Eine kleine Geschichte der Textverarbeitung

Eine kleine Geschichte der Textverarbeitung

Retro | Geschichte

Bild: IBM

Vor fast 70 Jahren begann die Ablösung der Schreibmaschine durch den ersten Word Processor. Den Begriff dachte sich ein ehemaliger Jagdflieger aus.

Electric Pencil, WordStar, Superwriter, Euroscript … seufz. Für jemanden, der vom Schreiben längerer Texte lebt, ist die Liste der im Laufe der Zeit genutzten Textverarbeitungsprogramme so etwas wie die Erinnerung an frühere Beziehungen. Gemeinsam hat man gelebt, gespeichert und gelacht. Oder manchmal gelitten und geflucht, wenn der Text mal wieder im Nirwana zwischen Betriebssystem und Datenträger verschwand.

Seltsame Erinnerungen bleiben zurück. Etwa an die ESC-Taste, mit der in Electric Pencil der Text zur speichernden Tonbandkassette geschickt wurde. Oder an die elegante Cursorsteuerung von WordStar ohne Maus oder an „laapd mail.dru“, mit der in Euroscript eine „E-Mail-Druckerdatei“ geladen wurde, die harte Zeilenumbrüche setzte.

Der Einzug der Textverarbeitung in den Alltag hat viele Änderungen mit sich gebracht. Die 257 Seiten meiner Magisterarbeit schrieb ich 1981 noch auf einer Schreibmaschine. Einfach ein paar Änderungen in den ersten Kapiteln einzufügen war nicht oder nur mit enormem Aufwand möglich. Das Geschriebene war endgültig. Mit dem Computer und der Textverarbeitung sieht das ganz anders aus. Der Text ist variabel, dank Copy & Paste sind auch die beim Schreiben verfestigten Gedanken fließend. Das kann befreiend sein, aber auch zu einer Verflachung und fahrlässigen Flüchtigkeiten führen, wie es Stefan Weber in seinem Buch „Das Google-Copy-Paste-Syndrom. Wie Netzplagiate Ausbildung und Wissen gefährden.“ (Heise Verlag) formuliert.

c't Retro 2019

Dieser Artikel ist Teil der c't-Ausgabe 27/2019

Wer von der Entwicklung der Textverarbeitung erzählt, darf von den erlebten Katastrophen nicht schweigen. Längst nicht alle Textverarbeitungen fertigten automatisch Sicherheitskopien an oder forderten zwischendrin – wie etwa Word – den Nutzer zum Speichern auf. Dramen spielten sich ab, wo lange Texte mangels freiem Platz auf der Diskette nicht mehr gespeichert werden konnten. Wo beim Versuch, einen Text zu speichern, versehentlich die Textverarbeitung gelöscht wurde.

Düstere Erzählungen aus dem Maschinenraum von der einmal gestarteten Silbentrennung, die in einer Diplomarbeit so aufräumte, dass die Fußnoten verschwanden. Verzweiflungsschreie angesichts inkompatibler Dateiformate, die beim Versuch, wenigstens eine Textdatei zu retten, diese in unbrauchbare Einzelteile zerlegte. Dumpfe Erinnerungen an die schwierige Zusammenarbeit mit Verlagen werden wach, die gleich den nächsten Schritt gingen und die Ablieferung von Texten in einem Layout-Programm wie QuarkXPress verlangten.

Quizfrage: Wer war 1984 mit dem Einsetzen des PC-Booms die größte Softwarefirma? Microsoft? Leider falsch, denn mit 60 Millionen Dollar führte MicroPro International die Liste an, als Hersteller von WordStar, der meistverkauften Textverarbeitung dieser Zeit. Vom Programmierer Rob Barnaby für das Betriebssystem CP/M komplett in Assembler in vier Monaten geschrieben und 137.000 Codezeilen schlank, war WordStar die Standard-Textverarbeitung schlechthin.

MicroPro verkaufte sie über Computer-Händler, die sie dabei auch verpflichteten, den Käufern das Programm zu erklären. Mit dem Start des IBM PC verfügte die Firma damit aus dem Stand weg über ein ausgebautes Händlernetz, das den Neulingen am Rechner Hilfestellung geben konnte. WordStar wurde in 42 Sprachen übersetzt, eine Zahl, die erst Windows 95 übertraf. Die elektronische Textverarbeitung ist indes viel älter als WordStar, Tischcomputer und PCs.

