Ein Lob der Ingenieurskunst

@ctmagazin | Editorial

Ein Lob der Ingenieurskunst

Ingenieure können alles. Unermüdlich tüfteln und konstruieren sie, und kein technisches Problem ist zu schwierig, als dass sie nicht irgendwann eine Lösung fänden. Mein Nachbar ist so einer. Er glaubt fest daran, sein Scheunentor müsste doch eigentlich fliegen können. Man muss es nur richtig anstellen. Während ich so in meinem Liegestuhl sitze, beobachte ich ihn beim Schrauben. All die Detailprobleme: Stabilität, Benzinverbrauch, Aerodynamik, Start und Landung ... fantastisch, er hat alles fast gelöst! Er ist halt einer von der alten Schule, die sich durch Rückschläge nicht entmutigen lassen.

Er könnte glatt bei Intel anfangen. Die haben dort auch so eine Abteilung mit unerschütterlichen Visionären. Nehmen wir zum Beispiel mal ACPI, das Advanced Configuration and Power Interface. Da haben sich vor vier Jahren kluge Köpfe zusammengesetzt und alles noch mal so richtig von Grund auf neu erfunden, was vorher wild gewachsen war. Plug & Play und Advanced Power Management - alles kalter Kaffee.

Mit ACPI kann das Betriebssystem den Rechner in einen Tiefschlaf versetzen, aus dem er in Sekundenbruchteilen wieder aufwacht. Endlich kein langweiliges Booten mehr, ein Knopfdruck und die Kiste läuft. Und ganz egal, was für neue Geräte auf den Markt kommen: Man muss nicht mal einen neuen Treiber schreiben, weil ACPI schon im Voraus an absolut alles gedacht hat.

Eine Spezifikation voller toller und innovativer Ideen also. Hat nur einen kleinen Haken: Sie ist so kompliziert, dass es zwei Jahre dauerte, bis erste Hersteller sie auch nur ansatzweise implementierten. Und heute, nach zwei weiteren Jahren, macht ACPI immer noch Ärger. Macht aber nichts, die Idee ist jedenfalls genial.

Ein weiteres Beispiel höchster Ingenieurskunst ist USB 2.0. Die Aufgabe war schwierig: Mit Steckern und Kabeln, die für viel niedrigere Übertragungsraten konzipiert waren und schon seit Jahren auf dem Markt sind, soll jetzt alles plötzlich 40-mal so schnell gehen. Das will jedenfalls die Marketing-Abteilung.

Ein Stecker für alles, alte und neue Geräte gleichermaßen, vorwärts, rückwärts und seitwärts kompatibel - eine tolle Idee. Und die neuen Hubs sind wahre Wunderdinger: Langsame und schnelle Geräte lassen sich beliebig mischen, ohne dass sie sich gegenseitig ausbremsen, faszinierend! Es könnte allerdings noch ein Jährchen oder zwei dauern, bis alles zuverlässig so funktioniert, wie es geschrieben steht. Es ist halt höllisch kompliziert, da muss man etwas Geduld haben.

Man hätte natürlich auch FireWire nehmen können. Beziehungsweise - um auf meinen Nachbarn zurückzukommen - eine Cessna. Aber das wäre ja langweilig, das funktioniert ja schon.

Harald Bögeholz

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