Friede, Freude und freie Eierkuchen-Rezepte, Teil 1

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Der rechtliche und politische Streit, der seit einigen Jahren um Urheberrechte und Copyright tobt, entzündet sich vor allen Dingen an den Medien der Unterhaltungsbranche: Musik und Filme sind – von Computerspielen und geknackter Software abgesehen – die Medien, die einschlägige Filesharing-Netze füllen. Natürlich gibt es Pornografie und aktuelle Spielfilme in rauen Mengen, aber auch praktisch direkt nach Ausstrahlung herunterzuladende Serien aus den USA oder Großbritannien finden ihren Weg zum Konsumenten. Gleiches gilt interessanterweise aber auch für Dokumentationen, anspruchsvolle Hörbücher oder klassische Musik.

The Pig And The Box: Kinderbuch gegen DRM

Inzwischen stehen selbst Kinder im Kreuzfeuer zwischen Digital Rights Management und freien Lizenzen, nachdem die Film- und Musikindustrie mit einer Image-Kapagne "Captain Copyright" versucht hatte, Kinder als Zielgruppe zu erschließen. Die Kampagne wurde inzwischen zurückgezogen – übrig bleiben zwei freie Kinderbücher zum Herunterladen: Das Anti-DRM-Kinderbuch "The Pig And The Box" und das Patent-Missbrauch-Buch "The Crow Who Could Fly", die in jeweils mehreren Sprachen übersetzt vorliegen.

Natürlich kann man die mangelnde Kreativität von Politik und Medienanbietern kritisieren und das Schneckentempo, mit dem neue Angebote für die digitale Welt geschaffen werden. Statt zum Beispiel eine EU-weite Medienabgabe einzuführen, die es jedem Bürger jeden Landes erlauben würde, Zugriff auf die öffentlich-rechtlichen Medien der anderen Staaten zu nehmen, ist es nur in juristischen Grauzonen möglich, beispielsweise aktuelle BBC-Serien in Orginalsprache zu beziehen.

Erst in den letzten zwei, drei Jahren kommen die Dinge in Bewegung, zum Beispiel mit der Möglichkeit, bei der BBC Musik zum Re-Mixen und aktuelle Serien herunterzuladen – allerdings nur von einer britischen IP-Adresse aus – oder das Online-Angebot von Arte. Die BBC hat dazu auch gleich einen eigenen Video-Codec (Dirac) entwickelt und unter GPL, Mozilla Lizenz und LGPL veröffentlicht und den unwiderruflichen freien Gebrauch trotz einiger Patenten garantiert. Auch der aktuelle Apple-iTunes-Deal mit EMI für DRM-freie Musik wird von Optimisten als schwindender Widerstand der Medienindustrie interpretiert.

Japans alternative Politik mit Anime-Serien zeigt, dass es auch ohne die juristische Keule geht: Solange eine Serie nicht für den internationalen Markt lizenziert ist, werden die Verbreitung und insbesondere "Fan-Subbing" – selbstgemachte Untertitel von Fan-Gruppen – geduldet. Damit finden viele japanische Serien im Orginalzustand mit liebevoll gemachten Untertiteln ihren Weg aus Japan heraus – was sehr im Interesse der japanischen Studios ist.

Interessanterweise tolerieren japanische Studios auch die Pornographisierung ihrer Seriencharaktere. Disney hingegen reagiert äußerst allergisch auf jede Form der Sexualisierung einer Disney-Figur, die als "Marke" begriffen wird. Langfristig dürfte sich Asien damit den kulturellen Export seiner Medien- und Bildkultur sichern, die große Verbreitung und Begeisterung in Design und Bildsprache hierzulande findet.

Der Erfolg dieser Politik zeigt sich in kleinen Gesten wie in der steigenden Zahl von Gymnasien, die Japanisch oder Chinesisch statt Französisch als zweite Fremdsprache anbieten und begeistert von Kindern und Eltern überrannt werden, oder der Zunahme von Anime- und Mangashops in europäischen Großstädten. Wo Amazon noch dank Region-Codes teilweise den Kauf von internationalen DVDs schlicht verweigert, wächst eine junge Generation internet-gestählter Jugendlicher heran, die viele Kulturelemente Asiens willigst aufnehmen und verbreiten. Wem das wirtschaftlich zu weit hergeholt erscheint, der erinnere sich an den Erfolg der japanischen Autoindustrie oder der taiwanesischen und koreanischen Mikroelektronik und an das Finanzvolumen der Unterhaltungsbranche insgesamt.

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