Alles begann mit dem Flexowriter von Friden, eine Anfang 1950 angebotene elektrische Schreibmaschine mit zwei angebauten Lochstreifenlesern. Sie ermöglichte erstmals Serienbriefe. Dazu wurde zuerst eine Briefadresse von einem Lochstreifen in das System eingelesen und das Gerät durch ein Steuerzeichen gestoppt. Daraufhin setzte der zweite Lochstreifen den Brieftext ab. Schnell entwickelte sich der Flexowriter zur härtesten Konkurrenz zur IBM-Selectric-Schreibmaschine.

IBM konterte den Angriff erfolgreich mit dem MT/ST-System, dem „Magnetic Type Selectric Typewriter“. Dessen Aufgabe war „Word Processing“, ein Begriff, den der ehemalige Jagdflieger Ulrich Steinhilper einführte. Er arbeitete als Deutschland-Manager der Schreibmaschinensparte von IBM und beschäftigte sich mit der Frage, wie man das Gemenge von Text und Daten bei modernen Serienbrieffunktionen wohl nennen könnte. 1956 kam er auf die Idee, analog zum Data Processing vom Word Processing zu sprechen, einen Terminus, den man bei IBM sofort aufgriff und vermarktete.

In Deutschland wurde das System als „Magnetband-Schreibmaschine“ (MB 72) verkauft, womit die Funktionsweise gut beschrieben ist. Die MT/ST war eine Kugelkopfmaschine mit einem Beistelltisch, auf dem eine wuchtige Mechanik zwei Bandlaufwerke steuerte, die mit Speicherkassetten bestückt wurden. Auf ein Magnetband passten bis zu 28.000 Zeichen, rund zwölf DIN-A4-Seiten. Einmal auf die Bänder geschriebene Texte verarbeitete der rasende Kugelkopf mit 900 Anschlägen pro Minute.

Die MT/ST ermöglichte es, Absätze neu zu schreiben oder umzukopieren und Textblöcke zu verschieben. Als wichtigstes Feature entpuppte sich der Serienbrief: Ein Band enthielt die Steuerdatei mit den Anschriften, das andere den Formbrief. Umfangreiche Korrekturen waren mit der MT/ST kein Problem mehr, weil die jeweils neueste Fassung immer auf der zweiten Bandstation gespeichert werden konnte.

42.719 Mark kostete das Wunderwerk, doch die meisten Firmen mieteten die Maschine lieber für 1.044 Mark monatlich und investierten kräftig in ihre umfangreichen Bandsammlungen. IBMs größter Kunde in Deutschland wurde die Allianz-Versicherung, deren Sachbearbeiter Texte nicht mehr diktieren mussten. Stattdessen suchten sie aus einem umfangreichen Floskel-Handbuch die entsprechenden Nummern der Textbausteine zusammen und gaben nur die Zahlen ein. Das „Sterbeband 14 23 56“ zum Beispiel erzeugte ein Beileidsschreiben an die Angehörigen Verstorbener, das zudem die zügige Abwicklung der Versicherungsleistung versprach und notwendige Dokumente anforderte.

Den großen Erfolg der MT/ST nutzte IBM, um 1969 einen Nachfolger auf der Basis von Magnetkarten auf den Markt zu bringen. Der Magnetkartenschreiber MC 72 konnte wesentlich weniger als die MT/ST: Anstelle zweier Laufwerke gab es nur noch einen Kartenschacht. Dafür waren die exakt lochkartengroßen biegsamen Magnetkarten so flach, dass sie bequem zu den Akten geheftet werden konnten. Damit brachte das 31.790 Mark teure System (Monatsmiete 725 Mark) den Durchbruch in großen Rechtsanwaltskanzleien.

Auf den Magnetkarten (50 Spuren, 100 Speicherstellen, jede Spur entsprach einer Textzeile) konnte gezielt nach einzelnen Worten gesucht werden, die sich zudem automatisch durch andere Begriffe ersetzen ließen. Die wichtige „Search and Replace“-Funktion hatte damit in der Welt der Textverarbeitungen Einzug gehalten. Für umfangreiche Serienbriefe eignete sich die MC 72 hingegen weniger. Sie erforderte dafür eine Daten-Standleitung und die Hilfe eines IBM-Rechenzentrums.

