Eine Crux mit dem Fortschritt

@ctmagazin | Editorial

The Times They Are A-Changin' (Bob Dylan)

Es ist eine Crux mit dem Fortschritt: Da sang man in den sechziger Jahren Hymnen auf kreuzungsfreie, vielspurige Schnellstraßen, auf denen die Fahrzeuge per Leitkabel elektronisch gesteuert sicher und schnell zum Ziel kommen. Tatsächlich aber trällert heute Schlager-Derwisch Guildo Horn den im Stau stehenden Autofahrern via Radio das Ende vom Lied.

Seitdem 1975 der Prototyp eines Mikrocomputers, später werbeträchtig "Personal Computer" geheißen, das Licht der Welt erblickte, erschallte es immerzu: "Mehr, mehr!" Notgedrungen, denn der PC erwies sich bis in die nahe Gegenwart als Mangelgerät. Anfangs forderten die modernen (großen) Häwelmänner sicherlich einfach nur mehr Quantität, jetzt aber mischt sich ein Ruf nach neuer Qualität darunter.

Wie gesagt, der Computermarkt war seit seiner Entstehung wie kaum ein anderes Gebiet einer stetigen Weiterentwicklung unterworfen, sowohl Hardware als auch Software betreffend. Jedoch verlaufen diese Prozesse seit längerer Zeit gleichsam auf einer Ebene, ausnehmend schön in der Evolutionsreihe der Intel-Prozessoren (286er, 386er, 486er, 586er) und der Windows-Varianten zu sehen - von den Versionsfolgen diverser Applikationen ganz zu schweigen.

So verwundert es nicht, derzeit zu hören: "Meine PC-Ausstattung reicht aus: Briefe schreiben, Kalkulationen durchführen, Adressen verwalten, Zeichnungen anfertigen, Banking von zu Haus erledigen, durchs Internet surfen, die Steuererklärung elektronisch anfertigen - was will ich mehr?"

Doch ist genug genug?

Als der Wissenschaftstheoretiker Thomas S. Kuhn 1962 seine Thesen zur Struktur wissenschaftlicher Revolutionen vorlegte, wollte er aufzeigen, daß ein von der Forschergemeinde allgemein akzeptiertes Erkenntnisbild oder Denkmuster (ein Paradigma) nicht auf ewig Bestand hat, sondern revolutionären Umwandlungen unterworfen ist, die dann möglicherweise wiederum neue Paradigmen ausbilden. Zwar geriet Kuhns Terminus nachfolgend in eine gewisse Anwendungsinflation, gleichwohl verlor der Begriff nichts von seiner Essenz.

Was heute fehlt, sind weniger fließende Upgrades, nicht allein nur mehr Funktionalität, Schnelligkeit und Kapazität als vielmehr ein kräftiger Entwicklungssprung hin zum menschengerechten Computer. Und die Anzeichen mehren sich, daß, knapp zwei Jahre vor der Jahrtausendwende, ein Paradigmenwechsel bevorsteht.

Dann könnte der "Persönliche Computer" zu dem werden, was seine Bezeichnung uns so lange vorgegaukelt hat. Vorbei wären die Zeiten mühsamer Tipperei, man diktierte dem elektronischen Assistenten seine Wünsche in fließend gesprochener Sprache; und in nicht allzu ferner Zukunft würde er selbständig komplizierteste Anweisungen in jede verlangte Form umsetzen - auf Zuruf, versteht sich. Wie dicht wir dran sind, zeigen die Artikel zur Spracherkennung in diesem Heft.

"Portables" würden tragbar, Handhelds und Palmtops durchliefen Metamorphosen: das Funkmodem steckte im Ohrring, der Komplett-PC im Armband, die Mega-Enzyklopädie im Gürtel. Kiloschwere, klobige Monitore verwandelten sich in dünne, leichte Displays. Ein smarter Robo-Butler führte nebenbei Regie im Haushalt, ohne die teure Vase umzustoßen, die Kartoffeln anbrennen zu lassen oder die Flusen unterm Bett zu übersehen. Auch das leidige Lernen und das wieder und wieder Umlernen von Paßwörtern hätte ein Ende: Stimmerkennung, Fingerabdruck-Check oder Iris-Scan sind schon praxisreif.

Gewiß, vieles ließe sich weiterspinnen: Computertransplantate aller Art stehen in Aussicht, auch die künstliche Retina muß kein Traum bleiben. Konsultieren wir zukünftig statt des Hausarztes seine virtuelle Ausgabe im Internet, gehen unsere Kinder bald in Cyber-Schulen oder studieren an Netz-Unis? Und kommt Joseph Weizenbaums Computertherapeutin "Eliza" als ihre eigene Urenkelin nach bestandenem Turing-Test doch noch zu beruflichen Ehren?

Was wird Realität, was bleibt Illusion, was verwandelt sich in einen Alptraum? Die Zukunft ist - wie die Vergangenheit beweist - vor Sackgassen, Fehlentwicklungen und Scheußlichkeiten nicht gefeit. Vielleicht auch nicht vor einer Zukunftsausgabe von Guildo Horn samt "Orthopädischen Strümpfen", die wiederum bereitsteht, bei Mißentwicklungen emotionalen Halt zu geben?

Dr. Adolf Ebeling

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