Friede, Freude und freie Eierkuchen-Rezepte, Teil 1

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Unsere dreiteilige Serie spürt den freien Inhalten im Netz hinterher – von Unterhaltung und Bildung über Forschung und Lehre bis zu Strickmustern und Fotosammlungen. Der erste Teil widmet sich der Unterhaltung: Musik, Filme und Bücher.

Unsere dreiteilige Serie spürt den freien Inhalten im Netz hinterher – von Unterhaltung und Bildung über Forschung und Lehre bis zu Strickmustern und Fotosammlungen. Der erste Teil widmet sich der freien Unterhaltung: Musik, Filme und Bücher.

Teil 1: Freie Musik, Filme und Bücher
Teil 2: Freie Forschung, Lehre und Bildung
Teil 3: Hobby und Kultur

Mit freier Software fing es an, jetzt sind die Daten selbst an der Reihe: Wissenschaft, Kunst, Kultur und die öffentliche Hand besinnen sich auf den Wert der freien Verfügbarkeit von Informationen und stellen Daten oder Werke für jedermann zugreifbar ins Internet. Das steigende Bewusstsein über Lizenzen jenseits von "Alle Rechte vorbehalten" ist dabei nicht zuletzt dem Erfolg der freien Software zu verdanken. Die Wikipedia ist nur eines der bekanntesten Projekte dieser Art, in dem es nicht mehr nur um Software geht, sondern um die Essenz der modernen Welt: Information.

Wikipedia: Freie Information für jedermann

Um sich die Tragweite und die politische Brisanz einer freien Lizenz zu vergegenwärtigen, muss man sich zunächst erinnern, dass heutzutage praktisch alles und jedes an Informationen unter irgendeiner Lizenz, Copyright, Patent, Gebrauchsmusterschutz oder Urheberrecht steht – je nach regionaler Gesetzgebung. Die vielbeschworene Informationsgesellschaft lebt von lizenzierten Bild-, Ton-, Text- und Rohdaten. Vom Schnittmuster bis zu Wetterdaten, von Datenzusammenstellungen in der Biologie bis zu wissenschaftlichen Fachartikeln, von den Landkarten der Katasterämter bis hin zu Klassikern der Literatur – praktisch alles unterliegt mehr oder weniger eingeschränkten Nutzungsbedingungen und kann nicht frei verwendet, kopiert oder gar verändert werden.

Richtig restriktiv wird es, sobald Rohdaten und Informationen aufbereitet oder als Kompilation vorliegen. Wörterbücher beispielsweise – gewissermaßen also unsere Muttersprache selbst – stehen nicht zur freien Kopierbarkeit zur Verfügung. Leserkorrekturen der Online-Version des Dudens? Verb-Listen zum Herunterladen? Jeder Wächter der deutschen Sprache müsste eigentlich ein glühender Befürworter des möglichst freien Zugriffs auf die deutsche Sprache selbst sein; hilft der freie Zugang doch der Verbreitung und Bekanntmachung von Informationen.

Oftmals lautet das Argument, dass hier schließlich ein Unternehmen in teurer Arbeitszeit ein Werk geschaffen oder Daten zusammengestellt habe und sich diese Arbeit – durchaus zu Recht – bezahlen lassen wolle. Lassen wir das Argument zunächst einmal gelten und fragen: Was ist mit Daten, die von Staats wegen erhoben werden? Mit Daten und Informationen, die nicht von einem privatwirtschaftlichen Unternehmen produziert, sondern direkt oder indirekt über Steuergelder von den Bürgern eines Landes bezahlt werden?

Moderne Staaten tragen jahrhundertealte Informationsrattenschwänze hinter sich her, die über Archiv- und Statistikgesetze geregelt werden. Frei verfügbar? Nutzungsrechte bei den Bürgern eines Landes? Alles digitalisiert und im Internet für Forschung und Neugierige anzuklicken? Beleibe nicht. Die Absurditäten der modernen Informationsgesellschaft zeigen ihren Höhepunkt in der Tatsache, dass in manchen Städten und Ländern Touristen keine Denkmäler oder Gebäude fotografieren und auf ihrer Webseite publizieren dürfen: Die Abbildung des Schlosses von Großherzog Erwin dem Kahlköpfigen von Annodunnemals ist eben nichts für jedermann.

