Friede, Freude und freie Eierkuchen-Rezepte, Teil 1

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In der Buchwelt sieht es ähnlich wie bei den Filmen aus: Es gibt rein von der Menge her gesehen viele Bücher unter einer freien Lizenz. Am berühmtesten ist sicherlich das Gutenberg-Projekt, das verschiedene Werke nach Ablauf der Urheberrechte digitalisiert und Korrektur gelesen im Internet zum Herunterladen vorhält. Gutenberg-Werke gibt es auf deutsch, englisch, französisch, chinesisch und vielen anderen Sprachen. Eine weitere umfangreiche Sammlung an Büchern hält die Universität Pennsylvania vor, in der an die 25.000 englischsprachige Werke zu finden sind, die inzwischen in die Public Domain gefallen sind.

Das Hauptproblem bei diesen Werken: Wer sich nicht für die Literatur des 19. Jahrhunderts oder älter interessiert und sich nicht berufen fühlt, Madame Bovary oder Charles Dickens im Original zu lesen, wird sich mit interessanten Werken schwer tun. Einige zeitgenössische Schriftsteller und bekanntere Internet-Bürger wie Cory Doctorov, Betreiber des Blogs boingboing, haben mehrere ihrer Werke unter der Creative Commons-Lizenz im Internet veröffentlich. Das führt freilich noch nicht automatisch zu einem tollen Roman.

Außerhalb der literarischen Sphären tut sich besonders Lawrence Lessig, Initiator der Creative-Commons-Lizenz, hervor und publiziert seine (politisch-juristischen) Bücher im Internet. Auch Bruce Sterlings The Hacker Crackdown ist legal im Internet zu beziehen.

Viele Textsammlungen im Internet wie beispielsweise die Internet Public Library oder die Etext-Sammlung der Uni Virgina sind zwar jedermann zugänglich, unterliegen jedoch den üblichen Copyright-Regeln sowie der wissenschaftlichen Zitierpflicht. Da die ungekennzeichnete Übernahme wissenschaftlicher Inhalte sowieso in den Bereich des Plagiats fällt, kann man bei wissenschaftlichen Texten nicht einfach Autor oder Herkunft unter den Tisch fallen lassen.

Was viele Texte trotz ihrer Verfügbarkeit im Netz von CC-lizenzierten Texten unterscheidet, ist in erster Linie die nicht gestattete Weiterverbreitung und -verwendung – zum persönlichen und wissenschaftlichen Gebrauch stehen sie trotzdem der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ein weiterer Unterschied besteht in der Frage von derived work (abgeleiteten Werken), etwa dem Erstellen eines Hörbuchs. Im Zweifel hilft immer: nachfragen. Viele Projekte und Institutionen geben schlicht keinerlei terms of use, also Rechte oder Lizenzen, an. Ebenso heißt auf vielen Websites "frei" nur, dass man kostenlos und ohne Anmeldung auf den Content zugreifen und ihn benutzen darf. Daraus kann man aber noch nicht ableiten, dass man die Werke beliebig weitergeben oder verändern darf.

Trotz all dieser Problem lohnt sich immer mal ein Blick in Meta-Sites wie zum Beispiel Common Content oder archive.org, wenn man auf der Suche nach Lesestoff ist.

Viele Bücher wie die von Charles Dickens sind inzwischen Public Domain.

Eifrige Vorleser greifen zu den Public-Domain- und Creative-Commons-Büchern und erstellen davon Hörbücher. Seit Podcasts zunehmende Verbreitung finden, hat sich die Menge der vorgelesenen Texte rasant vergrößert, weil viele Einzelpersonen mal hier, mal dort ihren Lieblingstext vorlesen.

Für Freiwillige gibt es ein paar zentrale Anlaufstellen für Hörbücher – besonders für englisch-, deutsch- oder französischsprachige Vorleser. Die wichtigste Webseite dafür ist Libri Vox, eine größere Sammlung von Textauszügen und einigen Komplettwerken. Das französische Incipit-Blog ist eine gute Quelle für französischsprachige Hörbücher. Die deutschsprachige Schwester sind die Vorleser Amateure, die ebenfalls unter freier Lizenz veröffentlichen.

Auch bei Hörbüchern gilt allerdings: Nur, weil ein Text zum Anhören als "frei" markiert ist, steht er nicht automatisch unter einen freien Lizenz. So bietet beispielsweise der Hörbuch-Verlag Vorleser.net viele Hörbücher zum Herunterladen an. Diese sind aber nur für den privaten Gebrauch bestimmt und nicht zum Weiterverteilen oder gar Remixen. In Form von Podcasts, teilweise als Hörserie, veröffentlicht eine Gruppe von dedicated individual human beings gelesene Romane und Texte unter Podiobooks.com mit CC als Lizenz. Für kleinere und speziellere Angebote lohnt sich immer ein Blick in das Linkverzeichnis von Libri Vox.

Nach der langen Suche durch all diese Archive und Sammlungen von Text und Film zeigt sich vor allen Dingen eines: Unterhaltung und Bildung unter einer freien Lizenz ist schwer zu finden. Nicht, weil es nichts gäbe, sondern weil die interessanten Produktionen meistens kleine, schwer zu findende Einzelprojekte sind, während die großen Archive in ihren Inhalten meistens identische Spiegel sind.

Natürlich spielt die Hürde der Herstellung eine sehr große Rolle. Die allerbesten Quellen findet man heute weit verstreut in Blogs und dort zeigt sich auch am besten, welchen Verbreitungsgrad freie Lizenzen inzwischen haben. Hier ein verkannter Dichter, dort ein ambitioniertes Amateurvideo – so zeigt sich heute die Landschaft freier Medien. Es ist das kleine, liebevoll gemachte Liebhaberprojekt, das zur Zeit am häufigsten unter eine freie Lizenz gestellt wird – ein Vorleser beispielsweise, der zu Weihnachten 24 Tage lang die Weihnachtsgeschichte von Dickens liest, oder ein Physiker, der Jahre an einem Physikbuch für Laien geschrieben hat.

Zu wenig? Keineswegs, sondern ein exzellenter Start. Linux war in seinen ersten Jahren nicht einmal netzwerkfähig, von einem GUI ganz zu schweigen; heutzutage schickt sich das freie Unix an, mit etablierten Desktop-Betriebssystemen zu konkurrieren. Stellt man in Rechnung, dass die Arbeit an einem lesenwerten Roman durchaus ein paar Jahre dauern kann, dass ein Spielfilm ziemlich aufwendig in Organisation und Produktion ist, braucht es nur ein wenig Zeit. (odi)