Einem geschenkten Barsch...

Corel WordPerfect für MacOS

Test & Kaufberatung | Kurztest

‘... guckt man nicht hinter die Kiemen’, so lautet die politisch korrekte Fortsetzung des in der Überschrift zitierten Sprichworts. Die seit 19. August zum Download freigegebene Mac-Version von Corel WordPerfect ist allerdings ein ziemlich dicker Fisch. Anspruchsvolle Texthandwerker werden ihn mit Gewinn an Land ziehen -- sofern sie einen preisgünstigen Weg finden, den 24-MByte-Koloss aus dem Internet zu holen.

Ein gutes Textverarbeitungsprogramm darf nicht nur zum Briefeschreiben zu gebrauchen sein. Corel WordPerfect kommt den Wunschvorstellungen fortgeschrittener Anwender schon sehr nahe. Das kanadische Softwarehaus hat allerdings die Weiterentwicklung des Produkts eingestellt. Nun darf jeder, der ein längeres Web-Befragungsformular über sich ergehen lässt, die ‘Enhanced’-Version 3.5 von 1997 für Macintosh, die an MacOS 8.0 angepasst worden ist, kostenlos vom Corel-Server herunterladen.

Die Download-Version verzichtet gegenüber dem üblichen Verkaufsprodukt auf datenintensives Drumherum wie Clip-art-, Webart- und Sounddateien sowie einige Fonts, bietet aber ansonsten den uneingeschränkten Leistungsumfang. Und der geht weit über die Standardfunktionen einer Textverarbeitung hinaus. Der Reigen der willkommenen Details beginnt bei der Lesezeichenfunktion und hört bei der WYSIWYG-Anzeige installierter Fonts im Schriftmenü noch lange nicht auf. Tabellen lassen sich ähnlich wie in Word bearbeiten und dürfen einfache Formeln enthalten. Für Grafiken steht ein eigener Editor bereit. Hier kann man PostScript-Code direkt oder in Form einer EPS-Datei einbinden und Wasserzeichen sowie Overlays herstellen. Formate wie PICT, PCX oder MacPaint finden per Import-Befehl ebenso den Weg ins Dokument wie TIFF-Dateien (allerdings ohne LZW-Kompression). Auch für Gleichungen ist ein eigener Editor zuständig. Als netter Gimmick gefällt ferner das beigegebene Tool zur Herstellung von Organisationsdiagrammen.

Die HTML-Exportfunktion ist hingegen mit Vorsicht zu genießen. Sie erlaubt zwar die flinke Konvertierung von Dokumenten ins HTML-Format, stößt jedoch bei anspruchsvoller Seitengestaltung schnell an ihre Grenzen. Außerdem stürzt WordPerfect unter neueren Systemversionen bei der Konvertierung manchmal ab - dafür funktioniert aber die automatische Sicherung hervorragend.

Anders als aktuelle Word-Versionen arbeitet WordPerfect auch auf älteren Macs zuverlässig und flüssig, ohne dass man große Zugeständnisse beim Leistungsumfang machen müsste. So unterstützt es etwa Apples Text-to-Speech-Technik. Mit ihrer Hilfe liest das Programm auf Wunsch Texte vor - gut funktioniert das allerdings nur bei Vorlagen in englischer und spanischer Sprache.

Einen Kompromiss muss der deutschsprachige Anwender auch bei der Rechtschreib- und Grammatikhilfe sowie bei der Silbentrennung eingehen. Mitgeliefert werden nur die entsprechenden Dateien für die englische Sprache. Ein deutsches Wörterbuch ist auf der ‘Language Module’-CD-ROM zu finden, die Corel für knapp 50 US-Dollar anbietet. Es erlaubt die Wahl zwischen alter und reformierter Rechtschreibung, weist allerdings Mängel bei der Verarbeitung der neuen Schreibweisen auf. Abgesehen davon gibt es eigentlich keinen Grund für Mac-Benutzer, auf einen Versuch mit WordPerfect zu verzichten - außer vielleicht den, dass man bereits ein teuer bezahltes Textverarbeitungsprogramm besitzt. Ein ausgezeichnetes, knapp 500 Seiten starkes Handbuch liegt in Form einer PDF-Datei bei. Eine weitere PDF-Datei enthält noch rund 400 Seiten über die Makroprogrammierung. Dadurch wird die Sache auch für Tüftler und Optimierer so schnell nicht langweilig. (psz)


Corel WordPerfect 3.5 Enhanced, Freeware für MacOS, Download unter: www.corel.com/products/macintosh/wpmac35/newdownload

Anzeige