn nicht gleichzeitig, dann wenigstens abwechselnd -, doch müssen Sie in diesem Fall mit Instabilitäten rechnen, wenn Sie die Treibermodelle WDM und VFW kombinieren. Den Wechsel zwischen mehreren Kameras in einem definierbaren Zeitraster unterstützen erstaunlicherweise nur zwei Kandidaten.

Ein Intervall zum Aktualisieren des Bildes, etwa alle fünf Minuten oder jede Stunde, kann man in allen Programmen definieren, aber längst nicht jedes besitzt auch einen Scheduler, also eine Zeitschaltuhr, die Bilder nur zu definierten Zeiten an bestimmten Tagen auf den Homepage-Server lädt.

Das Vorschaufenster einer Webcam-Software lässt sich bei den meisten Kandidaten abschalten, ist aber doch ganz nützlich, wenn man wissen möchte, welches Bild die Besucher präsentiert bekommen. Manche Programme bieten eine echte Vorschau, blenden also nicht nur per Video-Overlay das Signal der Kamera ein, sondern zeigen das Bild so an, wie vom Anwender gewünscht, also zum Beispiel etwas heller, mit mehr Kontrast oder samt Datum, Uhrzeit, Begrüßungstext und Firmenlogo. Eine separate Darstellung der letzten aufgenommen Bilder ist nicht unbedingt nötig, aber sinnvoll, wenn man später nachvollziehen möchte, was die Kamera aufgenommen hat, ohne die Dateien mühsam von Hand zu öffnen.

Sämtliche Programme im Test greifen auf die im Kameratreiber integrierten Funktionen zum Einstellen von Bildparametern wie Größe oder Kontrast zu. Nur wenige kennen darüber hinaus noch eigene Kompressionsalgorithmen, die sich auf die Bildqualität und -größe auswirken. Es lohnt sich durchaus, mit diesen Einstellungen zu experimentieren.

Das Dateiformat JPG unterstützen alle. Manches Programm speichert lokale Bilder auch in einem anderen, zum Beispiel im Windows-Bitmap-Format BMP ab, was sich dank seiner besseren Qualität eher zur Nachbearbeitung eignet. So kann man vielleicht den einen oder anderen Schnappschuss mal auf einer Grußkarte recyceln.

Auch bei der Wahl der Dateinamen zeigen sich die Kandidaten unterschiedlich flexibel: Das eine Programm erlaubt eine beliebige Kombination eines Textes mit Datum, Uhrzeit und Nummer - etwa Bild020315-141547.jpg für eine Aufnahme am 15. März 2002 um 14:15:47 Uhr -, das andere kann Bilderserien nur durchnummerieren (Foto147.jpg, Foto148.jpg).

Was die Übertragung der Einzelbilder auf die Homepage angeht, gibt es große Unterschiede. Wer in einem Firmennetzwerk arbeitet, braucht womöglich ein Programm, das mit Proxy-Servern klarkommt, was keineswegs auf alle zutrifft. Und bei Problemen mit dem Upload helfen die Kandidaten ebenfalls unterschiedlich gut weiter: der eine mit einem wenig sagenden Piepton, der andere mit ausführlicher Statusanzeige und alternativem Log-File. Je ausführlicher das Protokoll, desto leichter fällt die Fehlersuche.

Manche Programme geben gleich auf, wenn sie den ftp-Server nicht auf Anhieb erreichen, andere probieren es nach Ablauf einer einstellbaren Zeit (Timeout) immer wieder. Einige Kandidaten halten nach dem Übertragen eines Bildes die Verbindung aufrecht, was beim schnellen Hochladen vieler Dateien nacheinander behilflich sein kann. Andere beenden nach jeder Aufnahme die Verbindung, um sie beim nächsten Mal wiederherzustellen. Das kostet unter Umständen wertvolle Sekunden.

Während alle Webcam-Programme Einzelbilder an einen ftp-Server (File Transfer Protocol) übertragen, spielen einige auch ein AVI- oder QuickTime-Video auf den Server, das dann freilich nie wirklich aktuell ist. Die einzige Möglichkeit, auf einer HTML-Seite ein echtes Live-Video anzuzeigen, besteht im Server-Push-Verfahren mit Hilfe eines Java-Applets oder darin, einen dedizierten http-Server damit zu beauftragen, ständig aktuelle Daten an den Client zu schicken. Manche Testkandidaten haben eigene http-Server eingebaut und liefern so die Komplettlösung aus einer Hand. Andere bringen lediglich ein JavaScript mit, welches alle paar Sekunden das (Stand-)Bild aktualisiert, ohne dass der Besucher die HTML-Seite neu laden muss.

Eine Funktion für Schlitzohren: Zwei Kandidaten schicken auf Wunsch nicht gerade erst aufgenommene, sondern bereits ältere Bilder aus dem Festplattenarchiv auf den ftp-Server - mit dem aktuellen Timestamp versehen. Von einem virtuellen Alibi (‘Ich war doch zu Hause! Die Webcam beweist es!’) abgesehen, fallen uns allerdings nur wenige Beweggründe ein, diese Funktion zu benutzen. Wenn etwa die Kamera mal kaputt oder gerade abgeschaltet ist, kann man sie vielleicht gebrauchen.

