Friede, Freude und freie Eierkuchen-Rezepte, Teil 2

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Ein völlig anders gelagertes Problem stellen Forschungsergebnisse und Rohdaten dar. Da von Forschungsinstituten inzwischen erwartet wird, dass sie über Drittmittel, Patente oder die Lizenzierung ihrer Forschungsergebnisse selbst Gelder erwirtschaften, landen viele von der öffentlichen Hand bezahlte Forschungsergebnisse direkt in Unternehmen. In den USA beispielsweise gibt es zwar offiziell die Verpflichtung, staatlich finanzierte Forschung auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen – die Realität zeigt aber, dass "teure" Forschung wie Medizin und Pharmazeutik schlicht in die privatwirtschaftliche Sphäre umverlagert wird.

Eigentlich sind Rohdaten nicht urheberrechtlich schützbar – so zumindest die Theorie. In der Praxis werden Datensammlungen aber beileibe nicht einfach zum handlichen Download im Internet verteilt, sondern teilweise sogar über Patente geschützt.

Die wichtigste Anlaufstelle für die Open-Source-Spielart für Wissenschaft ist deswegen der Creative-Commons-Ableger Science Commons, der derzeit einen Fokus auf Bio- und Neurowissenschaften hat. Die Idee hinter Science Commons ist die freie Zugänglichkeit von Forschungsdaten und -Datenbanken. Ein Abkommen soll hier einen schnellen Austausch von Zellkulturen, DNA und anderen Biomaterialien zwischen Forschungsinstitutionen sicherstellen, ohne sich in monatelangen Lizenzverhandlungen aufzuhalten.

Aus Australien kommt die Initiative BiOS aus dem Projekt Cambia, die Open-Source-Prinzipien und -Lizenzen auf die Molekularbiologie zu übertragen versucht. Cambia erhält seine Gelder unter anderem vom norwegischen Aussenministerium und betreut außer viel Informationsmaterial noch die Site BioForge – die Download-Site der Initiative, deren Name sich ganz bewusst an Sourceforge.net anlehnt.

Ein weiteres Projekt zu freien Biodaten ist die BioBrick Foundation, die wesentlich auf die Initiative von Drew Endy und Thomas Knight zurückgeht, die die Vorzüge der Entwicklung von freier Software auf Biotechnologie übertragen möchten. Unter dem plakativen Label "Open Wetware" stellt die BioBrick Foundation DNA-Schnipsel für Bioingenieure unter einer freien Lizenz zur Verfügung. Die Idee dahinter ist, Biotechnologie zu ähnlichen Innovationsschüben durch den "Garagengenetiker" ähnlich jenem sprichwörtlichen IT-Startup in der Garage des Elternhauses zu verhelfen.

BioBrick Foundation: Biotechnologie in Open-Source-Manier

Auch in den Sozialwissenschaften geht es um Rohdaten – Statistiken über Arbeitslosigkeit, Bevölkerungswandel oder Umweltdaten sind nur einige Beispiele, wo Wissenschaftler auf behördliche Rohdaten zugreifen. Diese Daten gibt es und sie sind mehr als reichlich verfügbar: Praktisch jede Behörde eines Landes sammelt Daten und erstellt eigene Statistiken vom Amts wegen. Zentral in Deutschland sind natürlich die statistischen Landesämter, das statistische Bundesamt sowie Eurostat, das europäische Amt für Statistiken der EU. Sowohl das Bundesamt für Statistik als auch Eurostat haben eine äußerst schwammige "Lizenz" ihrer online verfügbaren Daten: "darf man unter Nennung der Quelle kopieren, solange nichts anderes vermerkt ist". Für den interessierten Laien oder für ein Arbeitslosenstatistik-Mashup empfiehlt es sich daher, sicherheitshalber beim Amt nachzufragen.

Allerdings kann man historisch bedingt und aufgrund der mit den Datenerhebungen zusammenhängenden Datenschutzprobleme nicht einfach so die Fahne des "Daten ab ins Internet" schwingen: In vielen Staaten werden öffentlich erhobene Daten durch Statistikgesetze oder Sozialgesetzbücher geregelt, weil natürlich das europäische Sozialwesen bereits seit dem 19. Jahrhundert Daten sammelt und nicht erst seit der Erfindung des Internets. Jahrhunderte, bevor auch nur jemand an Open Source dachte, fingen das französische Polizeiwesen und das preußische Beamtentum bereits mit der Datensammelei an.

Das Bundeamt stellt inzwischen aber mehr und mehr Daten für Forscher zur Verfügung. Diese Daten kosten manchmal eine Gebühr von 65 Euro und sind in zwei rechtliche Zugriffskategorien gesplittet: "public use"-Daten sind "absolut anonym", während "scientific use"-Daten nur "faktisch anonym" sind – hier besteht ein Restrisiko der Deanonymisierung, weswegen sie nur nationalen Forschern zur Verfügung gestellt werden.

Für alle nichtforschenden Bürger gibt es trotzdem viele kostenlose Downloads von Daten und Zusammenfassung von bereits ausgewerteten Daten und natürlich in neuerer Zeit auch in Deutschland das Informationsfreiheitsgesetz, was einen verbesserten Zugriff auf Daten und Informationen für jedermann erlaubt. Allerdings gilt für die meisten politisch oder sozialwissenschaftlich relevanten Daten: Man muss sich gründlich durch die jeweiligen Institutionen durchrecherchieren und Lizenzen und Zugangsbedingungen wirklich mit der Lupe suchen. Zentrale Datenbanken? Handliche APIs auf Tabellen? Davon wird man noch einige Jahrzehnte träumen müssen.

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