Nun kann man viel kritisieren und jeder einzelnen Institution nachweisen, wie unpraktisch, unsinnig und der Zukunft der Informationsgesellschaft wenig zuträglich ihre Handhabung der Datenverfügbarkeit ist; man kann aber auch einfach anfangen, den gleichen Weg zu gehen wie die Welt der freien Software: Daten und Informationen neu schaffen und jedermann wenigstens verhältnismäßig frei zur Verfügung zu stellen.

Jenseits von Linux, den freien BSD-Derivaten und Open-Source-Software keimt und blüht ein wachsendes Angebot von freien Büchern, Artikeln, Bildern, Noten, Musikstücken, Filmen, Schnittmustern, Kochrezepten, Wörterbüchern, Sprachkursen, wissenschaftlichen Artikeln, Rohdaten, biologischen Informationen. Es gibt sogar Forschungseinrichtungen, die Howtos und Informationen zur Verfügung stellen und sich explizit auf die Freie-Software-Welt als Ideengeber und Vorbild berufen. Ähnlich wie in der Welt der freien Software existieren Mischformen und halbkommerzielle Übergänge wie beispielsweise "zum freien Gebrauch, aber mit Copyright" – der Isländisch-Sprachkurs der Universität Island oder die Wörterbücher von Leo.org sind nur zwei von vielen Beispielen.

Warum also sich im politischen Kleinkrieg mit Juristen aufreiben, um einen freien Zugang zu irgendwelchen Informationen zu erkämpfen, wenn man besser einfach selbst neue erschafft? Die Frage nach der Kopierbarkeit durch den Nutzer hat sich – im Prinzip zumindest – mit einer freien Lizenz des Werks schlicht erledigt.

Weiter: Freie Unterhaltung

Der rechtliche und politische Streit, der seit einigen Jahren um Urheberrechte und Copyright tobt, entzündet sich vor allen Dingen an den Medien der Unterhaltungsbranche: Musik und Filme sind – von Computerspielen und geknackter Software abgesehen – die Medien, die einschlägige Filesharing-Netze füllen. Natürlich gibt es Pornografie und aktuelle Spielfilme in rauen Mengen, aber auch praktisch direkt nach Ausstrahlung herunterzuladende Serien aus den USA oder Großbritannien finden ihren Weg zum Konsumenten. Gleiches gilt interessanterweise aber auch für Dokumentationen, anspruchsvolle Hörbücher oder klassische Musik.

The Pig And The Box: Kinderbuch gegen DRM

Inzwischen stehen selbst Kinder im Kreuzfeuer zwischen Digital Rights Management und freien Lizenzen, nachdem die Film- und Musikindustrie mit einer Image-Kapagne "Captain Copyright" versucht hatte, Kinder als Zielgruppe zu erschließen. Die Kampagne wurde inzwischen zurückgezogen – übrig bleiben zwei freie Kinderbücher zum Herunterladen: Das Anti-DRM-Kinderbuch "The Pig And The Box" und das Patent-Missbrauch-Buch "The Crow Who Could Fly", die in jeweils mehreren Sprachen übersetzt vorliegen.

Natürlich kann man die mangelnde Kreativität von Politik und Medienanbietern kritisieren und das Schneckentempo, mit dem neue Angebote für die digitale Welt geschaffen werden. Statt zum Beispiel eine EU-weite Medienabgabe einzuführen, die es jedem Bürger jeden Landes erlauben würde, Zugriff auf die öffentlich-rechtlichen Medien der anderen Staaten zu nehmen, ist es nur in juristischen Grauzonen möglich, beispielsweise aktuelle BBC-Serien in Orginalsprache zu beziehen.

Erst in den letzten zwei, drei Jahren kommen die Dinge in Bewegung, zum Beispiel mit der Möglichkeit, bei der BBC Musik zum Re-Mixen und aktuelle Serien herunterzuladen – allerdings nur von einer britischen IP-Adresse aus – oder das Online-Angebot von Arte. Die BBC hat dazu auch gleich einen eigenen Video-Codec (Dirac) entwickelt und unter GPL, Mozilla Lizenz und LGPL veröffentlicht und den unwiderruflichen freien Gebrauch trotz einiger Patenten garantiert. Auch der aktuelle Apple-iTunes-Deal mit EMI für DRM-freie Musik wird von Optimisten als schwindender Widerstand der Medienindustrie interpretiert.

