Erfolg macht mutig

Interview mit den Wikimedia-Vorsitzenden Arne Klempert und Kurt Jansson

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Wikimedia Deutschland professionalisiert sich: Im Oktober eröffnet der Verein eine Geschäftsstelle in Frankfurt am Main. Hauptberuflicher Geschäftsführer wird Arne Klempert, bisher zweiter Vorsitzender des Vereins. c't sprach mit Klempert und dem Vereinsvorsitzenden Kurt Jansson über Aufgaben und Perspektiven.

Der Verein „Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens“ wurde im Juni 2004 zur Unterstützung der Community um die freie Online-Enzyklopädie Wikipedia gegründet. Der deutsche Verein hat beim Betrieb der Wikipedia und deren Schwesterprojekte keine offizielle Funktion; der Betrieb der Infrastruktur obliegt der Wikimedia Foundation mit Sitz in Florida. Trotzdem spielt die deutsche Wikimedia eine wichtige Rolle, da sie die ersten Offline-Publikationen der Wikipedia mit organisierte und die erste internationale Wikipedia-Konferenz in Frankfurt ausrichtete.

c't: Arne Klempert, Sie sind seit Vereinsgründung im Vorstand. War es eine schwere Entscheidung, sich um den Geschäftsführer-Posten zu bewerben?

Arne Klempert: Nicht wirklich. Ich habe das schnell als einmalige Chance begriffen, mich künftig nicht mehr nur nach Feierabend oder am Wochenende für die Ziele von Wikimedia engagieren zu können. Natürlich sind mit diesem Job auch Risiken verbunden: Wikimedia ist noch eine junge Organisation, die aufgrund ihrer rasant und weitgehend unkontrolliert wachsenden Projekte permanent vor neuen Herausforderungen steht. Aber genau das ist es, was mich an der Aufgabe reizt und mich letztlich dazu gebracht hat, für diese zunächst auf ein Jahr befristete Stelle meinen derzeitigen Job aufzugeben - getreu dem Motto der Wikipedia: „Sei mutig!“

c't: Der Verein Wikimedia Deutschland hat gerade mal 260 Mitglieder. Wie finanziert man da eine Geschäftsstelle?

Kurt Jansson: Den Großteil unserer Einnahmen machen schon jetzt nicht die Mitgliedsbeiträge, sondern Spenden aus. Die Geschäftsstelle ist darauf ausgelegt, dass sie sich nach einem Jahr durch erhöhtes Spendenaufkommen selber trägt. Ein hauptamtlicher Geschäftsführer kann beispielsweise viel besser um Unterstützung durch Firmen werben oder Förderanträge vorbereiten.

Klempert: Eine meiner Aufgaben als Geschäftsführer wird es sein, die Zahl der Mitglieder deutlich zu steigern. Und ich bin mir sicher, dass es hier ein viel größeres Potenzial gibt, als die aktuelle Mitgliederzahl vermuten lässt. Parallel dazu wollen wir unsere Spendenakquisition ausbauen, um zusätzlich zu den schon bisher üblichen Einzelspenden von Privatpersonen auch vermehrt Spenden von Firmen oder anderen Organisationen zu erhalten.

c't: Welche Aufgaben stellen sich der Geschäftsstelle als erste?

Klempert: Bevor es richtig losgehen kann, müssen erst mal die Voraussetzungen für effizientes Arbeiten geschaffen werden. Danach ist dann wohl eine Bestandsaufnahme der laufenden und angedachten Projekte fällig, um auf dieser Grundlage eine vernünftige Aufgabenverteilung vorzunehmen. Ganz besonders liegt mir am Herzen, dass wir die Kommunikation mit unseren Mitgliedern, Förderern und der Community verbessern. Denn nur, wer sich gut informiert fühlt, ist auch motiviert zu helfen.

Arne Klempert wird Geschäftsführer der Wikimedia: Der 34-Jährige hat Erfahrung im Werbebereich und war als Softwareentwickler tätig.

c't: Wikimedia Deutschland hat den Rechtsstreit um die Namensnennung des verstorbenen Hackers Tron in zweiter Instanz für sich entschieden. Wird der Verein in Zukunft nicht nur in eigener Sache agieren, sondern auch die Rechte der Wikimedia-Autoren aktiv vertreten und Rechteverletzer abmahnen?

Jansson: Unser wichtigstes Ziel ist die Förderung freien Wissens. Dieses Prinzip kann auf Dauer nur funktionieren, wenn alle Beteiligten die Spielregeln kennen und sich daran halten. Leider herrscht hier noch große Unkenntnis - auf Seiten der Nutzer, teilweise aber auch bei den Autoren. Dagegen wollen wir primär mit verstärkter Aufklärungsarbeit vorgehen. In Einzelfällen wäre es auch vorstellbar, Autoren bei der Wahrung ihrer Rechte zu unterstützen. Ganz sicher werden wir jedoch niemals ein Abmahnverein sein, vor dem gutwillige Nutzer von freien Inhalten Angst haben müssen. Juristische Gefechte um ihrer selbst Willen nützen einzig den Anwälten.

c't: In Deutschland wurden die ersten Wikipedia-DVDs verkauft, die ersten Bücher mit Wikipedia-Inhalten herausgegeben, der erste Prozess geführt. Übernimmt der deutsche Verein eine Führungsrolle?

Jansson: Das darf nicht nur dem deutschen Verein, sondern auch der deutschsprachigen Community zugeschrieben werden. Die räumliche Nähe hat in Deutschland und auch den anderen europäischen Ländern ermöglicht, dass die Wikipedia-Community auch in der physischen Welt sehr viel enger vernetzt ist als beispielsweise in den USA. Neue Projekte werden aus diesem Austausch geboren, und auch die nationalen Wikimedia-Vereine profitieren von diesem Rückhalt in einer starken Community.

c't: Die Wikimedia Foundation in den USA ist sehr auf Wikipedia-Gründer Jimmy Wales zugeschnitten. Entwickelt sich die Organisation weiter?

Jansson: Ja. Es ist alles andere als einfach, mit dem enormen Wachstum der Wikipedia in den letzten Jahren Schritt zu halten, vor allem auch auf organisatorischer Ebene hinter den Kulissen. Die Gründung der Wikimedia Foundation war ein wichtiger Schritt auf dem Weg, die Projekte unabhängig von einzelnen Personen zu machen. Gerade die nicht-englischsprachigen Communities mussten ja von Anfang an lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Die neu eingerichteten Committees, die bisher vom Board betreute Bereiche verantwortlich übernehmen, sind ein weiterer sinnvoller Schritt in diese Richtung.

c't: Welchen Stellenwert wird Wikimedia Deutschland im internationalen Verbund spielen?

Klempert: Wir waren die erste nationale Sektion überhaupt und haben uns erfreulicherweise sehr schnell weiterentwickelt. Damit haben wir für andere Wikimedia-Chapter eine gewisse Vorbildfunktion, der wir uns verpflichtet fühlen. Natürlich haben die bestehenden Chapter auch schon die Wikimedia Foundation verändert, in Richtung einer internationalen und multikulturellen Organisation. Mit weiteren Sektionen, die hoffentlich bald auf allen Kontinenten existieren, wird sich dieser Trend noch verstärken. (ad)

[1] Wikimedia Deutschland

[2] Torsten Kleinz: Landgericht Berlin weist Berufung gegen Wikipedia-Urteil zurück

[3] Commitees

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