"Ein Durchbruch für Linux..."

Linus Torvalds über aktuelle Linux-Themen

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Linus Torvalds ist die zentrale Figur der Linux-Gemeinde. Der 'Vater' von Linux koordiniert immer noch dessen Weiterentwicklung und gilt in strittigen Fragen als letzte Instanz. c't sprach mit ihm über aktuelle Themen rund um das Freeware-Betriebssystem.

c't: Vor wenigen Tagen gaben die beiden größten Datenbankhersteller - Oracle und Informix - bekannt, daß sie ihre Produkte für Linux anbieten werden. Glauben Sie, daß dies ein Durchbruch für Linux in der kommerziellen Welt ist?

Torvalds: Ja, ich glaube das ist ein Durchbruch für Linux; nicht so sehr weil Linux Oracles Datenbank braucht, sondern weil es zeigt, wie groß die Bedeutung von Linux geworden ist. Es zeigt, daß große Firmen auf Linux portieren, einfach weil ein nicht zu unterschätzender Teil des Marktes sich dorthin bewegt.

Ich freue mich natürlich über Oracle für Linux. Aber wichtiger als die Portierung von Oracles Datenbank erscheint mir, daß schon so viele andere auf Linux gesetzt haben, daß Oracle dachte, es sei in ihrem ureigensten Interesse, eine Portierung vorzunehmen.

c't: Wie wird dies die Rolle von Linux in der Computerwelt beeinflussen?

Torvalds: Für einige Leute wird Linux erst damit zu einer konkreten Alternative, da sie Oracle für ihre Aufgabenstellung benötigen.

Größere Auswirkungen auf den Markt hat meiner Ansicht nach jedoch die psychologische Bedeutung von Oracles Portierung. Ähnlich wie Netscapes Ankündigung erhöht sie das öffentliche Ansehen von Linux - auch bei Leuten, die Oracle gar nicht benutzen.

c't: Sie haben Linux immer als Betriebssystem für den Desktop propagiert. Die meiste Aufmerksamkeit erhält es jetzt jedoch als Serversystem. Marktforscher wie IDC positionieren es als Konkurrenz für Windows NT, und die größten Markterfolge erzielt es bisher im Serverbereich. Was halten Sie von dieser Entwicklung?

Torvalds: Der Grund für mich, Linux als Desktop-System zu propagieren, ist meine Einschätzung, daß dieser Markt schwieriger zu erreichen ist. Ich persönlich hatte niemals Bedenken, was Linux als Server-Plattform angeht. Es ist relativ einfach, die Aufgaben eines Servers zu übernehmen, da dieser sich nur durch sein Verhalten im Netz präsentiert. Ein Desktop-System hingegen erfordert eine komplette Umgebung - nicht nur den Netzwerkteil.

Linux schlägt mehr Wellen im Serverbereich, weil dieser Markt einfacher zu erreichen ist. Ich betrachte allerdings in gewissem Sinne den Desktop immer noch als die 'ultimative Herausforderung'. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich glaube, daß Server wichtig sind. Ich mache mir nur weniger Illusionen über ihre Bedeutung als all die kommerziellen Unix-Hersteller.

c't: Was halten Sie von KDE?

Torvalds: Ich benutze weder KDE noch Gnome, doch was ich bisher von KDE gesehen habe, hat mir gefallen. Durch die aktuellen Streitereien im Netz zum Thema 'KDE versus Gnome' habe ich allerdings eine gewisse Abneigung gegen beide entwickelt. Ich hoffe, die Entwickler werden in Zukunft mehr zusammenarbeiten.

c't: Was benutzen Sie?

Torvalds: Ich befinde mich noch in der Steinzeit und benutze ein einfaches FVWM-Setup, das aussieht wie eine typische Linux-Installation vor einigen Jahren. Vielleicht werde ich irgendwann auf eine modernere Oberfläche umsteigen. Da ich jedoch hauptsächlich mit Sachen beschäftigt bin, die keinerlei Bezug zum Desktop haben, sah ich bisher keine Notwendigkeit.

c't: Es gab in letzter Zeit im Netz sehr heftige Auseinandersetzungen um die Tatsache, daß KDE auf der kommerziellen GUI-Bibliothek Qt basiert, die nicht unter der GPL steht. Sehen Sie da ein Problem?

Torvalds: Ja. Doch das Hauptproblem ist für mich die Uneinigkeit der Leute, die sogar dazu führt, daß sie sich im Netz gegenseitig beschimpfen.

Früher dachte ich, Qt wäre gut, und ich betrachte es immer noch als ein technisch hervorragendes Produkt einer guten Firma. Ich beginne jedoch, mich zu fragen, ob die Linux-Gemeinde KDE mit seinen politischen Implikationen akzeptieren kann, und das finde ich schade.

c't: Red Hat - einer der wichtigen Linux-Distributoren, der vor allem in den USA große Bedeutung hat - weigert sich, KDE in seine Distribution aufzunehmen. Statt dessen propagieren sie Gnome, das sie auch aktiv weiterentwickeln. Glauben Sie, das ist der richtige Weg?