Japans alternative Politik mit Anime-Serien zeigt, dass es auch ohne die juristische Keule geht: Solange eine Serie nicht für den internationalen Markt lizenziert ist, werden die Verbreitung und insbesondere "Fan-Subbing" – selbstgemachte Untertitel von Fan-Gruppen – geduldet. Damit finden viele japanische Serien im Orginalzustand mit liebevoll gemachten Untertiteln ihren Weg aus Japan heraus – was sehr im Interesse der japanischen Studios ist.

Interessanterweise tolerieren japanische Studios auch die Pornographisierung ihrer Seriencharaktere. Disney hingegen reagiert äußerst allergisch auf jede Form der Sexualisierung einer Disney-Figur, die als "Marke" begriffen wird. Langfristig dürfte sich Asien damit den kulturellen Export seiner Medien- und Bildkultur sichern, die große Verbreitung und Begeisterung in Design und Bildsprache hierzulande findet.

Der Erfolg dieser Politik zeigt sich in kleinen Gesten wie in der steigenden Zahl von Gymnasien, die Japanisch oder Chinesisch statt Französisch als zweite Fremdsprache anbieten und begeistert von Kindern und Eltern überrannt werden, oder der Zunahme von Anime- und Mangashops in europäischen Großstädten. Wo Amazon noch dank Region-Codes teilweise den Kauf von internationalen DVDs schlicht verweigert, wächst eine junge Generation internet-gestählter Jugendlicher heran, die viele Kulturelemente Asiens willigst aufnehmen und verbreiten. Wem das wirtschaftlich zu weit hergeholt erscheint, der erinnere sich an den Erfolg der japanischen Autoindustrie oder der taiwanesischen und koreanischen Mikroelektronik und an das Finanzvolumen der Unterhaltungsbranche insgesamt.

Weiter: Creative Commons

Allerdings darf man dabei nicht übersehen, dass sich diese Formen der stillschweigenden Duldung in einer rechtliche Grauzone abspielen – mit viel Wegsehen auf Seiten der Industrie. Dank der Creative-Commons-Lizenz (CC) und dem Erfolg von Open-Source-Software hat das Bewusstsein über "freie Inhalte" jedoch seinen Weg zu werkschaffenden Musikern und Filmemachern oder Spieleproduzenten gefunden. Es gibt inzwischen einiges an CC-lizenzierten Musikstücken und Filmen, die auch in freien Formaten wie Ogg/Vorbis und Flac für Musik oder Ogg/Theora als Video-Codec vorliegen.

Die Creative-Commons-Lizenz erlaubt das maßgeschneiderte Lizenzieren von Werken, die keine Software darstellen. Um die Lizensierung flexibel zu halten, gibt es verschiedene Varianten der CC, die jeweils in Formulierung und Wortwahl an nationale Rechtsprechung angepasst sind. Um Werkschaffenden die Arbeit zu erleichtern, gibt es auf creativecommons.org eine Art "Klick mir die Lizenz zusammen", die unter anderem folgende Spielarten erlaubt:

  • keinerlei Bedingungen (Public Domain Dedication)
  • Verteilen, kopieren, verändern, kommerziell nutzen mit Nennung des ursprünglichen Autors (CC-Bezeichnung: Attribution, kurz by)
  • Verteilen, kopieren, verändern, kommerziell nutzen mit Nennung des ursprünglichen Autors, aber mit der Pflicht, die gleiche Lizenz zu wählen (GPL-ähnlich; Attribution Share Alike, by-sa)
  • Verteilen, kopieren, verändern, aber keine kommerzielle Nutzung mit Nennung des Autors (Attribution Non-commercial, by-nc)
  • Kopieren, aber nicht verändern mit Nennung des Autors (Attribution No Derivatives, by-nd)

Was man nicht ausschließen kann, ist die Erlaubnis zum Kopieren und Weiterverteilen, denn genau deswegen wurde die CC ja geschaffen. Wer die GNU GPL kennt und schätzt, kann für Texte aber auch die Free Documentation Licence (FDL) wählen.

