„Ein ständiges Bemühen, die Dinge zu verbessern“

Die Wikimedia Foundation auf dem Weg vom Experiment zur Organisation

Trends & News | Interview

Die Wikimedia Foundation muss in eine effiziente Organisation verwandelt werden.

Die Wikimedia Foundation ist die eigentliche Organisation hinter der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia. Sie ist vollständig abhängig von den freiwilligen Beiträgen unzähliger Wikipedia-Begeisterter. Sie schreiben nicht nur Artikel und achten auf die Einhaltung von Mindeststandards, sie kümmern sich auch um die Kern-Aufgaben der Organisation wie die Verwaltung der Server. Auf der anderen Seite steigen mit der wachsenden Popularität der Wikipedia die Anforderungen und Ansprüche der Öffentlichkeit an das Projekt immer weiter.

Gestartet ist die Foundation als Experiment: Jimmy Wales gründete die Stiftung 2003, um nicht allein die Verantwortung für das Projekt tragen zu müssen. Das funktionierte zunächst eher schlecht als recht. Die Mitglieder des Wikimedia-Boards kamen in der Anfangszeit nur selten zusammen. Auch bei der Wahl der Angestellten schien die Stiftung keine glückliche Hand zu haben. So schied zuletzt der Interims-Geschäftsführer Brad Patrick nach neun Monaten im Streit aus der Foundation aus.

Das blieb nicht ohne Folgen für die Wikipedia. Dringend nötige Weiterentwicklungen lassen bis heute auf sich warten. So hatte Jimmy Wales bereits 2006 die Einführung „stabiler Artikelversionen“ angekündigt, die dem grassierenden Vandalismus in der Mitmach-Enzyklopädie Grenzen setzen sollten. Wikimedia-Vorstandsmitglied Erik Möller sagt dazu: „Es gibt viele Projekte dieser Art - es fehlt nur der letzte Anstoß.“ Doch dieser Anstoß bleibt oft aus.

Im Oktober 2006 übernahm dann die Französin Florence Devouard die Leitung der Stiftung. Sie versuchte, die Verhältnisse zu ordnen. Sie gründete Arbeitskreise, um die Mitarbeit von Freiwilligen besser zu koordinieren, stellte die Zusammenarbeit mit nationalen Wikimedia-Organisationen auf eine legale Basis. Und jetzt soll die Stiftung auf neue Füße gestellt werden. Im Dezember 2007 übernahm die Kanadierin Sue Gardner offiziell den Posten des „Executive Director“. Die ehemalige Journalistin war zuvor für die Online-Präsenz des öffentlich-rechtlichen kanadischen Fernsehens zuständig. Anlässlich ihres Antrittsbesuchs in Deutschland sprach Gardner mit der c't über ihre neuen Aufgaben und die Zukunft der Stiftung.

c't: Frau Gardner, wie sind Sie zur Wikimedia Foundation gekommen?

Sue Gardner: Ich war am Tag des Amoklaufs an der Universität von Virginia auf einer Konferenz. In den Pausen informierte ich mich über die Geschehnisse. Dabei stieß ich auf die Wikipedia, die eine unglaublich gute Berichterstattung zu dem Amoklauf machte. Ein Freund hatte vorher erwähnt, dass Wikimedia einen neuen Executive Director sucht und ich überlegte, wie toll es wäre, an diesem exzellenten Projekt beteiligt zu sein. Ich sprach mit Freunden, ich sprach mit Brad Patrick - alles passte zusammen. So bewarb ich mich um den Posten. Als ich den Job annahm, habe ich nicht sofort mein Haus in Toronto verkauft. Ich wusste nicht, ob alles funktionieren würde. Die Organisation ist gerade im Umbruch, ich wollte erst sehen, ob ich einen wesentlichen Beitrag leisten kann. Nach fünf Monaten glaube ich, dass ich das kann. In San Francisco werden wir etwas Neues aufbauen.

c't: Ist ein kompletter Neustart nötig?

Gardner: Wir werden die Foundation nicht bis auf den Grund einreißen. Ich habe versucht, so viel Wissen, so viele Leute wie möglich beim Umzug mit nach San Francisco zu nehmen. Ich glaube nicht, dass die Wikimedia irgendwann einmal 300 Angestellte haben wird. Derzeit sind es elf, ich glaube wir werden in Zukunft 20 bis 30 Angestellte beschäftigen. Der wichtigste Teil der Organisation sind die vielen freiwilligen Mitarbeiter. Und die Community wird dort bleiben, wo sie auch schon jetzt ist: überall auf der Welt.

c't: Insgesamt beträgt das Budget für das laufende Geschäftsjahr 4,6 Millionen Dollar. Die Spendeneinnahmen belaufen sich derzeit aber nur auf etwas über eine Million Dollar. Woher kommt das Geld?

