Erste Erfahrungen mit dem Streamingdienst Apple TV+

Apple TV+

Test & Kaufberatung | Test

Bild: Apple

Apple setzt beim eigenen Flatrate-Streamingdienst ausschließlich auf exklusive Originals. Wir haben geprüft, ob es sich wirklich lohnt, Apple TV+ zu abonnieren.

Noch bis zum Start von Apple TV+ am 1. November hatte mancher gehofft, über Apples neuen Flatrate-Videostreamingdienst auch Katalogtitel gucken zu können. Doch es blieb bei exklusiven „Originals“ – und die sind nicht in Massen vorhanden: Das Angebot besteht derzeit aus vier Serien für ein älteres Publikum, drei für Kinder, einer Show und einer Tierdokumentation, alle in der unten stehenden Tabelle aufgeführt.

Der Dienst gewährt zudem nur eine kostenlose Probewoche, während man Netflix und Amazon Prime Video einen Monat lang frei testen kann. Ein weiterer wichtiger Unterschied zur Konkurrenz: Das Durchschauen von Serien auf einen Schlag (Binge Watching) ist bei der Mehrzahl der Serien nicht möglich. Von „For All Mankind“, „The Morning Show“, „See: Reich der Blinden“ gab es zum Start jeweils nur die ersten drei Folgen, im Wochentakt kommt je eine neue Episode hinzu, bei weiteren Serien soll es ebenso sein.

Umso mehr stellt sich die Frage, ob es sich wirklich lohnt, Apple TV+ zu abonnieren.

Mit den ersten Serien versucht Apple, bereits eine Reihe von Genres abzudecken – von Komödie über Science-Fiction bis hin zum biografischen Coming-of-Age-Drama. Die Kleinen bekommen einen Sesamstraßen-Verschnitt (von den Machern des Originals), Zeichentrick und gut verdauliche Geistergeschichten. Die Elefantendoku ist etwas für die ganze Familie.

Horror- und harte Drama-Serien fehlen bislang, hier stehen aber „Servant“ von M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“) und „Truth Be Told“ schon in den Startlöchern. Seit dem 15. November gibt mit „Oprah’s Book Club“ auch eine Talkshow auf Apple TV+. Neue Folgen sollen allerdings nur alle zwei Monate erscheinen. Erst 2020 wird wohl Steven Spielbergs „Amazing Stories“-Reboot abrufbar sein, obwohl Apple auch diese – zwischen Horror, Science-Fiction und Fantasy angesiedelte – Serie seinerzeit als ein Zugpferd seines neuen Dienstes präsentierte.

Alle bisherigen Serien sind routiniert produziert, aber auch merkbar auf den US-Markt zugeschnitten. Momentan könnte man auch mangelnde Experimentierfreudigkeit kritisieren.

Die Dramaserie „Truth Be Told“ mit Octavia Spencer („The Help“) und Aaron Paul („Breaking Bad“) wird der erste Inhalt auf Apple TV+ mit einer FSK-Freigabe „ab 16 Jahren“.

Nach Apples erster Präsentation gab es Befürchtungen, auf TV+ würden vor allem moralinsaure und auf Familientauglichkeit getrimmte Inhalte laufen – was sich mit den FSK-Freigaben, die aktuell „ab 12 Jahren“ nicht überschreiten, zu bestätigen schien. Tatsächlich sind Nacktszenen bislang nicht zu finden, geflucht wird aber oft. Beim Thema Gewalt fragt man sich bei der dritten Folge von „See“ eher, ob die FSK-Prüfer geschlafen haben.

Regulär kostet Apple TV+ monatlich fünf Euro, lässt sich über die Familienfreigabe von bis zu sechs Personen nutzen und ist monatlich kündbar.

Wer nach dem 10. September ein iPhone, iPad, Apple TV, iPod touch oder einen Mac neu erworben hat, erhält allerdings (einmalig und bis drei Monate nach dem Kauf) ein einjähriges TV+-Abonnement kostenlos hinzu. Dies gilt auch für bei Apple als „refurbished“ gekaufte Geräte.

Gratis ist der Dienst aktuell zudem für alle, die Apple Music als Studierende abonniert haben. Allerdings spricht Apple hier von einem „begrenzt kostenlosen Zugang“, ohne zu konkretisieren, wie lange dieser bestehen bleibt.

TV+ ist mit der Apple-ID verknüpft, unter der üblicherweise auch die Geräte des Nutzers laufen. Generell bekommen berechtigte User das kostenlose Jahresabo daher automatisch angeboten, wenn sie einen TV+-Titel aufrufen. Bei einer Reihe von Kunden funktioniert dies aus unerfindlichen Gründen jedoch nicht auf Anhieb. Der beste Tipp ist hier, sich über die Webseite tv.apple.com mit seiner Apple-ID anzumelden.