So kann man sich also dreifach vergewissern: Das Werk, die Einspielung und die Distributionsformate können jeweils unter verschiedene freie Lizenzen gestellt werden. Ein Klavierstück von Bach beispielsweise ist als Werk inzwischen Public Domain oder gemeinfrei: Die Urheberrechte, die in Deutschland für 70 Jahre gewährt werden, sind abgelaufen. Die Einspielung wiederum kann selbständig etwa von einem Uni-Orchester vorgenommen und als CC-lizenzierte Einspielung mit dem Recht zur Weitergabe in GPL-lizensierten Audioformaten vorliegen. Mischformen gibt es beispielsweise bei Hörbüchern: Die Rechte am Werk selbst liegen beim Autor, der aber Zustimmung zu einem unter Creative-Commons-lizenzierten Hörbuch gegeben haben mag.

Wie also freie Unterhaltung ohne rechtliche Konsequenzen finden?

"Sucked into a vortex" – dank intensiver Science-Fiction-Vorbildung kann sich vermutlich fast jeder etwas unter diesem Sound-Sample vorstellen. Freesounds ist die mit Abstand wichtigste Anlaufstelle für die Eigenproduktion von Musik und Klangelementen. Das Projekt ist von der Music Technology Group der Universtität Pompreu Fabra in Barcelona initiiert.

Das Sortiment umfasst über 20.000 Samples verschiedener Länge und Qualität natürlichen und elektronischen Ursprungs, die man dank der freien CC-Lizenz frei remixen und verwenden darf. Von Vogelgezwitscher über Naturgeräusche bis zu im Raum wabernden Aliens im 50er-Jahre-SciFi-Stil ist die Sammlung recht gut bestückt. Leider mangelt es an Samples internationaler Musikintrumente: Alles, was klanglich der arabischen oder indischen Welt zuzuordnen ist, fehlt praktisch komplett – etwas, was Hobbymusiker weltweit problemlos zur Verfügung stellen könnten.

Das wichtigste Schwester-Projekt zu Freesounds ist die Remix-Site ccMixter, wo man Remixes jeder Art aus freien Samples bewundern und selbst wieder remixen kann. Da Sample und Remix jeweils unter Creative-Commons-Lizenz stehen, kann man die meisten Remixes nicht bloß einfach herunterladen und verbreiten, sondern auch auseinanderpflücken und neu remixen. Entsprechend finden sich oft viele Varianten eines Remixes.

Das Faszinierende an freiem Sound ist derzeit allerdings noch eher die Verbreitung und Veränderung von Klangstücken als seine Hitverdächtigkeit. So wie in der Open-Source-Welt guter Wille und freier Code noch keine gute Software machen, entsteht durch den freien Zugang zu Samples nicht automatisch eine neue Missy Elliot, Björk oder Jazzmatazz.

Weiter: Freshmeat für Musik

Bei Jamendo aus Luxemburg kann man dann die Gesamtergebnisse der freien Musikwelt bewundern. Jamendo ist eine Download-Site für Musik, die ausschliesslich Stücke unter verschiedenen Varianten der Creative-Commons-Lizenz anbietet – kostenlos und DRM-frei, zum Weiterverteilen und Remixen.

Magnatune: iTunes-Alternative

Der Shop Magnatune hingegen versucht als Label mit einem künstlerfreundlich gewählten Lizenzierungs- und Verkaufsmodell einen Balanceakt zwischen Freiheit und Kommerzialität, der zunächst ziemlich kompliziert erscheint: Frei und kostenlos ist das Anhören einzelner Stücke und ganzer CDs in guter Qualität vor dem Kauf. Wer Alben oder Einzelstücke per Download kauft, kann zwischen verschiedenen Formaten wie MP3, WAV, Flac, Ogg und AAC wählen. Den Preis kann der Käufer justieren; er erhält dazu Hinweise, was der übliche Durchschnittspreis ist. Davon erhält der Künstler 50 Prozent des Ertrags. Die Rechte an den Musikstücken verbleiben beim Künstler und werden nicht wie sonst üblich an das Label übertragen. Die Künstler bleiben außerdem frei, ihre Werke anderweitig zu lizensieren: Magnatune besteht nicht auf Exklusivrechten.

