Einer für alles

Smartphones vereinen Mobiltelefon und Handheld

Test & Kaufberatung | Test

Smartphones treten an, um Handy und Handheld zu ersetzen. Die Kommunikationsgeräte vom Typ Schweizer Taschenmesser sind Mobiltelefon, Internet-Zentrale und Handheld in einem. Nun kommen sie endlich auf den deutschen Markt.

Nachdem der Nokia Communicator als einziges Smartphone jahrelang ohne Konkurrenz blieb, bringen jetzt etliche Hersteller ihre Kommunikationswunder in die Regale. Smartphones polarisieren die Meinungen: Die einen halten es schlicht für unvereinbar, die Vorzüge eines handlichen, kleinen Mobiltelefons mit denen eines Handhelds in einem einzigen Gerät zu verbinden. Die anderen warten dagegen händeringend auf ein kompaktes Smartphone, das den Geräte-Pool aus Mobiltelefon, PDA, mehreren Netzgeräten und Kabelsalat deutlich reduziert.

Ein Vorteil ist unbestritten: Die neuen Kleinen locken nicht nur wegen ihres Alles-in-einem-Konzepts, sondern sie machen Schluss mit dem umständlichen Abtippen der im PDA gespeicherten Telefonnummer oder der E-Mail-Adresse - stattdessen genügt nun ein Klick. Jederzeit Zugriff auf E-Mail und Internet versprechen sie genauso wie weitere Synergie-Effekte: Beispielsweise muss man bei solchen Kombi-Geräten nur noch eine Adressdatenbank pflegen und nicht zwei immer wieder über Kreuz aktualisieren.

Schon bald nach dem ersten Handheld-Boom vor zwei Jahren gab es Behelfslösungen, um PDAs fit fürs Internet zu machen - mit dem Handy übers Kabel oder über die Infrarotschnittstelle IrDA. Beide Methoden bescheren zwar schon heute dem PDA-Nutzer drahtlosen Internet-Zugang, E-Mail-, SMS- und Faxkommunikation, sie sind aber unbequem, solange Bluetooth noch nicht in den Geräten steckt. Bluetooth, die Nahbereichsfunktechnik, die zwei Geräte anders als IrDA ohne direkten Sichtkontakt koppeln kann, ist zwar seit über zwei Jahren im Gespräch, doch praktikable Lösungen, bei denen der PDA über das Handy in der Jackentasche surft, sind noch immer nicht am Markt.

Beste Aussichten also für die Smartphones. Wie die Hersteller ihr Smartphone-Konzept umsetzen, ist spannend, weil vielfältig. Der Klassiker Nokia Communicator ist nach wie vor das einzige Tastaturgerät. Das Restfeld zerfällt in zwei Kategorien: Auf der einen Seite kompakte Mobiltelefone, die PDA-Funktionen integrieren, und auf der anderen Seite PDAs oder Handhelds, die nun auch mobil funken können.

Die ersten Smartphones treten an, den Markt zu erobern.

Vertreter der Kompaktklasse sind das Ericsson R380 oder das Motorola Accompli 008. Sie integrieren die PDA-Funktionen in einer proprietären Plattform, sind kaum erweiterbar und versuchen mit den vorinstallierten maßgeschneiderten Anwendungen zu überzeugen.

Die PDA-Klasse der Smartphones beschränkt sich derzeit auf die zwei Plattformen Palm OS und Windows CE (Pocket PC). Die Geräte haben einen Touchscreen und werden mit dem Stöckchen bedient. Die Mobiltelefonfunktionen integrieren sie auf unterschiedliche Art und Weise: Das Trium Mondo bringt die SIM-Karte gleich im Pocket-PC-üblichen Gehäuse unter; alle anderen Geräte wie der iPAQ von Compaq mit dem Nokia Card Phone oder der Palm Vx mit dem Ubinetics- oder Ohfish-Phone sind Huckepack-Lösungen, bei denen ein Handheld einen Adapter aufgepfropft bekommt.