Über 42000 Mark kostete IBMs Magnetband-Schreibmaschine MT/ST.

In dieser Situation startete Anfang der 70er Jahre eine Firma namens Redactron mit ihrem „Dual Media Edition Typwriter“. Das Gerät konnte Magnetbänder, Magnetkarten von IBM, Remington und Burroughs sowie mit einem zusätzlichen installierbaren Lochstreifenleser auch noch ältere Textspeicherungen verarbeiten. Bei den Wang Laboratories studierte der Programmierer Howard Koplow das System und baute 1976 nach dem Redactron-Konzept das Wang Office Information System (Wang OIS). Koplow hatte zuvor Interfaces entwickelt, mit denen Wang-Tischrechner mit einer IBM Selectric so verbunden wurden, dass Zahlen vom Rechner direkt in den Text kopiert werden konnten.

Auf nächster Stufe entstand dann das Word Processing System 700, die Koppelung eines Tischrechners mit einer IBM Selectric und zwei Kassettenrekordern als Speichermedien. Immer dann, wenn eine Zeile geschrieben war, wurde sie auch gespeichert. Bis zu 20 Seiten passten auf eine Kassette. Das schien zwar schon viel, reichte aber zum Beispiel für den Bedarf eines Rechtsanwaltsbüros nicht aus.

So erfand Koplow eine Master Station mit Festplattenspeicher. Mehrere davon ließen sich per Coax-Kabel zu einem virtuellen Server zusammenschließen. Dann schrieb er zusammen mit David Moros ein Benutzerhandbuch für eine ideale Textverarbeitung. Diese war für Vielschreiber gedacht und sah zahlreiche Funktionen für die Büroarbeit vor. Allein dieses Handbuch überzeugte den Firmengründer An Wang, auf der Basis des Intel 8080 (später Zilog Z80) ein Textverarbeitungs-Terminal entwickeln zu lassen. Die Software, sowohl das Betriebssystem als auch die eigentliche Textverarbeitung, schrieb Koplew in Assembler.

Das Wang OIS (Office Information System) dominierte ab 1976 die Textverarbeitung bis Mitte der 80er Jahre – auch ein russischer Klon namens Iskra war im Ostblock sehr erfolgreich. Nach einer Statistik von Bloomberg nutzten 80 Prozent der 2000 größten US-Unternehmen Bürosysteme von Wang. 1984, im selben Jahr, in dem MicroPro mit WordStar Software-Marktführer im PC-Bereich werden sollte, erzielte Wang einen Gewinn von 210 Millionen Dollar, basierend auf einem Umsatz von 2,2 Milliarden. Danach erfolgte der Absturz, denn der PC war wesentlich flexibler einsetzbar.

Als die US-Versicherung Connected Mutual Life ihr Wang-Equipment durch tausend PCs ersetzte, ließ sie kurzerhand einen Klon der Wang-Textverarbeitung erstellen, der unter dem Namen Multimate recht erfolgreich war. Der besondere Clou: Über die IBM-Tastatur wurde eine Folie mit den Wang-Funktionstasten wie „Replace“ oder „Move“ gelegt, damit ehemalige Wang-Nutzer sofort weiterarbeiten konnten.

Während Wang die Büros dominierte, beschäftigte sich die Szene der Hobby-Programmierer und Bastler mit Selbstbaurechnern auf Basis des Intel 8080 und anderer Microprozessoren. Firmen wie IMSAI, Cormenco oder Apple verkauften ab 1976 Bausätze, aus denen engagierte Hobbyisten Rechner zusammensetzten, die man in BASIC, Forth und Assembler programmieren konnte.

Eine der populärsten Programmsammlungen, die unter den Hobbyisten an der amerikanischen Westküste getauscht wurde, war das „Software Package 1“ der Firma Processor Technology für den von ihr angebotenen „Terminal Computer Sol“. Dieses Paket für den Intel-Prozessor 8080 wurde vom Drehbuch-Autor Michael Shrayer umfassend erweitert und als „Extended Software Package“ unter den Hobbyisten des Homebrew Computer Clubs verschenkt. Auf einem ihrer Treffen boten etliche Besucher Shrayer eine Bezahlung für die Portierung oder Erweiterung auf ihr jeweiliges Computersystem an.

Eines der ersten Textverarbeitungsprogramme war Electric Pencil. Es wurde für 78 verschiedene Systeme angepasst, zuletzt auch für den IBM PC.