Nach dem Kauf darf man die DRM-freien Stücke an drei Freunde weiterverteilen. Nicht-kommerzielle Internetradios oder Podcasts können eine MP3-Version (128 kBit) kostenlos herunterladen und frei verwenden, da es sich im Wesentlichen um die Creative-Commons-Variante non commercial use handelt. Ganz bequeme Musikfreunde können auch weiterhin eine CD kaufen. Wer die Musik direkt lizensieren möchte – zum Beispiel für Werbung oder Filmprojekte –, kann die Lizenzbedingungen direkt auf der Webseite von Magnatunes beim Musikstück selbst einsehen und abschließen.

Da sich außerdem viele verschiedene Musiker und Kleinstlabels in der freien Lizenzwelt tummeln, empfiehlt sich die Lektüre von einschlägigen Blogs wie GratisVibes .

Sowohl Musik- als auch Filmliebhaber profitieren außerdem vom Auslaufen der Urheberrechte international, was allerdings je nach aktueller Gesetzeslage und Erben 70 Jahre und länger dauern kann. Mittlerweile ist neben klassischer Musik auch einiges an altem Jazz und Blues in der Public Domain und damit im Internet angekommen.

Solche Musik findet man etwa bei Public Domain4U oder bei PD Info. Für die Gesangswerke klassischer Komponisten ist die Choral Public Domain Library das, was das Projekt Gutenberg für Bücher ist. Man findet in der CPDL mehrere Tausend Stücke und Übersetzungen verschiedenster Komponisten aus allen Epochen. Man muss allerdings berücksichtigen, dass Public-Domain-Musik lediglich bedeutet, dass die Komposition selbst frei von Urherberrechten ist, möglicherweise aber nicht die Einspielung.

Musopen: Freie Musik, frei eingespielt

Dieses Problem löst Musopen, eines der beeindruckensten freien Musikprojekte im Internet. Wenn ein klassisches Werk frei verfügbar ist, weil die Urheberrechte abgelaufen sind, beschert einem das zunächst nur einen Stapel Noten. Zu einer wirklich freien Aufnahme kommt man erst, wenn das Werk auch eingespielt und frei verfügbar veröffentlicht wird.

Bei Musopen tun das College-Orchester und einzelne Musiker – ein äußerst nachahmenswertes Projekt für jede Musikhochschule, die die Qualität ihrer Studenten öffentlich präsentieren möchte. Bei Musopen finden sich Werke von Beethoven, Mussorgsky, Bach, Händel, Clementi, Mozart und vielen anderen Komponisten verschiedener Epochen. Gegründet wurde die Sammlung vom Musik- und Wirtschaftsstudenten Aaron Dunn. Dessen Motivation ist ganz einfach: "If there is music that by law now belongs to the general public, let's make sure that it is available to the public."

Auch Wikimedia verfügt über eine umfangreiche Sammlung von klassischen Musikstücken, die man als Ogg/Vorbis-Datei herunterladen kann.

Weiter: Heimkino

Eines gleich vorneweg: Den brillanten Spielfilm zum immer wieder Gucken, den Genre-prägenden Zeichentrick oder ähnliche Qualität findet man noch nicht in freier Lizenz. Das ist im aufwendigen Produktionsprozess des Mediums Film begründet – welchem Hobbyfilmer stehen schon Statisten in Ben-Hur-Massen oder Renderfarmen für Ork-Scharen zur Verfügung? Allerdings: Ein Low-Budget-Film wie das Blair Witch Project könnte heute mühelos seinen Weg ins Internet finden. Bisher gibt es nur eine Handvoll freie Filme unter Creative-Commons-Lizenz zum legalen Herunterladen im Internet, etwa Cactuses oder der Animationsfilm Elephants Dream, mit Open-Source-Software wie Blender, Gimp und Inkscape erstellt.

Der Film Elephants Dream wurde mit Blender und anderer freier Software erstellt.

Für Erotikfans gab es The Good Girl, einen spanischen Frauen-Porno, der zunächst CC-lizenziert zum Download zur Verfügung stand, inzwischen aber in einem längeren Filmprojekt der Regisseurin aufgegangen und nicht mehr frei verfügbar ist. Freunde des ruhigen Naturfilms finden Aqualounge, einen unter CC veröffentlichten Untersee-Film, von dem acht Releases zum Download bereitstehen. Ebenfalls aus Deutschland kommt der CC-lizensierte Film Route 66 vom VEB Film Leipzig, dessen Macher bereits den zweiten Open-Source-Film The Last Drug in der Postproduktionsphase haben. Frisch in die Creative Commons übergegangen ist beispielsweise auch der Dokumentarfilm A Story of Healing über Ärzte im vietnamesischen Mekong-Delta.