Gardner: Es war nie vorgesehen, dass die aktuelle Spendenkampagne das gesamte Budget einspielt. Wir haben mit zirka einer Million Dollar gerechnet. Zusätzlich erwarten wir demnächst 1,2 Millionen Dollar von Großspendern. Ich bin gerade dabei, einen Spendenbeauftragten zu engagieren. Diese Person wird sich nicht nur um die Organisation künftiger Spendenkampagnen kümmern, sondern soll auch gezielt potenzielle Spender ansprechen. Schon heute bekommen wir eine nicht unbeträchtliche Summe von Großspendern - ohne dass wir dafür geworben haben. Ich glaube, wenn wir anfangen, die Leute gezielt anzusprechen, werden wir die Spendeneinnahmen wesentlich steigern können. Als Philanthrop würde ich für Projekte spenden, die die Welt verändern. Wir bei Wikimedia haben ein solches Projekt.

„Als Philanthrop würde ich für Projekte spenden, die die Welt verändern. Wir bei Wikimedia haben ein solches Projekt.“

c't: Im letzten Jahr hat eine Großspende für Streit gesorgt. Die Wikimedia Foundation blendete auf allen Wikipedia-Seiten das Logo der Virgin Stiftung ein. Empörte Wikipedianer sahen darin eine Werbung für den Virgin-Konzern. Wird es bei künftigen Spendern anders sein?

Gardner: Ja. Die Spender, mit denen wir jetzt zu tun haben, wollen uns einfach nur helfen. Wir sind da in einer glücklichen Lage: Wir müssen die Interessen der Großspender nicht gegen die Interessen der Community abwägen - beide verfolgen das gleiche Ziel.

c't: Werbung ist demnach für Wikimedia kein Weg, Geld zu beschaffen?

Gardner: Wir wollen das nicht zu 100 Prozent ausschließen. Aber ich persönlich glaube nicht, dass wir jemals diesen Weg beschreiten werden. Auf den Webseiten der Canadian Broadcast Corporation habe ich Werbung eingeführt - das war Teil meines Jobs. Für die CBC war es die richtige Entscheidung. Bei Wikipedia verhält es sich jedoch anders. Es gibt viele Philanthropen, die an Erziehung oder der Förderung der Entwicklungsländer interessiert sind. Ich glaube daher nicht, dass wir jemals gezwungen sein werden, Werbung einzuführen.

c't: Könnte die Wikimedia Foundation unpopuläre Entscheidungen durchsetzen? Wer entscheidet in der Wikipedia? Die Foundation, die Community oder der innere Zirkel der Wikipedia-Administratoren und -Autoren?

Gardner: (lacht) Ich glaube, es ist eine Frage der Balance. Die Community ist der Kern des ganzen Projekts. Für mich als Manager ist es interessant: Ich kann der Community nicht vorschreiben, etwas zu tun. Wenn es niemand interessant oder notwendig findet, wird es niemand tun. Die Foundation hat gleichwohl eine Führungsrolle. Wir haben die Aufgabe, den Dialog zu moderieren und zu bestimmen, wo die Reise hingehen soll. Es gibt da sicherlich Spannungen, aber sie führen dennoch ans Ziel.

„Die Community ist der Kern des ganzen Projekts. Ich als Manager kann der Community nicht vorschreiben, etwas zu tun.“

c't: Die Meinungsbildung innerhalb der Wikipedia und ihrer Schwesterprojekte ist jedoch mehr als chaotisch. Planen Sie, die Entscheidungsprozesse in der Gemeinschaft mehr zu formalisieren?

Gardner: Ich glaube, das werden wir nach und nach tun. Die Geschichte der Wikipedia folgt dem klassischen Verlauf: zu Beginn Jimmy Wales mit seinem charismatischen und visionären Auftreten. Zunächst halfen ihm einige Freunde, später wurde die Organisation professionalisiert. Ein wesentlicher Wendepunkt war, als die Wikimedia-Komitees gegründet wurden. Es ist „work in progress“ und wir lernen ständig neue Dinge hinzu. Zum Beispiel gab es vor kurzem den Vorschlag, eine spezielle Mailingliste für Bekanntmachungen zu schaffen, damit die Leute nicht jeden Tag 500 Mails lesen müssen, um zu erfahren, was gerade vor sich geht. In der Diskussion gab es jedoch keinen Konsens für eine solche Liste. Vielleicht werden wir jetzt einfach wichtige Mails mit dem Titel „Bekanntmachung“ versehen, damit die Leser diese Mails herausfiltern können. Es ist ein evolutionärer Prozess, der nie enden wird - wie auch das Projekt selbst: Es ist ein ständiges Bemühen, die Dinge zu verbessern.

c't: Ist die Foundation ein neuer Typus von Organisation, oder entspricht die Entwicklung der anderer Organisationen?