Schnell erkannte Shrayer den Bedarf. Aus der Sammlung aller per Assembler entwickelten Tools entstand die Textverarbeitung Electric Pencil, die Shrayer via Mail-Order verkaufte. Unverdrossen passte er das Programm für jeden erdenklichen Mikrocomputer an und produzierte so insgesamt 78 verschiedene Versionen. Eine der letzten davon lief auf dem IBM PC. Shrayer zog sich aus dem Geschäft zurück, nachdem er 250.000 Kopien verkauft hatte. Da war sein Programm schon so bekannt, dass es als Synonym für Textverarbeitung schlechthin galt. Electric Pencil war zu einem generischen Begriff geworden, wie Kleenex oder Coke.

Shrayer hätte den Markt für Textverarbeitungen auf Mikroprozessor-Computern alleine aufrollen können. Das geschah jedoch nicht. Denn das in Deutschland bei Hofacker Software für 280 D-Mark vertriebene Electric Pencil war zwar eine wunderbare Textverarbeitung. Durch das Fehlen störender Menüs und Bildschirmmarken eignete sie sich auch für kleine Bildschirme wie dem des ersten Osborne-Systems. Aber es war keine Textdruckerei. Um ansehnliche Ergebnisse mit dem Nadeldrucker auf Papier zu bekommen, waren Geduld und mehrere Ausdrucke notwendig. Manche der kryptischen Formatierungsanweisungen produzierten kaum vorhersehbare Ergebnisse.

Der Erfolg von Electric Pencil und die zunehmende Erschwinglichkeit von Mikrocomputern brachte immer mehr Konkurrenten auf den Plan. So zum Beispiel die 1979 von John Draper geschriebene Textverarbeitung Easywriter für den Apple II, die nach dem Film Easy Rider benannt wurde. Draper, auch unter dem Hacker-Handle „Captain Crunch“ bekannt, saß wegen Missbrauchs von Kommunikationsdiensten im Gefängnis. Er hatte eine Trillerpfeife benutzt, um kostenlos durch die Welt zu telefonieren. Im Gefängnis kam er in ein Resozialisierungsprogramm mit offenem Vollzug. Das gestattete ihm, nachts an Easywriter zu arbeiten und das Programm tagsüber in der Firma zu testen, die ihn beschäftigte.

Die in Forth geschriebene Textverarbeitung war befehlskompatibel zu den Formatierungsanweisungen von Electric Pencil und sollte ursprünglich nur genutzt werden, um das von Draper für Apple programmierte Forth zu dokumentieren. Da der Apple II auf dem Monitor nur Großbuchstaben und 40 Zeichen pro Zeile anzeigen konnte, verwendete Draper für echte Großbuchstaben die „reverse Video“-Darstellung. Das sah am Bildschirm zwar etwas komisch aus, doch der Papier-Ausdruck war entscheidend. Die von Draper im Gefängnis geschriebenen Druckertreiber unterstützten nämlich die Proportionalschrift von Typenraddruckern. Das bescherte der Textverarbeitung einen großen Erfolg, zumal die 80-Zeichen-Version namens Easywriter Professional auf dem PC dank Forth recht schnell war und zudem von IBM übernommen wurde.

Der Stern von WordStar ging bereits im Jahr 1978 auf. Schon die CP/M-Version war sehr erfolgreich. Das lag unter anderem an der optional einblendbaren Hilfefunktion und der schnell wachsenden Auswahl an Druckertreibern. WordStar richtete sich an geübte Maschinenschreiber und bot eine Cursorsteuerung, die auf die linke Hand ausgerichtet war, während die rechte seltener benötigte Befehlseingaben übernahm.

1982 erschien die PC-Version mit dem Werbespruch „What You See Is What you Get“ (WYSIWYG). Gemeint war damit zu jener Zeit lediglich, dass Zeilen und Absatzumbrüche einigermaßen akkurat angezeigt wurden (sofern man sich auf eine 10-Punkt-Schrift beschränkte) und dass man Randeinstellungen und Tabstopps am Bildschirm setzen konnte. Mit WordStar wuchs MicroPro International bis 1984 zur größten unabhängigen Softwarefirma. Selbst ein großer Konzern wie AT&T musste betteln und viel Geld zahlen, damit das Programm nach Unix portiert wurde, damals Eigentum von AT&T.