Da "frei" auch bei CC-lizenzierten Filmen nicht notwendigerweise "frei wie in Freibier" bedeutet, kann man am derzeit laufenden Projekt Swarm of Angels partizipieren. Für umgerechnet 37,- Euro erkauft man sich als "Engel" Entscheidungs- und Vorzugsstatus wie bevorzugter Download, zusätzliche Materialien auf DVD und dergleichen Bonusmaterial mehr. Zumindest laut Website soll das Projekt hinterher aber zum freien Herunterladen und Remixen im Internet zur Verfügung stehen. Man bezahlt mit seinem Beitrag also den Einfluss auf die Erstausgabe des Films.

Die bisher einfachste legale Möglichkeit, Filme aus dem Internet frei zu beziehen, sind ältere Filme, die aufgrund Auslaufen des Copyrights in die Public Domain übergegangen sind. Ein umfangreiches Verzeichnis von Filmen zeigt OpenFlix – allerdings ohne Download-Möglichkeit. Dafür pflegen die Webseiten von Archive.org ein Film-Archiv mit Filmen von M – eine Stadt sucht einen Mörder bis hin zu Filmschnipseln von Weltkriegs-Propaganda oder modernen Dokumentarfilmen wie The Power of Nightmares von der BBC. Die Sammlung zeichnet sich vor allem durch eine riesige Liste von Brick Films (Lego-Filme von Spiderman bis Star Wars) und Machinima (3D-Animationsfilme auf Basis von Computergame-Engines) aus. Wer Torrents bevorzugt, wird bei Public Domain Torrents fündig.

Cartoon-Klassiker bei archive.org: Betty Boop

Das Interessante an solchen Filmarchiven ist weniger, was dort derzeit verfügbar ist, sondern was man damit entwickeln kann. Eine Dokumentation wie Atomic Cafe aus den 80er Jahren – gedreht zu einer Zeit, als Reagan noch von Raketenschutzschilden im Weltall träumte – enthält klassische Filmsequenzen, die heute bequem zum Download bei Archive.org zur Verfügung stehen: Jedermann kann heute aus dem Civil-Defense-Filmchen Duck and Cover ein eigenes Feature zum Thema Atomkrieg schneiden.

Bei Archive.org kann man außerdem das Prelinger Filmarchiv herunterladen oder ansehen. Das Prelinger-Archiv umfaßt mehrere Tausend erzieherische und dokumentarische Filme – unter anderem einiges an Filmmaterial von Charles und Ray Eames, die Ende der 50er Jahre Filme und Ausstellungen über Computertechnik für IBM konzipiert und gedreht haben.

Die verfügbaren freien Filme, die es tatsächlich inzwischen gibt, findet man bequem bei Legal Torrents oder Legit Torrents – das Angebot beider Torrent-Sites ist allerdings weitestgehend identisch.

Weiter: Hinter der Kamera

Wer "Film" im weitesten Sinne selbst machen und unter eine freie Lizenz stellen möchte, hat mehr Möglichkeiten und findet zahlreiche Hilfen dazu im Internet. Das reicht von einer Site, die erklärt, wie man Internet-TV selbst produziert, bis hin den Sites, auf denen man die selbsterstellten Videos publizieren kann – daran mangelt es heutzutage nämlich nicht. Drei Webseiten haben sich dabei ausdrücklicher der CC als Lizenz verschrieben als beispielsweise Google Video oder YouTube (obwohl man auch dort eine Menge CC-lizensierte Videos findet): Our Media, Revver und blip.tv warten darauf, mit Videos von ihren Nutzern gefüllt zu werden – Platz und Bandbreite zum Publizieren unter der Creative-Commons-Lizenz gibt es also genug.

