Fair & Green IT: Fair, fairer, immer noch nicht komplett fair?

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Susanne Jordan kämpft für bessere Arbeitsbedingungen in der Computerherstellung und zeigt mit ihrer "fairen Maus" ganz konkret, wie es gehen könnte. Im Gastbeitrag für den c't-Blog erläutert sie ihre nächsten Herausforderungen.

Susanne Jordan (Bild: privat)

Seit gut einem halben Jahr ist nun unsere teil-faire Computermaus im Rennen und ich würde gerne melden, dass wir bei Version 4 angelangt sind und die Maus nun schon 20 Prozent fairer ist als in Version 1.

Ganz so schnell geht es aber leider doch nicht. Die derzeit verkauften Mäuse sind noch genauso fair wie die im Dezember, aus dem einfachen Grund, dass wir von den Bauteilen 3000 bis 10.000 Stück abnehmen mussten, um überhaupt beliefert zu werden. Und die müssen wir natürlich aufbrauchen, bevor wir fairere verarbeiten können. Bis jetzt haben wir circa 2500 Mäuse verkauft.

Und auch wenn alle Mäuse der Version 1 verkauft sind, können wir nicht sofort mit einer komplett fairen Maus aufwarten. Es sind mitunter äußerst langwierige Verhandlungen nötig, um zum Beispiel einen chinesischen Partner von unserer Idee (Fairness und Transparenz) zu überzeugen – beim Thema Transparenz kennen unsere Partner keinen Spaß. Doch ohne Transparenz kann man schlecht die Fairness eines Produktionsprozesses überprüfen.

Rohstoff-Recherche

Trotzdem hat sich in den letzten Monaten schon einiges getan: Das Team von NagerIT, mittlerweile auf sieben Beteiligte gewachsen, verwendet derzeit viel Energie darauf, die Transparenz unserer Lieferkette zu verbessern. Die Ergebnisse sind in der aktuellen Darstellung (PDF-Datei) zu sehen. Besonders hervorheben möchte ich die Leiterplatte. Hier konnten wir die Lieferkette bis zum wichtigsten Rohstoff, Kupfer, zurückverfolgen. Zu unserer Erleichterung stammt das Metall nicht aus dem Kongo, sondern aus einem süddeutschen Recyclingbetrieb.

Ausschnitt aus der Lieferkette der fairen Maus (anklicken für Überblick über die gesamte Lieferkette). (Bild: Nager IT)


Unsere Bauteil-Recherche hat uns dazu veranlasst, unseren Lieferanten für Schalter für die nächste Version zu wechseln. Zwar stammen laut Angaben unseres Lieferanten die bisher verwendeten Schalter aus Japan. Eine zu Hundert Prozent verbindliche Zusage für die nächste Lieferung wollte er aber nicht geben. Nach unserem Eindruck werden die Schalter zwar von einem japanischen Hersteller bezogen – aber das heißt nicht, dass sie auch immer dort hergestellt werden.

Direkt vom Hersteller

Die nächsten Schalter beziehen wir daher direkt von einem chinesischen Hersteller (Kailh). Die Arbeitsbedingungen in dessen Fabriken sind uns noch unbekannt. Wir haben hier aber viel bessere Chancen, verlässliche Informationen zu erlangen, weil die Lieferkette kürzer und damit transparenter wird, wenn wir direkt beim Hersteller kaufen und nicht mehr zwei Händler zwischengeschaltet sind, die jederzeit ihre
Lieferanten wechseln können, ohne uns davon in Kenntnis zu setzen.

Ein Fabrikbesuch bei Kailh ist für den kommenden Oktober geplant. Dann werden wir über Arbeitsbedingungen sprechen sowie über Vorlieferanten, die die Bauteile und Rohstoffe liefern. Die Herstellung der Schalter wird also wesentlich transparenter.

Daneben sind derzeit im Test: ein faires Scrollrad aus heimischem Holz sowie Recyclingplastik aus Österreich für das Gehäuse. Am meisten Energie stecken wir derzeit jedoch in das Kabel. Gemeinsam mit unserem Lieferanten möchten wir ein wirklich faires Kabel, vom Rohstoff über die Vorbauteile bis zur Fertigstellung.

Bisher kommt unser Kabel über zwei Händler aus einer durchschnittlichen Fabrik in Shenzhen, dem IT-Produktionszentrum Chinas. Leider ist diese Region für unterdurchschnittliche Arbeitsstandards bekannt. Unser erster Schritt ist daher die Suche nach einem Kabelhersteller in einer anderen Region Chinas (hierzulande gibt es leider keine Produktion einfacher USB-Kabel mehr), nämlich Ningbo nahe Shanghai, wo Fabrikarbeiter im Schnitt einen besseren Stand haben als in Shenzhen.

Erst nachvollziehen, dann verbessern

Haben wir dort einen passenden Partner mit guten Arbeitsstandards gefunden, müssen wir ihn dazu bewegen, uns seine Lieferkette offenzulegen. Besonders in China scheint Transparenz ein rotes Tuch in der IT-Industrie zu sein. Verständlich, wenn man den enormen Konkurrenzdruck bedenkt. Ausgeschlossen, wenn man faire IT produzieren will. Denn wie sollen wir Arbeitsbedingungen nachvollziehen oder gar verbessern, wenn wir nicht mal wissen, wo produziert wird? Um sicherzustellen, dass zum Beispiel die Rohstoffe umwelt- und sozialverträglich gewonnen werden, müssen wir die Rohstoffquellen erst einmal kennen.

Es ist allerdings nicht unwahrscheinlich, dass unser Lieferant die Rohstoffquellen selbst nicht kennt, da er selbst keine Rohstoffe verarbeitet, sondern lediglich Vorbauteile zusammenfügt. Dann müssen eine Menge weiterer Akteure dazu gebracht werden, ihre Quellen und die Sozialstandards dort offenzulegen. Eventuell müssen die Standards in all diesen Betrieben verbessert werden, bis wir unser Kabel "fair" nennen können. Und dann geht es weiter mit den Schaltern, dem Sensor, der Linse und allen anderen Bauteilen...

Wir haben also noch viel Arbeit vor uns. Mit Unterstützung geht es natürlich schneller. Ein paar Anregungen gibt es auf unserer Homepage. (cwo)

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