Fahrstuhlmusik auf Knopfdruck

Ludwig komponiert eigenständig Musikstücke

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Der Hamburger Matthias Wüllenweber wurde durch sein Schachprogramm Fritz bekannt. Nachdem er diesem das königliche Spiel so erfolgreich eingebimst hatte, dass es im vergangenen Jahr den amtierenden Weltmeister schlug, hat er sich ein ganz anderes Metier vorgenommen: Seine Software Ludwig hat das Komponieren erlernt.

Das Schachprogramm Fritz hatte sich jahrelang in Wettbewerben gegen menschliche Schachgroßmeister mit einem Unentschieden nach dem anderen zufriedengeben müssen, bevor es 2006 endlich den amtierenden Weltmeister Vladimir Kramnik mit 4:2 besiegte. Anlässlich des Duells ließ Wüllenweber seinen neuen Zögling, das Windows-Programm Ludwig (www.musikprogramm.de), ein Musikstück komponieren - und erntete Spott, aber auch Beachtung.

Mittlerweile ist die erste Version von Ludwig im Handel erhältlich und komponiert selbstständig Symphonien, Choräle, Salsa-, Rock- oder Pop-Stücke mit klassischer beziehungsweise Band- oder Big-Band-Instrumentierung. Der menschliche Auftraggeber gibt die Stil-Richtung vor und wählt Melodie- sowie Akkordstimmung aus. Die melodischen Bestandteile sind mit Eigenschaften wir green, funny oder leaving beschrieben, die harmonischen mit eher handfesten Dingen wie Boots, Eagle oder Neptune. Die Namen wählte Wüllenweber willkürlich - die Arbeitstitel dienen dazu, sich an die Stücke zu erinnern. So komponiert Ludwig eine Symphonie mit dem Titel „Grinsender Fisch“ oder eine Rockballade namens „Jubelnder Garten“.

Ludwig arbeitet mit einem ähnlichen Prinzip wie Fritz: Er beginnt mit dem ersten Ton und ergänzt danach alle regelkonformen Noten. So entsteht ein schnell wachsender Variantenbaum, den Ludwig bewertet und auf wenige als gut bewertete Varianten zurechtstutzt. „Dabei hilft uns die Erfahrung als Schachprogrammierer“, erklärt Wüllenweber gegenüber c't. „Wir übertragen Heuristiken für erfolgreiche Stellungen vom Schachspiel auf die Komposition, um die Suchbäume schlank zu halten.“

Viele stilistische Feinheiten und Regeln hat Wüllenweber aus Hugo Riemanns Großer Kompositionslehre von 1902 erfahren und der Software eingepaukt. Ein Sonatenthema vereint beispielsweise Phrase und Gegenphrase, Phrasenwiederholung und Schlussphrase in einer achttaktigen Periode. Ludwig van Beethoven kannte das Schema gut und wandte es unter anderem in seiner „Ode an die Freude“ an: „Freude schöner Götterfunken“ ist die Phrase, „Tochter aus Elysium“ die Gegenphrase. „Wir betreten feuertrunken“ wiederholt Ton für Ton die Freude-Phrase, „Himmlische, Dein Heiligtum“ schließt die Periode ab.

Ludwig setzt die riemannschen Regeln in Software um, berücksichtigt aber auch Feinheiten zum Wohlklang, wie der Autor erläutert: „Wichtig bei der Melodie ist eine klare Kontur, ein Spannungsbogen, der sich einem Höhepunkt nähert, aber auch wieder Entspannung bringt.“ Spannungsbogen? An eine klassische Sonate kommen Ludwigs Ergüsse nicht heran; dann schon eher an modernen Kommerz-Pop.

Ludwigs Melodien bestimmt weitgehend der Rhythmus. Bei der Auswahl der Tonsprünge greift das Programm wiederum auf Riemann zurück, der beispielsweise an strategischer Stelle ein höheres Intervall empfiehlt, um zu einer anrührenden Melodie zu kommen - ein Prinzip, das gerade Ludwigs Namenspatron Beethoven im Hauptthema seiner Ode verletzte, die nur aus einfachen Tonschritten besteht. Das nennt man dann kreatives Genie.

Die musikalischen Großformen Oper und Symphonie beherrscht Ludwig nicht, wohl aber die kleinen. „Ludwig liebt die A-B-A-Folge aus Thema, kontrastierendem Mittelteil und einem Schluss, der das Thema wieder aufgreift“, sagt Wüllenweber. Bei Country und Pop mache sich Ludwig außerdem gerne den bachschen Kontrapunkt zunutze.

Je nach Stil bleibt Ludwig im seichten Fahrwasser sauberer Akkorde, zum Beispiel in der Kategorie Pop, oder wagt, wenn es in Richtung Jazz geht, nach dem Gießkannenprinzip Septimen und Nonen zu streuen. Hier kämpft der Autor aber noch mit Problemen: „Es fällt Ludwig schwer, Akkordfolgen mit Spannungen anzureichern, da dabei scharfe Dissonanzen entstehen, die das Bewertungssystem dann doof findet und verwirft.“ Vielleicht klingen die Stücke deswegen eher seicht.

Das Programm soll mehr als eine KI-Demo sein und eher den Menschen als den Computer zum Musikmachen anregen. Die Firma Chessbase vertreibt es für 50 Euro als virtuelle Band ähnlich der Begleit-Software Band-in-a-Box. Büchern und Software zum Lernen von Musikinstrumenten liegen zwar seit den Zeiten der Schallfolie Übungstracks bei, allerdings hat Ludwig den Vorteil, dass der Eleve Stil, Tempo und Schwierigkeitsgrad selbst wählen sowie einzelne Stimmen ausblenden kann, und außerdem ständig neues Material erhält, statt zum x-ten Mal über A-Moll/F-Dur/A-Moll/F-Dur zu improvisieren. Die einfachen MIDI-Klänge lassen sich über eine VST-Schnittstelle und externe Software-Instrumente aufmotzen.

Ludwigs Musik bringt dann immer noch nicht den Saal zum Kochen, überzeugt aber auch nicht weniger als eine Jam-Session mit mittelmäßig begabten Musikern oder die Muzak aus Flugzeugen, Fahrstühlen und Kaufhäusern. Für solchen Einsatz benötigt man übrigens eine Gewerbelizenz, denn die mit der 50-Euro-Version erstellten Stücke gehören der Firma ChessBase.

Zur Charttauglichkeit bräuchten Ludwigs Stücke noch Tiefe, Originalität und Gefühl. Bis der elektronische Tonsetzer ein leitmotivisch durchkomponiertes und abendfüllendes Oeuvre zur Uraufführung bringt, das die Stadt Hamburg veranlasst, zu Ludwigs Ehren ein eigenes Festspielhaus zu bauen, muss er noch einiges lernen. (akr)

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