Stray Cinema: freie Film-Schnipsel zum Remixen

Drei Anlaufstellen für Filmfreunde experimentieren in allerersten Ansätzen mit Film-Remixen und "Mash-Ups" von frei verfügbaren Film-Schnipseln: StrayCinema, FreeCinema und Open Source Cinema stecken zwar noch in den Kinderschuhen, versuchen aber auf Film abzubilden, was im Musikbereich bereits wesentlich verbreiteter ist. Die Idee dahinter ist, auf der einen Seite selbst neues Filmmaterial zu erstellen, zum Remixen unter einer freien Lizenz zur Verfügung zu stellen und die Remixe selbst zu publizieren – als Idee im Prinzip gut.

Bisher scheitert ein größerer Verbreitungsgrad vermutlich an mehreren Faktoren: Es ist eine ungewohnte Idee für Filmschaffende, und es gibt technische Hürden – Videobearbeitung lernt sich nicht gerade an einem Wochenende, und die Software dazu ist schlimmstenfalls sehr teuer oder sehr rudimentär und sehr aufwendig: Für Film braucht es eben entweder Menschen und Orte oder Renderfarmen und idealerweise beides in Kombination. Derzeit lohnt es sich mehr, bei YouTube, Google Video und blip.tv nach Videos unter CC Ausschau zu halten und auf die Public-Domain-Filme bei archive.org zurückzugreifen.

Nichtsdestotrotz gibt es auch in der Film-Welt Bewegung. Das Sundance-Filmfestival beispielsweise zeigt die Kurzfilme inzwischen online – zwar nicht unter freier Lizenz zum beliebigen Re-Mixen, aber immerhin frei einsehbar. Dazu gibt es einen Sundance-Channel bei YouTube, bei dem Hobbyfilmer einminütige Videos beitragen können.

Bisher spielt sich all das aber eher nach den üblichen Copyright-Regeln ab. Da allerdings viele unabhängige Filme nach einem Festival rasch in der Versenkung verschwinden, dürfte sich auch hier hoffentlich eine Einstellung durchsetzen, die der Verbreitung und öffentlichen Wahrnehmung eines Films mehr Wert zuschreibt.

Weiter: Bücher

In der Buchwelt sieht es ähnlich wie bei den Filmen aus: Es gibt rein von der Menge her gesehen viele Bücher unter einer freien Lizenz. Am berühmtesten ist sicherlich das Gutenberg-Projekt, das verschiedene Werke nach Ablauf der Urheberrechte digitalisiert und Korrektur gelesen im Internet zum Herunterladen vorhält. Gutenberg-Werke gibt es auf deutsch, englisch, französisch, chinesisch und vielen anderen Sprachen. Eine weitere umfangreiche Sammlung an Büchern hält die Universität Pennsylvania vor, in der an die 25.000 englischsprachige Werke zu finden sind, die inzwischen in die Public Domain gefallen sind.

Das Hauptproblem bei diesen Werken: Wer sich nicht für die Literatur des 19. Jahrhunderts oder älter interessiert und sich nicht berufen fühlt, Madame Bovary oder Charles Dickens im Original zu lesen, wird sich mit interessanten Werken schwer tun. Einige zeitgenössische Schriftsteller und bekanntere Internet-Bürger wie Cory Doctorov, Betreiber des Blogs boingboing, haben mehrere ihrer Werke unter der Creative Commons-Lizenz im Internet veröffentlich. Das führt freilich noch nicht automatisch zu einem tollen Roman.

Außerhalb der literarischen Sphären tut sich besonders Lawrence Lessig, Initiator der Creative-Commons-Lizenz, hervor und publiziert seine (politisch-juristischen) Bücher im Internet. Auch Bruce Sterlings The Hacker Crackdown ist legal im Internet zu beziehen.

Viele Textsammlungen im Internet wie beispielsweise die Internet Public Library oder die Etext-Sammlung der Uni Virgina sind zwar jedermann zugänglich, unterliegen jedoch den üblichen Copyright-Regeln sowie der wissenschaftlichen Zitierpflicht. Da die ungekennzeichnete Übernahme wissenschaftlicher Inhalte sowieso in den Bereich des Plagiats fällt, kann man bei wissenschaftlichen Texten nicht einfach Autor oder Herkunft unter den Tisch fallen lassen.