Anfang bis Mitte der 1980er Jahre war WordStar federführend. Charakteristisch war die einblendbare Hilfeseite für die wenig eingängigen Tastenkürzel.

Nach dem Erscheinen von WordStar 3.3 leistete man sich den Luxus, neben den WordStar-Programmierern ein zweites Entwicklungsteam aufzubauen, das mit einer konkurrierenden Textverarbeitung namens WordStar 2000 den Markt endgültig abdecken sollte. WordStar 2000 unterstützte eine Handvoll Laserdrucker und wurde darum nicht als „Word Processor“, sondern als „Word Publisher“ vermarktet, aber zum gleichen Preis wie das inzwischen erschienene WordStar 4.0 verkauft. Da das einigermaßen funktionierte, beschloss das Management daraufhin, für die Version von WordStar 5.0 auf die Datenbank mit mehr als 300 Druckertreibern zu verzichten und ganz auf die anders aufgebaute und kleinere Druckerbibliothek von WordStar 2000 zu setzen.

Das stellte sich als fataler Fehler heraus, denn anfangs konnte WordStar wegen der inkompatiblen Druckerdatenbank überhaupt nicht drucken, was das Erscheinen des Programms stark verzögerte. Diese Fehler von Geschäftsführung und Produktmanagement besiegelten letztlich das Schicksal von MicroPro. Die Nutzer wechselten in Scharen zu WordPerfect, Microsoft Word oder einem der zahlreich erschienenen Mitbewerber wie Papyrus, Starwriter oder TexAss Window.

Microsoft setzte indes weiter auf WYSIWYG. Die PC-Version des ursprünglich für Microsoft Xenix entwickelten „Multi Tool Word“ konnte zumindest auf mit bestimmten Grafikkarten ausgestatteten PCs gefettete, kursive und unterstrichene Schrift darstellen. Zudem war Word die erste populäre Textverarbeitung, die sich mit einer Maus bedienen ließ. Der von Xerox zu Microsoft gewechselte Programmierer Charles Simonyi hatte bei Xerox mit Bravo die erste grafisch orientierte Textverarbeitung geschrieben und übernahm einige seiner Ideen in die Entwicklung von Microsoft Word und Multiplan. Die meisten flossen in das 1985 vorgestellte Microsoft Word für den Macintosh ein, das sich vier Jahre lang weitaus besser verkaufte als die PC-Version unter DOS.

Die kam in den USA erst dann auf größere Stückzahlen, als Microsoft die Textverarbeitung mit Microsoft Bookshelf bündelte, eine CD-ROM mit Nachschlagewerken. Dazu gehörten die Rechtschreibprüfung von Houghton Mifflien, das „Chicago Manual of Style“, „Bartlett’s Familiar Quotations“ und das „American Heritage Dictionary“. Bookshelf arbeitete als speicherresidentes Programm und ließ sich nicht nur aus Word heraus aufrufen, sondern aus zwölf weiteren Textverarbeitungen. Die Tools kooperierten aber nicht mit dem Grafikmodus von Word, der bei Microsoft immer wichtiger wurde. Mit dem Erscheinen von Windows 3.0 im Jahre 1990 wurden die Arbeiten an der DOS-Version schließlich eingestellt.

Neben den großen Namen gab es auch den einen oder anderen Außenseiter. Zu einem Geheimtipp unter Schriftstellern, Journalisten und anderen Vielschreibern wurde zum Beispiel das eingangs erwähnte Euroscript. Dabei handelte es sich um die von North American Software eingedeutschte Version der US-Textverarbeitung XyWrite. Euroscript verzichtete nicht nur auf WYSIWYG in jeglicher Form, sondern auch auf Menüs oder Befehlstastenkombinationen. Stattdessen tippte man Kommandos in eine Befehlszeile. Um beispielsweise einen linken Rand von 5 einzustellen, tippte man „LR 5“; der Befehl für das Zentrieren eines Textabsatzes lautete „ZE“, für das Drucken „DR“ und so weiter. Das war ebenso gewöhnungsbedürftig wie die Darstellung von Formatierungsanweisungen als kleine Dreieckssymbole, von denen eine ganze Kette vor einer Zeile oder einem Absatz stehen konnte.