Wesentlich sinnvoller ist da schon ein eingebauter Bewegungsmelder, der immer dann anspringt, wenn sich vor der Kamera etwas tut. Das ist nicht nur dann nützlich, wenn Sie Nachwuchs oder Haustiere im Auge haben wollen, sondern kann im Falle eines Einbruchs durchaus wertvolles Beweismaterial liefern. Damit die Funktion nicht bei jeder Fliege reagiert, die durchs Bild schwirrt, kann man bei allen Kandidaten, die einen Bewegungsmelder eingebaut haben, die Sensibilität per Prozentangabe oder Schiebebalken variieren. Einige überwachen auch nur einen bestimmten Bildausschnitt. Die jeweils sinnvolle Einstellung probiert man am besten in der heimischen Umgebung selbst aus; manche Programme helfen auch dabei mit einer Vorschau.

Einige können im Falle einer Bildänderung einen Ton abspielen, zum Beispiel Hundegebell oder Polizeisirene, das ist eher Spielkram. Viele verschicken eine E-Mail mit den letzten Aufnahmen an den Besitzer, der vielleicht gerade im Ausland oder am Arbeitsplatz weilt. Andere führen bei einer Bewegung ein beliebiges Programm oder Skript aus.

Je nach Einstellung nehmen manche Kandidaten anstelle von Einzelbildern auch ganze Videoclips auf, einige wenige sogar inklusive Ton. Unverständlicherweise bieten einige den Bewegungsmelder nur alternativ zu der klassischen Intervall-ftp-Lösung an, bei manchen muss man sich zwischen beiden entscheiden. (se)

Eine Webcam ist in wenigen Minuten eingerichtet: Kamera einstöpseln, Treiber installieren, Software konfigurieren, Homepage anpassen. Einige Programme fragen sogar alle notwendigen Informationen Schritt für Schritt per Assistent ab; da kann kaum etwas schief gehen. Ansonsten genügt es meist, die HTML-Einstiegsseite (etwa index.html) mit einem Kommando wie

an der gewünschten Stelle zu ergänzen und die Webcam-Software so zu konfigurieren, dass sie den Bildern den bevorzugten Namen und die richtige Größe (in diesem Fall 320 Pixel horizontal, 240 Pixel vertikal) verpasst.

Wer eine ganze Serie von Bildern aufnehmen und auf seiner Homepage darstellen möchte, muss sich schon ein paar Gedanken mehr machen. Am einfachsten ist es natürlich, zum Beispiel alle zehn Sekunden einen Schnappschuss aufnehmen zu lassen und die Bilder über eine simple HTML-Tabelle anzuzeigen.

In diesem Fall müsste man die Software freilich so konfigurieren, dass sie nach dem sechsten Bild wieder neu anfängt zu zählen, sonst landen die weiteren Bilder zwar auf dem Server, aber nicht im Webbrowser des Besuchers.

Auch wenn die Webcam-Programme keineswegs davor zurückschrecken, jede Sekunde oder noch öfter einen Kontakt zum ftp-Server herzustellen, das Bild zu übertragen und die Verbindung wieder zu beenden, sollten Sie einen sinnvollen Upload-Intervall einstellen, denn sonst wird das Ganze schnell teuer, weil der Rechner ständig mit dem Internet verbunden ist. Für die meisten Anwendungen dürfte ein Update alle fünf Minuten oder sogar jede Stunde vollkommen genügen.

Das DFÜ-Netzwerk sollte so konfiguriert sein, dass es eine Verbindung automatisch wieder beendet, wenn keine Daten mehr übertragen werden. Bevor also Ihre Webcam-Software unkontrolliert Daten ins Internet stellt, sollten Sie das Ganze - Einwahl, Upload und Beenden der Verbindung - mindestens einmal unter Ihrer Aufsicht durchspielen lassen. Wer eine Flatrate hat, braucht sich um die Kosten freilich keine Gedanken zu machen. In jedem Fall sollte man aber die Vertragsbedingungen des Presence-Providers kennen, um das monatliche Transfer-Limit nicht zu sprengen. Dies gilt insbesondere für echte Live-Streams. Bei der ständigen Übertragung von Bildmaterial kommen schon einige Megabytes im Monat zusammen.

Sofern vom Programm unterstützt, ist bei der Übertragung per ftp der passive Modus zu bevorzugen, weil der meist weniger Probleme bereitet. Dennoch hapert es manchmal: Bei billigen und kostenlosen Internet-Providern müssen sich meist sehr viele Anwender einen einzigen ftp-Server teilen, auf dem man Datei-Uploads nicht öfter als alle drei oder fünf Sekunden zu Stande bringt. Wer noch keine Homepage besitzt und sich mit dieser Einschränkung abfinden kann, kann aber durchaus überlegen, seine Webcam-Bilder bei einem kostenlosen Anbieter wie geocities.com oder tripod.de abzulegen.

Ausführlichere Tipps zum Aufbau einer Webcam finden sich zum Beispiel unter http://developers.webcamworld.com/howto.html oder http://netconference.about.com/cs/webcamsetup1/. Webcam-Erweiterungs-Software gibt es bei http://netconference.about.com/cs/camenhancements/.

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