Was viele Texte trotz ihrer Verfügbarkeit im Netz von CC-lizenzierten Texten unterscheidet, ist in erster Linie die nicht gestattete Weiterverbreitung und -verwendung – zum persönlichen und wissenschaftlichen Gebrauch stehen sie trotzdem der Öffentlichkeit zur Verfügung. Ein weiterer Unterschied besteht in der Frage von derived work (abgeleiteten Werken), etwa dem Erstellen eines Hörbuchs. Im Zweifel hilft immer: nachfragen. Viele Projekte und Institutionen geben schlicht keinerlei terms of use, also Rechte oder Lizenzen, an. Ebenso heißt auf vielen Websites "frei" nur, dass man kostenlos und ohne Anmeldung auf den Content zugreifen und ihn benutzen darf. Daraus kann man aber noch nicht ableiten, dass man die Werke beliebig weitergeben oder verändern darf.

Trotz all dieser Problem lohnt sich immer mal ein Blick in Meta-Sites wie zum Beispiel Common Content oder archive.org, wenn man auf der Suche nach Lesestoff ist.

Viele Bücher wie die von Charles Dickens sind inzwischen Public Domain.

Eifrige Vorleser greifen zu den Public-Domain- und Creative-Commons-Büchern und erstellen davon Hörbücher. Seit Podcasts zunehmende Verbreitung finden, hat sich die Menge der vorgelesenen Texte rasant vergrößert, weil viele Einzelpersonen mal hier, mal dort ihren Lieblingstext vorlesen.

Für Freiwillige gibt es ein paar zentrale Anlaufstellen für Hörbücher – besonders für englisch-, deutsch- oder französischsprachige Vorleser. Die wichtigste Webseite dafür ist Libri Vox, eine größere Sammlung von Textauszügen und einigen Komplettwerken. Das französische Incipit-Blog ist eine gute Quelle für französischsprachige Hörbücher. Die deutschsprachige Schwester sind die Vorleser Amateure, die ebenfalls unter freier Lizenz veröffentlichen.

Auch bei Hörbüchern gilt allerdings: Nur, weil ein Text zum Anhören als "frei" markiert ist, steht er nicht automatisch unter einen freien Lizenz. So bietet beispielsweise der Hörbuch-Verlag Vorleser.net viele Hörbücher zum Herunterladen an. Diese sind aber nur für den privaten Gebrauch bestimmt und nicht zum Weiterverteilen oder gar Remixen. In Form von Podcasts, teilweise als Hörserie, veröffentlicht eine Gruppe von dedicated individual human beings gelesene Romane und Texte unter Podiobooks.com mit CC als Lizenz. Für kleinere und speziellere Angebote lohnt sich immer ein Blick in das Linkverzeichnis von Libri Vox.

Nach der langen Suche durch all diese Archive und Sammlungen von Text und Film zeigt sich vor allen Dingen eines: Unterhaltung und Bildung unter einer freien Lizenz ist schwer zu finden. Nicht, weil es nichts gäbe, sondern weil die interessanten Produktionen meistens kleine, schwer zu findende Einzelprojekte sind, während die großen Archive in ihren Inhalten meistens identische Spiegel sind.

Natürlich spielt die Hürde der Herstellung eine sehr große Rolle. Die allerbesten Quellen findet man heute weit verstreut in Blogs und dort zeigt sich auch am besten, welchen Verbreitungsgrad freie Lizenzen inzwischen haben. Hier ein verkannter Dichter, dort ein ambitioniertes Amateurvideo – so zeigt sich heute die Landschaft freier Medien. Es ist das kleine, liebevoll gemachte Liebhaberprojekt, das zur Zeit am häufigsten unter eine freie Lizenz gestellt wird – ein Vorleser beispielsweise, der zu Weihnachten 24 Tage lang die Weihnachtsgeschichte von Dickens liest, oder ein Physiker, der Jahre an einem Physikbuch für Laien geschrieben hat.

Zu wenig? Keineswegs, sondern ein exzellenter Start. Linux war in seinen ersten Jahren nicht einmal netzwerkfähig, von einem GUI ganz zu schweigen; heutzutage schickt sich das freie Unix an, mit etablierten Desktop-Betriebssystemen zu konkurrieren. Stellt man in Rechnung, dass die Arbeit an einem lesenwerten Roman durchaus ein paar Jahre dauern kann, dass ein Spielfilm ziemlich aufwendig in Organisation und Produktion ist, braucht es nur ein wenig Zeit. (odi)