Schon diese kleine Zusammenstellung der in Deutschland verfügbaren Smartphones zeigt, wie unterschiedlich die Konzepte der Hersteller sind. Selten konnte eine neue Geräteklasse mit einer derart großen Vielfalt aufwarten und entsprechend schwierig ist die Frage zu beantworten, für wen und ob überhaupt ein Smartphone sinnvoll ist.

Schon die aktuellen Mobiltelefone können zumindest in der oberen Preisklasse außer telefonieren sowohl via WAP-Browser surfen als auch mit PIM-Daten (Personal Information Management) wie Kalender-, Adresseinträgen und Notizen umgehen. Einige wenige von ihnen bandeln sogar mit einem E-Mail-Server an. Das mag für viele Anwender reichen.

Die Smartphones können aber mehr. Ein wichtiges Merkmal ist die PC-Anbindung. Die in Outlook oder in einer anderen (mitgelieferten) PC-Anwendung gespeicherten persönlichen Daten kann ein Smartphone synchronisieren. Als Backup-Funktion der wertvollen Daten ist das ebenso wichtig wie die Einbindung des Geräts in den Betriebsablauf (neudeutsch: Workflow). Das Smartphone ist ein Baustein der PDA/PC/Server-Welt, in der selbst das Highend-Handy immer noch eher ein Stand-alone-Dasein fristet.

Neue Geräteklasse schön und gut, aber selbst von den zukunftsweisenden Smartphones beherrschen nur wenige die schnelleren Datenprotokolle HSCSD oder GPRS. HSCSD steht für High Speed Circuit Switched Data, bei dem mehrere herkömmliche Mobilfunkkanäle für eine einzige Verbindung gebündelt werden. Anders als bei der ISDN-Kanalbündelung zahlt man jedoch nicht für jeden Kanal extra, sondern einen Minutenpreis plus einen relativ günstigen Grundtarif. HSCSD wird in Deutschland nicht von T-Mobil und Viag Interkom unterstützt, steht also nur bei D2-Vodafone und E-Plus zur Verfügung.

GPRS, General Packet Radio Service, bündelt ähnlich wie HSCSD mehrere Funkkanäle, aber es öffnet nur dann einen Übertragungskanal, wenn auch tatsächlich Daten zu übertragen sind. So kann ein GPRS-Gerät dauerhaft im Internet eingebucht sein, ohne dass dafür die bei Wählverbindungen üblichen hohen Gebühren anfallen. GPRS befindet sich noch in der Startphase, und derzeit lassen sich - abhängig vom Netzbetreiber - etwa 50 kBit/s übertragen, doch wird diese Technik nicht nur von allen deutschen Mobilnetzbetreibern eingesetzt, sondern sie findet weltweit bei zahlreichen Anbietern Zuspruch. Hierzulande soll GPRS im Endausbau bis zu 115,2 kBit/s befördern.

Während sich die erste Generation von Smartphones beim Datenfunken jenseits von GSM-Geschwindigkeiten noch schwer tut, beherrscht der Nokia Communicator bereits genauso wie das Nokia Card Phone im Compaq-Pocket-PC die Datenbündelung à la HSCSD. GPRS versteht das Motorola Accompli, und das Trium Mondo soll damit nachrüstbar sein.

Die schnellen Datenraten verkürzen nicht nur die Wartezeit beim Datentransfer, sondern werden wohl auch das Benutzerverhalten verändern. So soll das Mondo beispielsweise den E-Mail-Briefkasten selbstständig rund um die Uhr leeren können, immer dann, wenn der Server den Eingang neuer Nachrichten mitteilt. Push-Dienste und ortsbasierte Servicedienste werden aller Voraussicht nach eine wichtige Rolle spielen - weniger für die Anwender, mehr für diejenigen, die mit Mobile Internet Geld verdienen wollen.