Was Euroscript-Nutzer besonders schätzten, war die hohe Arbeitsgeschwindigkeit des Programms, etwa beim Suchen und Ersetzen oder Umformatieren auch extrem langer Texte. Zudem nutzte Euroscript kein eigenes Dateiformat, sondern speicherte reine ASCII-Dateien mit zwischen Sonderzeichen eingebetteten Formatierungsanweisungen.

Anfang der 1980er Jahre betraten die Heimcomputer die Szene. Um das Kinderzimmer-Image loszuwerden, bezeichneten die Hersteller die Geräte vom Schlage eines Commodore VC20 und C64 oder Atari 800 gerne als Personalcomputer und stellten ihre Eignung auch für ernsthafte Bürotätigkeiten heraus. Es erschienen etliche Textverarbeitungsprogramme und bezahlbare Drucker für die kompakten Jedermann-Computer. Dennoch vermochten sich die Commodores, Ataris oder Sinclairs in Büros nicht durchzusetzen. Das lag sowohl an ihrem verspielten Ruf als auch daran, dass viele als günstiges Speichermedium im professionellen Einsatz nicht akzeptable Audiokassetten nutzten. Schwerer dürfte die üblicherweise geringe Zeichenauflösung im Textmodus gewogen haben. 20–25 Zeilen mit je 40 Zeichen waren einfach zu wenig.

Microsoft Word tat sich unter DOS noch schwer mit der Konkurrenz – trotz optionaler Maussteuerung und Klartext-Menüs.

1985 versuchte sich die britische Firma Amstrad an einem reinen Schreib- und Bürocomputer, der weitgehend auf Heimcomputertechnik basierte. Der PCW 8256 mit dem 8-Bit-Prozessor Z80 von Zilog zielte nicht auf das Kinderzimmer, sondern sollte die Schreibbüros erobern. Ähnlich dem Ur-Macintosh steckten Rechner, Disklaufwerk und Monitor in einem Gehäuse mit abgesetzter Tastatur. Als Betriebssystem kam CP/M zum Einsatz, die verwendete Textverarbeitung nannte sich LocoScript. Eine Besonderheit des PCW, der hierzulande von Schneider unter der Bezeichnung „Joyce“ vertrieben wurde, war dessen hohe Bildschirmauflösung. Im Textmodus schaffte er sogar 90 Zeichen pro Zeile, also mehr als die üblichen Personalcomputer.

Zu den Geheimtipps zählte Euroscript von North American Software. Statt WYSIWYG gab es reinen ASCII-Text mit eingebetteten Formatierungsanweisungen, dargestellt durch Dreiecke.

An sich wäre der Amstrad-Rechner eine attraktive und vor allem günstige Alternative zum IBM PC gewesen, kostete er doch nicht mehr als die Schreibsoftware auf DOS-Rechnern alleine. Er kam nur leider viel zu spät, denn im selben Jahr erschien der Atari ST. Mit 16-Bit-Prozessor, hochauflösendem Monochrom-Monitor und einer grafischen Benutzeroberfläche nach Macintosh-Vorbild mauserte er sich schnell zur günstigen Büromaschine.

Leistungsmäßig war er den DOS-Rechnern seiner Zeit deutlich überlegen und nicht zuletzt dank höchst innovativer Textverarbeitungsprogramme, viele davon wie das populäre Signum! aus deutscher Schmiede, hätte er den PCs durchaus den Rang ablaufen können. Dass das nicht passierte, hatte mehrere Gründe. Der wesentlichste dürfte der Markenname gewesen sein. Atari stand in den USA ausschließlich für Computerspiele, der ST wurde außerhalb Europas nicht sonderlich ernst genommen. Diesseits des Atlantiks standen die Atari-Rechner zumindest für ein paar Jahre in direkter Konkurrenz zu DOS-PCs, um dann aber völlig von ihnen verdrängt zu werden.

Heute ist Microsofts Word in verschiedenen Versionen die mit Abstand meistgenutzte Textverarbeitung, doch zwischen dem Niedergang von WordStar und dem Aufstieg von Word machte ein anderes Programm Furore: Das ursprünglich für Computer von Data General entwickelte WordPerfect dominierte zwischen 1985 und 1991 den Markt der Textverarbeitungen unter DOS. Bemerkenswert war, dass der Hersteller eine kostenlose Support-Hotline anbot, die Tag und Nacht besetzt war. Teilweise arbeiteten über 1000 Mitarbeiter im Telefon-Support, was WordPerfect umgekehrt den zweifelhaften Ruf einbrachte, eine schwierige Software zu sein. Das kam aber auch daher, dass die Funktionstasten vierfach belegt waren und einige Tasten dazu unüblich funktionierten. So wollte die Hilfe beispielsweise mit F3 abgerufen werden, während F1 statt wie üblich Esc die Storno-Funktion aktivierte und Alt-F1 den Thesaurus aufrief.

