Einkauf 2000

@ctmagazin | Editorial

Habe gerade meine monatliche Multimarkt-Rechnung studiert und mich geärgert. Brötchen für 0,80 Euro das Stück, das ist ja Wucher! Aber eigentlich hätte ich wissen können, daß man Brötchen nicht im Baumarkt kauft. Das kommt davon, daß ich in der Hektik des letzten Monats immer an Kasse 5 bezahlt habe, weil man dort nie warten muß.

Früher war Einkaufen leichter, da stand auf jedem Artikel einfach der Preis drauf. Aber seit letztes Jahr die Preisangabenverordnung gelockert wurde, tragen die Waren alle nur noch einen Strichcode. Liberalisierung des Lebensmittelmarktes nennen die das. Ist ja auch eigentlich eine gute Idee, so ein Multimarkt: Mehrere Anbieter teilen sich gemeinsame Geschäftsräume und Lager und sparen so Kosten. Jeder Anbieter betreibt seine eigene Kasse und verkauft die Waren zu seinen eigenen Preisen. Statt jeden Einkauf bar zu bezahlen, bekomme ich am Monatsende eine Rechnung mit Einzelwarennachweis.

Die Tarife sind natürlich ein bißchen unübersichtlich geworden. Der ehemalige Baumarkt Ölgemöller betreibt jetzt Kasse 5 und verkauft Schrauben und Nägel natürlich billiger als Brötchen. Beim Ex-Bäcker an Kasse 1 ist dafür das Klopapier besonders teuer. Außer dienstags, da ist Drogerietag: 30 Prozent Rabatt auf alle Drogerieartikel.

Vielleicht sollte ich in Zukunft doch vom Least-Cost-Shopping Gebrauch machen. Ein paar pfiffige Schüler haben sich das ausgedacht und verdienen damit ihr Taschengeld. Sie arbeiten zu fünft: Jeder ist für eine Kasse zuständig und schnappt sich aus dem Einkaufswagen die Waren, die bei ihm am billigsten sind. So kriege ich alles zum jeweils günstigsten Preis und muß mich nicht einmal selbst anstellen. Sie nehmen zwar zehn Prozent Bearbeitungsgebühr, aber seit der Erfahrung mit den Brötchen ...

Eigentlich waren die Preisschilder damals ja gar nicht so schlecht. Schade, daß sie durch die Liberalisierungswut der Deutschen mehr und mehr außer Mode geraten sind. Angefangen hat das vor zwei Jahren mit der Telekommunikation. Damals hat man extra eine Regulierungsbehörde gegründet, um die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Anbietern zu regeln. Bei der Gelegenheit wäre es ein leichtes gewesen, auch mal an die Verbraucher zu denken und den Telefongesellschaften "Preisschilder" vorzuschreiben, etwa so: Man wählt eine Nummer, und bevor die Verbindung zustande kommt, sagt einem eine freundliche Computerstimme, was das Gespräch pro Minute kosten wird.

Das hätte natürlich den Telefonsex-Anbietern - Verzeihung, den Betreibern sprachgesteuerter Mehrwertdienste - überhaupt nicht gepaßt. "Dieser Anruf kostet pro Minute 3 Mark 60" klingt schonungsloser als eine klitzeklein in der Fernsehwerbung eingeblendete Zeile "0,12 DM p.2.s." (soll heißen: pro zwei Sekunden).

Harald Bögeholz

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