Torvalds: Das ist ihre Entscheidung, die zu einem gewissen Grad auch begründet ist: Aufgrund der Lizenzbestimmungen von Qt können sie nicht alles mit KDE machen, was sie für erforderlich halten könnten. Gäbe es etwa eine Sicherheitslücke in Qt, so dürften sie diese in ihrer Distribution nicht selbst beseitigen, auch wenn sie den Quelltext zur Verfügung haben.

c't: Eine komplette Desktop-Umgebung mit einer guten Integration von Applikationen stellt ein riesiges Projekt dar. Glauben sie, die Linux-Gemeinde verfügt über ausreichend Ressourcen, gleich zwei davon parallel zu entwickeln?

Torvalds: Es könnte durchaus sein, daß gerade die Existenz von zwei konkurrierenden Umgebungen diese Ressourcen erst freisetzt. Die Konkurrenz zwischen KDE und Gnome scheint die Entwicklung angekurbelt zu haben. Ich finde die Feindseligkeiten geschmacklos, aber es kann gut sein, daß das Paket, das sich im Endeffekt durchsetzt, technisch ausgereifter ist, eben weil es einen Wettbewerber hatte. Wir alle wissen, wohin fehlender Wettbewerb führen kann ...

c't: Wird es in Zukunft ein 'Red Hat Linux' geben, das sich dem normalen Desktop-Benutzer völlig anders präsentiert und sich anders verhält als etwa ein 'SuSE Linux'? Oder in anderen Worten: Wird Linux die Geschichte von Unix wiederholen, das seine Chance auf dem Desktop vergeben hat, weil sich die Hersteller erst viel zu spät auf CDE einigen konnten und dann bereits alle Welt Windows benutzte?

Torvalds: Das bezweifle ich. Anders als bei Unix gibt es für alle Programme immer noch den Quelltext. Auf lange Sicht ist es deshalb recht unwichtig, ob sich KDE oder Gnome durchsetzen, da die Entwickler jederzeit die Funktionalität des jeweils anderen duplizieren können.

c't: Intel erzeugt bereits jetzt eine Menge Wirbel um die neue Prozessorgeneration Merced. Kommerzielle Betriebssystemhersteller verfügen bereits über Merced-Emulatoren und portieren und testen ihre Produkte darauf. Wie ist der Status von Linux?

Torvalds: Ich selbst möchte keine Non-Disclosure-Agreements unterschreiben, was bedeutet, daß ich bis zur Veröffentlichung keine Informationen über Merced bekomme. Es gibt jedoch andere Entwickler, die sich für Linux und Merced interessieren und in dieser Beziehung flexibler sind. Deshalb bin ich sicher, daß wir sehr bald nach der Freigabe des Chips auch eine Merced-Portierung haben werden.

Mit Abstand das größte Problem sind die Entwicklungswerkzeuge wie gcc und binutils. Der Kernel selbst bereitet mir keinerlei Sorgen: andere Betriebssystemhersteller mögen Simulatoren und mehrere Jahre benötigen, doch Linux unterstützt bereits jetzt sowohl die PC-Seite als auch die 64-Bit-Architektur, so daß uns eine native Merced-Portierung keine grundsätzlich schwerwiegenden Probleme bereiten sollte.

c't: Spricht Intel mit Ihnen über Linux auf dem Merced?

Torvalds: Ich führe Gespräche mit Intel, bisher allerdings hauptsächlich über Highend-Server-Hardware wie den Vierfach-Xeon. Zu Merced kann ich nur sagen, daß ich von Leuten weiß, die bereits daran arbeiten.

c't: Die Linux-Version 2.0 gibt es nun schon seit über zwei Jahren, und die Entwicklerkernel in 2.1 haben die Hundertergrenze bereits überschritten. Wann gibt es eine neue, stabile Version, und wie wird sie heißen - 2.2 oder 3.0?

Torvalds: Die nächste Version ist 2.2, und das Einfrieren des Codes dafür ist bereits erfolgt. Deshalb hoffe ich, daß die endgültige 2.2-Version in ein bis zwei Monaten erscheinen wird.

c't: Bringt sie wesentliche Neuerungen für den normalen Benutzer, oder beschränkt sie sich auf die Unterstützung neuer Hardware?

Torvalds: Die meisten Leute werden keine wesentlichen Unterschiede feststellen. Die neue Version läuft viel besser auf verschiedenen Nicht-Intel-Plattformen und auf Highend-Hardware (SMP-Maschinen und Rechner mit viel Speicher). Es gibt allerdings auch ein paar neue Features, die Benutzer mit einem 'durchschnittlichen' Rechner zum Upgrade bewegen können, wie etwa der verbesserte Thread-Support oder Wine, das unter Linux 2.2 Win95-Threads besser emulieren kann. Doch die meisten Benutzer werden sich mehr für andere Upgrades interessieren - also beispielsweise ein Upgrade ihres Window-Managers.

c't: Wo passiert nach Ihrer Meinung derzeit die spannendste Entwicklung im Linux-Bereich?

Torvalds: Die interessantesten Sachen geschehen auf Benutzerseite. Ich selbst finde SMP-Linux und die Skalierbarkeit des Kernel fesselnd. Doch ich denke, daß die Applikationen einen größeren Einfluß darauf haben werden, wo sich Linux in einigen Jahren befindet. Nur Kernel-Oldtimer wie ich müssen sich noch wirklich um den Kernel selbst kümmern. (ju)