Doch auch mit HSCSD- und GPRS-Datenraten wird der Schwerpunkt der Mobile-Internet-Dienste weiterhin textbasiert bleiben. Wer von Multimedia im Smartphone träumt, muss sich weiterhin gedulden, denn für die Kleinen ist Musik und Video immer noch eine Exotenanwendung: Das Display ist zu klein, der Speicher zu mager und die Rechenleistung bei vielen Systemen noch zu gering.

Wer auf Erweiterbarkeit keinen Wert legt und sich mit dem gebotenen Funktionsumfang arrangiert, darf sich über die leichtesten Smartphones freuen: Das Ericsson R380s und das Motorola Accompli spielen in der 150-Gramm-Klasse und haben nur ein kleines, aber hochauflösendes Display. Der Vorteil dieser Gerätekategorie liegt darin, dass die Modelle zum Telefonieren wie ein Mobiltelefon bedient werden können. Sie kosten ohne Kartenvertrag um die 1600 Mark.

Passionierten PDA-Nutzern genügt das nicht, sie wollen eine große Software-Auswahl, die Erweiterbarkeit und ein größeres Display, wie sie es von Windows-CE- und Palm-OS-Geräten gewohnt sind. Vieles ist in Planung, weniges bereits auf dem Markt: Die einzige integrierte Lösung in Deutschland ist das knapp 2000 Mark teure Trium Mondo, ein Pocket PC mit Platz für die SIM-Karte. Das Mobiltelefon ist dabei in zusätzlichen Windows-CE-Anwendungen integriert. Es mag zwar komisch aussehen, sich einen Pocket PC ans Ohr zu halten, aber das muss auch nicht sein, denn alle Geräte sind mit einer Freisprecheinrichtung erweiterbar.

Alle anderen Smartphone-Lösungen der etablierten Plattformen funktionieren nach dem Huckepack-Prinzip. Das Gesamtpaket kommt zwar teuer, aber wer schon den passenden PDA zu Hause hat, kann sich mit einem GSM-Adapter und zugehöriger Software ein günstiges Smartphone zulegen.

Die Adapter machen die PDAs fett und schwer, eine Gewichtsersparnis sind sie im Vergleich zu Handy plus PDA nicht. Die Vorteile für den Nutzer liegen eher darin, komfortabler mit Mobile-Internet-Anwendungen arbeiten zu können (dafür gibt es für Pocket PC und Palm OS jede Menge Anwendungen) und die Adressdatenbank für das mobile Telefonieren zugänglich zu haben.

Der Kauf eines PDA-Adapters ist daher weniger Telefonersatz, sondern dann sinnvoll, wenn man seinen iPAQ oder seinen Palm-OS-PDA mit Datenfunkfunktionen aufrüsten möchte und nicht immer per IrDA oder per Kabel zusätzlich mit dem Handy hantieren möchte.

Gerade in dieser Kategorie wird sich in den nächsten Monaten viel tun. Zum einen kommen für viele Plattformen weitere Huckepack-Lösungen auf den Markt: Das VisorPhone bringt Mobilfunk in die Handspring-PDAs, RealVision Technologies hat den CarpeDiem-Adapter für den Palm V im Programm und die neue Palm-m50x-Serie soll demnächst auch vernetzt werden. Übrigens: Mit dieser neuen Palm-Serie kann schon jetzt direkt aus der Adressdatenbank gewählt werden. Es genügt das angeschlossene Handy.

Gegenüber den PDA-Boliden mit und ohne Aufsteckmodul und neben den Handy-ähnlichen Smartphones R380s und Accompli 008 nimmt der Klassiker im neuen Gewand, der Nokia 9210 Communicator, eine Sonderstellung ein: Zusammengeklappt ist es ein Mobiltelefon, offen ein ausgereifter, erweiterbarer Handheld mit Tastatur. Schon sind Zusatzprogramme verfügbar und das Klötzchen hat auch noch eine MMC-Speichererweiterung. Universeller und flexibler ist kein anderes derzeit in Deutschland verkauftes Smartphone - und damit wird es die neu entstandene Konkurrenz nicht einfach haben. (jr)

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