Dennoch hatte die DOS-Version eine große Anhängerschaft, bis WordPerfect die Entwicklung von Microsoft Windows verschlief. Erst 1991 erschien WordPerfect für Windows, eine sehr langsame und fehlerhafte Version, die den Ruf des Programms gründlich zerstörte. 1994 kaufte Novell unverständlicherweise die kriselnde WordPerfect Corporation für 850 Millionen Dollar, um zusammen mit den Borland-Produkten Quattro Pro (Tabellenkalkulation) und Paradox (Datenbank) eine Office-Suite gegen das sehr erfolgreiche Microsoft Office ins Rennen zu schicken. Das Vorhaben endete in einem totalen Fiasko, ist aber eine andere Geschichte – die der integrierten Programme, die mit ValDocs für Apple und Framework für DOS begann. (Detlef Borchers / swi@ct.de)

1993: Tastaturen nur für Dickköpfe ohne Heimroboter

„Wie wird Textverarbeitung in zehn Jahren aussehen?“ Diese Frage stellte sich 1983 der amerikanische Autor Peter McWilliams, neben vielen Werken auch Verfasser des 1983 erschienenen „Word Processing Book“.

„In zehn Jahren werden wir der Tastatur in liebevoller Erinnerung gedenken. Wenn auch einige Dickköpfe (zu denen ich mit Sicherheit gehören werde) weiterhin eine Tastatur benutzen werden, um Text einzugeben, werden die meisten Leute auf Spracheingabegeräte umgestiegen sein. Diese Spracheingabegeräte (ursprünglich entwickelt, um mit Heimrobotern zu kommunizieren, jedoch schnell von der Textverarbeitung übernommen) werden in der Lage sein, jedes in den Proto-Indogermanischen Sprachen plus dem Computerchinesisch bekannte Wort zu erkennen.

Wer Ihnen zuhört, wenn Sie mit einer dieser hypermodernen Maschinen ihre Texte verarbeiten, wird glauben, an Ihrer Seite säße eine ausgebildete Sekretärin. ‚Notieren Sie einen Brief an die Wilhelmshavener Fischfabrik‘ oder ‚Lassen Sie uns den Artikel über Prinz Charles’ zweite Scheidung abschließen‘. Die Maschine wird wissen, wie man eine Briefdatei anlegt und die Adresse der Wilhelmshavener Fischfabrik nachschlägt, oder sie wird automatisch die Datei über die königliche Scheidung aufrufen. Tastatur und Bildschirm werden vielleicht noch benutzt, um hier und da ein Wort einzufügen oder ein Komma zu löschen, aber der größte Teil der Interaktion wird auf verbaler Ebene stattfinden.

Die Aufforderung, ‚Lesen Sie mir den letzten Absatz vor‘ wird den Synthesizer prompt veranlassen, in einer beliebig wählbaren Stimme, die irgendwo zwischen Marilyn Monroe und Willy Brandt liegen kann, Ihre unsterblichen Worte zu rezitieren. /../ Drucker werden 1994 natürlich in erster Linie im Museum anzutreffen sein. Alle Computer werden über Satelliten direkt miteinander in Verbindung stehen, so wie heute sämtliche Wohnungen über Telefon verbunden sind. Ihr Brief wird direkt an die verantwortlichen Herren der Wilhelmshavener Fischfabrik übermittelt, die ihn sich vielleicht am liebsten in der Stimme von Daniel Hechter werden vorlesen lassen. /../

Und ich werde in zehn Jahren eine neue Version dieses Buches schreiben und mir ausdenken, wie wohl die Welt der Textverarbeitung im Jahre 2004 aussehen mag. Es wird das letzte Buch in dieser Art sein, das ich jemals werde schreiben müssen. Mein Textverarbeiter von 2004 wird das Buch, das 2014 fällig ist, völlig alleine schreiben.“


Dieser Artikel stammt aus c't Retro 2019.

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