Europas neue Kleider

Technik wird tragbar

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Intelligente Stoffe, neue Materialien, tragbare Computer - unter dem Begriff Wearable fasst man heute zahlreiche sehr unterschiedliche Entwicklungen zusammen. Die neuesten Ideen zu anziehbarer Technik präsentierten Modedesigner jetzt in Paderborn.

Das Heinz-Nixdorf-MuseumsForum lud Ende Januar zu einer Modenschau, um zu zeigen, was der europäische Markt hinsichtlich tragbarer Technik heute schon hergibt. Designer und Ingenieure schickten Models über den Laufsteg, mit Wearables aus Finnland, Deutschland, der Schweiz oder Italien. Die einen wirkten mit komplettem Head-Gear wie Cyborg persönlich, andere wiederum höchst sexy, mit engen Kleidchen aus Hightech-Geweben.

‘Technik muss klein, leicht und anschmiegsam werden. Mechanische Beanspruchung darf nicht zu Defekten führen. Waschen und Reinigen muss möglich sein’, so lautet die Grundforderung an Technik in Kleidung, formuliert von Siglinde Zisler, der Direktorin der Deutschen Meisterschule für Mode in München. Ihre Studenten haben gemeinsam mit Infineon eine ganze MP3-Kollektion entwickelt, deren technisches Innenleben dem Betrachter verborgen bleibt. Geblümte Kleider, schicke Hemden, coole Jacken - angeblich waschmaschinentauglich und bügelfest.

Der Audio-Chip des sprachgesteuerten MP3-Players sitzt eingeschweißt auf flexiblen Leiterbahnen, die mit millimeterdicken Flachkabeln nichts mehr gemein haben. Ein abnehmbares Batteriemodul samt Lesegerät für Speicherkarten ist in der Tasche untergebracht, Kopfhörer mit Mikrofon ragen an Kabeln aus dem Kragen, und die Sensortastatur versteckt sich hinter Stoffapplikationen. Elektrisch verbunden sind die Einzelteile über Gewebeleitungen, die auch schon mal selbst ganz auffällig-unauffällig das Muster bilden.

Die Kunst bei der waschbaren Elektronik ist der gelungene Übergang von Chips zu Geweben, erklärt Michael Lauffer von der ETH Zürich. Doch auch ohne Waschgang sei es knifflig, die Mikrometer-Dimensionen der Chips mit den Millimeter-Strukturen im Stoff stabil und flexibel zu verbinden. Er präsentierte ‘WearArm’, den kompletten Computer für den Oberkörper, mit StrongArm-Prozessor inside. Mit seinen drei Gurten wirkt das Gerät wie ein schicker Minirucksack, verräterisch lediglich durch den fingernagelgroßen Bildschirm vor dem Auge und die Tastatur in der Hand.

Viel schicker wirkt die Business-Kollektion aus dem Klaus-Steilmann-Institut. Im ‘Communication Jacket’ etwa sitzen PDA und Tastatur eines integrierten Mobiltelefons im linken Ärmel, dazu ein GPS-System. Das Ganze lässt sich so programmieren, dass die Jacke im Notfall ihre Koordinaten als SMS-Nachricht verschickt. In der Mittagspause verschwindet alles dezent hinter einer Stoffklappe. Andere Blazer enthalten zusätzlich einen Börsenpager oder Staumelder. Eine Weste mit integriertem Minicomputer, der per WLAN-Funk mit einem Zentralrechner verbunden ist, haben Sportjournalisten bereits bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften getestet. Die Steilmann-Entwickler denken aber auch in andere Richtungen: Ihr ‘Umwelt-Monitoring-Jacket’, im Moment noch eine Funktionsstudie für Berufskleidung, ist vollgestopft mit Sensoren. Indiana Jones könnte beim Dschungelspaziergang damit auf einen Schlag UV-Strahlung und Luftfeuchtigkeit, Temperatur und diverse Gase messen, ebenso wie Röntgen- und Gammastrahlung sowie Elektrosmog.

Gerade beim Elektrosmog zeigt sich jedoch das Dilemma der Wearable-Entwickler: Kabel am Körper ja, Funkwellen möglichst nicht. Mehrere Hersteller haben deshalb Gewebe verarbeitet, die elektromagnetische Strahlung abschirmen. Kurios die Schirmmütze mit ausfahrbarer Ohrklappe, durch die man den Gesprächspartner am Mobiltelefon immer noch hört. Die italienische Designerin Alexandra Fede hatte abschirmendes Gewebe zu engen Kleidchen verarbeitet. Ihr Clou ist aber das Abendkleid ‘JoyDress’: Der Stoff ist mit zahlreichen Vibrationselektroden versehen, die direkten Kontakt zur Haut haben. Per Handschalter lässt sich dann eine gewünschte Massage programmieren. Das vorführende Model hätte nach eigener Einschätzung aber genauso gut ein Wärmepflaster anbringen können: ‘Massage merke ich nicht, eigentlich wirds nur heiߒ, sagte sie nach der Präsentation.

Schicke Wearable-Accessoires gibt es mittlerweile auch für die Sekretärin, die gleich von der Arbeit zum Opernball will: ‘Digital Jewellery’ heißt etwa die Produktlinie der Universität Weimar. Ein Headset, juwelenbesetzt, und der PDA am breiten Perlenarmband, bei dem einzelne Perlen die Tastatur abgeben - Designstudien, die in die Zukunft weisen.

Je kleiner die integrierte Technik wird, desto unerwünschter sind klobige Batterien. Steilmann und die Universität Stuttgart präsentierten deshalb Jacken mit Solarpaneelen auf der Schulter. Infineon hat einen Thermogenerator entwickelt, der aus den Temperaturdifferenzen zwischen Körper und Kleidung elektrischen Strom erzeugt. Bisher erreicht er eine Ausgangsleistung von einigen Mikrowatt pro Quadratzentimeter.

Sensorbestückte Sportkleidung, GPS-Systeme in Kinderjacken oder Patientenkleidung mit integrierten Messgeräten, die das Verkabeln des Körpers ersparen - alles Anwendungen, die am Rande der Marktreife stehen. Siglinde Zislers zweites Credo lautet jedoch: ‘Der Preis eines technischen Zusatznutzens darf den Preis der Kleidungsstücke nicht wesentlich beeinflussen - und davon ist man noch sehr weit entfernt.’ (pmz)

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