Erwartungsgemäß lassen sich die Inhalte des neuen Dienstes auf den von Apple angebotenen Smartphones, Tablets und Rechnern über die neue Apple-TV-App abrufen. Allerdings vermischte Apple sie dort mit Videos von iTunes und anderen Anbietern, was das Auffinden unnötig erschwert. Auch übliche Komfortfunktionen fehlen bislang, wie die Möglichkeit, das Intro zu überspringen oder direkt mit der nächsten Episode fortzufahren.

Das Apple TV 4K ist nicht das einzige Gerät, über den sich Apple TV+ anschauen lässt, aber momentan der einzige Medienplayer, der dabei Dolby Vision und Dolby Atmos ausgeben kann.

Auch Apple ist klar, dass die Verbreitung der eigenen Hardware für eine ordentliche Marktdurchdringung nicht reicht – und macht seinen Dienst daher auch über Geräte anderer Hersteller verfügbar. Dazu gehören der Fire TV Stick 4K, der Fire TV Stick der 2. Generation und der neue Fire TV Cube, der Fire TV der 3. Generation und die Nebula Soundbar Fire TV Edition sollen noch in diesem Jahr folgen.

Daneben ist der Dienst direkt auf Smart-TVs von Samsung ab Modelljahr 2018 abrufbar. Apple macht die nötige Apple-TV-App auch für aktuelle Sony-TVs verfügbar, sie stand zur Premiere für die deutschen Modelle aber noch nicht bereit. Für eine Reihe aktueller TVs von LG gibt es keine eigene App; sie können TV+ aber als Stream von Apple-Geräten über AirPlay2 entgegennehmen und wiedergeben. Schließlich lässt sich TV+ über die Webadresse tv.apple.com über die Browser Safari, Firefox und Chrome anschauen.

Wie bereits angesprochen, setzt die Nutzung von Apple TV+ stets eine Apple-ID voraus. Wer bislang kein Apple-Kunde war und den Dienst über ein Gerät eines anderen Hersteller anschauen möchte, muss folglich eine solche erst erstellen. Auf einigen Medienplayern ist dies über die Apple-TV-App direkt nicht möglich, dann muss man den Umweg über iTunes auf Windows-PCs oder über das Internet (appleid.apple.com) gehen.

Das 4K-Bild von Apple TV+ ist knackscharf und detailreich, was sich in der Datenrate widerspiegelt: „See“ kommt schon in ruhigen Szenen auf von rund 25 MBits/s, in Actionsequenzen geht die Rate auf 35 MBit/s und mehr hoch (gemessen am Apple TV 4K und einer 100-MBit-Leitung). Netflix liefert seine 4K-Streams hingegen „nur“ mit einer konstanten Datenrate von rund 16,5 MBit/s aus, Amazon Video kam bei unseren Messungen auf Werte zwischen 14,5 und knapp 15 MBit/s.

Alle Premierentitel bieten zudem ein Bild mit erweitertem Farbraum und erhöhtem Kontrastumfang im statischen Format HDR10 und in der dynamischen Variante Dolby Vision. Bei den großen Serien und der Dokumentation ist darüber hinaus 3D-Sound im Format Dolby Atmos abrufbar – und zwar sowohl hinsichtlich der englischen als auch der deutschen Sprachfassung, siehe die unten stehende Tabelle.

Netflix ist zwar auch ein Verfechter von Dolby Vision und Dolby Atmos, liefert 3D-Sound aber in der Regel nur beim Originalton. Amazon Video bietet bis heute überhaupt nur einen einzigen Titel mit Dolby Vision und (englischem) Dolby-Atmos-Ton an. Was der 3D-Sound konkret bringt, demonstriert die hervorragend klingende Anfangssequenz von „See: Reich der Blinden“, die auch von einer Dolby-Demoscheibe stammen könnte.

Dolby Vision und Dolby Atmos lassen sich aber nicht mit allen Empfangsgeräten nutzen. So gibt der Fire TV Stick 4K im Unterschied zum Apple TV beispielsweise TV+ zwar mit HDR wieder, aber nur in statischem Format HDR10 und nicht in Dolby Vision. 3D-Sound gibt es bei Amazon-Geräten gar nicht. Beides will Apple aber mit einem Update der App nachliefern.

Aktuell ist das Angebot Apple TV+ nichts für Binge-Watcher. Aber auch mancher moderate Seriengucker könnte sich schnell fragen, ob monatlich fünf Euro für die magere Auswahl nicht zu teuer ist. Nicht dumm ist es dann, bis zum Jahresende zu warten und zu gucken, was Apple TV+ nach Abschluss der ersten Serien bietet. Ein klarer Gewinn ist der Dienst für alle, die die kostenlose Jahresmitgliedschaft in Anspruch nehmen können – nicht zuletzt wegen der hohen Qualität bei Bild und Ton, auch hinsichtlich der deutschen Synchronisation. Vielleicht ist dies ja auch der diesbezüglich überfällige Weckruf für Netflix und Amazon. (nij)

Tabelle: Inhalte auf Apple TV+

Dieser Artikel stammt aus c't 25/2019.

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