Gardner: Ich hoffe, dass wir auch in Zukunft eine ungewöhnliche Organisation sind, die ihre ganz eigenen Wege verfolgt. Ich glaube, wir können es schaffen. Als Managerin bin ich sehr an Organisationsformen interessiert. Wir können bei Wikimedia neue Wege ausprobieren, die Community anzusprechen, Dinge in Schwung zu bringen - oder zu bestimmten Entscheidungen zu kommen. Meine Aufgabe ist es, eine Umgebung zu schaffen, in der die Leute experimentieren können.

c't: Experimente sind das eine - manchmal braucht man aber auch Ergebnisse. Features wie die stabilen Artikelversionen oder ein gemeinsames Login für alle Wikimedia-Projekte sind lange überfällig.

Gardner: Der Grund ist simpel: Wir haben nur zwei Entwickler. Die Foundation war immer sehr stolz darauf, wie klein die Organisation hinter diesem riesigen Projekt eigentlich ist. Eine Folge: Das eingenommene Geld wird fast komplett für die notwendigsten Aufgaben wie den Betrieb der Server verwendet. Ab einem gewissen Punkt ist die Belegschaft aber einfach zu klein. Deshalb habe ich vor, im nächsten halben Jahr mehr Entwickler einzustellen.

c't: Welche Rolle werden die nationalen Sektionen wie zum Beispiel Wikimedia Deutschland in Zukunft spielen?

Gardner: Sie werden eine wesentliche Rolle spielen. So spielt die lokale Expertise eine große Rolle bei der Weiterentwicklung der Projekte. Wikimedia Deutschland unterstützt die Foundation mit erheblichen Beträgen, mit denen Server in Amsterdam finanziert werden.

c't: Werden Sie neue Sektionen in Entwicklungsländern gründen?

Gardner: Als Erstes habe ich mir die Frage gestellt: Was tun wir für die Entwicklungsländer? Unsere Aufgabe ist ja nicht, eine Webseite zu bauen, wir wollen die Informationen zu den Menschen bringen. Die Wikimedia-Sektionen sind bisher in entwickelten Nationen entstanden, da die Leute hier auch Zeit und Mittel haben, sich ehrenamtlich zu engagieren. Vielleicht ist diese Organisationsform für Entwicklungsländer nicht besonders geeignet. Neben einem Spendenbeauftragten werden wir auch einen Koordinator für Partnerschaften einstellen, der sich um Kontakte zu Organisationen in Entwicklungsländern bemüht. Diese Organisationen können uns erklären, wie wir sie unterstützen können - zum Beispiel mit Büchern oder DVDs. Wir planen auch weitere Wikipedia-Academy-Konferenzen.

c't: Viele Artikel in der Wikipedia sind für Entwicklungsländer nicht gerade nützlich. Muss sich Wikipedia anpassen, um Aufbauhilfe zu leisten?

Gardner: Nicht unbedingt. Ich glaube, die Menschen bekommen die Wikipedia, die sie verdienen. Wenn sie an „Deutschland sucht den Superstar“ interessiert sind, finden sie in der Wikipedia jede Menge Informationen. Gleichzeitig kann man aber auch Artikel über höhere Mathematik finden. Die Wikipedia ist wie ein großes Zelt: Hier ist genug Platz für all das. Wir brauchen sicherlich Übersetzungen von Basis-Informationen in andere Sprachen - zum Beispiel über Krankheiten. Aber vorrangig sollten die Menschen in den Entwicklungsländern selbst über Dinge schreiben, die sie betreffen.

c't: Die Stimmung in der Wikipedia ist derzeit nicht die Beste ...

Gardner: Das ist eine heikle Situation. Mein Vater interessiert sich zum Beispiel sehr für die Geschichte des kanadischen Pelzhandels. Er hat Karten der Wildwege, er hat Tagebücher von Pelzhändlern aus dem 17. Jahrhundert, er gibt sogar Kurse an der Universität. Als ich bei Wikimedia anfing, überlegte ich, ob ich meinen Vater zur Mitarbeit ermuntern sollte. Aber dann dachte ich, dass der Umgangston in der Wikipedia etwas grob ist. Mein Vater ist in den 70ern, als Pfarrer ist er es gewohnt, dass die Menschen respektvoll mit ihm sprechen. So habe ich ihm vorerst nicht empfohlen, in der Wikipedia mitzuarbeiten. Der gemeinsame Umgang miteinander ist ein Gebiet, in dem die Wikimedia tatsächlich Einfluss nehmen kann. Wir können bestimmte Verhaltensweisen fördern. Dabei ist die Wikipedia-Community nicht besonders unangenehm - ich glaube, wir sind in der Beziehung nicht schlechter als andere Online-Communities. Ich würde gerne mehr gegenseitige Unterstützung und Freundlichkeit innerhalb der Community sehen. Wir müssen uns daran erinnern, dass dies ein Wert für sich ist. Und wenn das eintritt, kann ich auch meinem Vater die Mitarbeit empfehlen. (jk)

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