Fünfkämpfer

Office-Pakete im Praxistest

Test & Kaufberatung | Test

Auch mehr als zehn Jahre nach Erfindung des Office-Pakets werden die Hersteller nicht müde, immer neue, vermeintlich noch wichtigere Funktionen beizupacken, um auch das nächste Update wieder an den Mann zu bringen. Und dennoch sind viele Produkte, ob Textverarbeitung, Adressdatenbank oder Tabellenkalkulation, dem täglichen Einsatz nicht gewachsen. Um so wichtiger ist es, das richtige Office-Paket anhand der damit zu bewältigenden Aufgaben auszuwählen.

Aufmacher

Tagtäglich schimpfen uns Leser die E-Mail-Programme voll, weil sie Probleme mit Office-Paketen haben, aber von den Herstellern keine oder nicht genügend Unterstützung bekommen. Gleich, ob man mit der OEM-Version arbeitet, die dem PC beilag, per kostenpflichtigem Upgrade zur Vollversion umgestiegen ist oder das komplette Paket regulär beim Händler gekauft hat - wie gut ein Office-Programm für jene Aufgaben, die im Büro oder am heimischen Schreibtisch anfallen, wirklich geeignet ist, stellt sich in der Regel erst nach dem Kauf heraus. Da man ein OEM-Produkt aber nicht gegen ein anderes Produkt eintauschen kann, weil der Händler mit dem Programmhersteller einen entsprechenden Lizenzvertrag abgeschlossen hat, müssen unzufriedene Anwender eben doch wieder die teure Vollversion eines anderen Anbieters kaufen.

Den Feature-Listen kann man freilich nicht entnehmen, ob die Textverarbeitung bei langen Dokumenten mit vielen Fußnoten plötzlich abschmiert und die bis dahin getippten Daten unwiderruflich mit in den Abgrund reißt. Ob die immer leistungsfähigeren DTP-Funktionen in der Praxis auch wirklich ausreichen, um etwa eine Vereinszeitschrift zu gestalten. Ob die Tabellenkalkulation dem Hobby-Spekulanten geeignete Werkzeuge an die Hand gibt, um seine Aktien zu verwalten. Ob das Adressmodul so gut mit dem Textprogramm harmoniert, dass man einen Brief an den Freund oder eine ganze Liste von Leuten schreiben kann, ohne sämtliche Adressen neu einzutippen. Ob die HTML-Export-Funktionen, die heutzutage jedes Office-Paket mitbringt, eine ansehnliche Homepage oder gar einen gestandenen Firmenauftritt auf die Beine stellt. Oder ob man für all diese Aufgaben eben doch wieder ein teures Spezialprogramm hinzuziehen muss.

In diesem Schwerpunkt haben wir die typische erbsenzählerische c't-Vergleichstestarbeit einmal etwas in den Hintergrund gestellt. Wichtiger war uns die tatsächliche Praxistauglichkeit der Office-Pakete, um herauszufinden, ob unsere schimpfenden Leser Recht haben oder eher die Hersteller, welche die Schuld meist auf eine inkompatible Hardware-Zusammenstellung, eine unvollständige Installation oder schlicht auf die Unfähigkeit des Anwenders schieben. Wir haben fünf aufwändige Testparcours zusammengestellt, durch die wir die derzeit erhältlichen Office-Pakete scheuchten, und unsere Erfahrungen notiert. Die Ergebnisse werden manchen überraschen: Der Marktführer Microsoft muss sich doch in vielen Disziplinen zeigen lassen, was die Konkurrenz besser kann.

Auf den Prüfstand haben wir neben Microsofts Office 2000 (samt Service Release 1) das von Sun übernommene StarOffice 5.2, die SmartSuite 9.5 aus dem Hause Lotus, Corels WordPerfect Office 2000 (nebst Service Pack 3) sowie RagTime 5.5 der deutschen Firma B&E Software gehievt. Letzteres Paket lässt sich zwar kaum in die Schublade ‘Office-Pakete’ zwängen. Eine vollwertige Tabellenkalkulation fehlt ebenso wie eine Adressdatenbank, weshalb wir es bei zwei unserer Szenarien außen vor gelassen haben. Da RagTime aber zumindest eine ausgewachsene Textverarbeitung mitbringt, kommt es um die drei anderen Aufgaben nicht herum.

Die Preisunterschiede zwischen den Paketen sind immens: Suns StarOffice bekommt man kostenlos, wenn man zu dem Download des 105 oder 79 MByte großen Pakets (mit oder ohne Datenbank Adabas D) bereit ist. Die Installations-CD samt Handbuch verschickt Sun für den recht günstigen Preis von 99 DM. Die SmartSuite kostet da schon drei mal so viel, aber immer noch weniger als ein Viertel des Preises für die Standard-Version von Microsoft Office. Das teuerste Paket im Test, RagTime, schlägt gar mit stolzen 1390 Mark zu Buche. So unterschiedlich wie die Preise fallen auch die beigepackten Komponenten aus, aber gar nicht mal zu Gunsten der teuren Anbieter: Während Lotus und Corel neben einer Datenbank sogar ein Spracherkennungsprogramm mitliefern, vermisst man Letzteres bei Microsoft, und die Datenbank Access gibt es nur im Verein mit den teuren Professional- oder Premium-Varianten. Sun packt immerhin ein Bildbearbeitungs- und ein Zeichenmodul dazu (Details siehe [#tabelle Tabelle]).

Für unsere fünf Disziplinen haben wir die jeweils benötigten Kandidaten auf immer frisch installierten Windows-98-SE-Systemen getestet, um gleiche Bedingungen zu schaffen. Darüber hinaus war auf den Testrechnern keinerlei Software installiert, um zu vermeiden, dass andere Programme Performance und Stabilität beeinflussen.

Microsofts Office 2000 greift am tiefsten in die Windows-Installation ein und tauscht etwa 200 System-DLLs aus. Die Programme belegen sowohl in der vom Hersteller vorgeschlagenen Standardfassung (‘jetzt installieren’) als auch in der vollständigen Variante, die alle mitgelieferten Office-Komponenten, Beispieldokumente und Tutorials auf die Platte spielt, mehr als doppelt so viel Platz wie die Konkurrenz. Eine ‘Minimalinstallation’, wie sie alle anderen Hersteller anbieten, gibt es bei Microsoft übrigens nicht mehr: Man kann allenfalls definieren, dass man ‘alle Bestandteile von CD starten’ lassen möchte, doch selbst in dieser Variante verschlingt Office 2000 noch 243 MByte Plattenplatz.

Sowohl StarOffice als auch SmartSuite installieren eine eigene Bedienoberfläche als Alternative zum Windows-Explorer. Während der ‘StarOffice Desktop’ den gesamten Bildschirm einnimmt, hängt Lotus mit dem ‘SmartCenter’ ein ungewöhnliches Menü an den oberen Bildschirmrand. Es sieht einen direkten Zugriff auf die einzelnen Komponenten, etwa das Textprogramm oder den Terminkalender, vor. Was die einen für nützlich halten, verurteilen die anderen als groben Verstoß gegen die Microsoftschen Interface Guidelines. Immerhin kann man die Menüleiste während oder nach der Installation abschalten. Der StarOffice Desktop hingegen lässt sich erst im zukünftigen StarOffice 6.0 desaktivieren, das im Laufe des nächsten Jahres erscheinen soll. Solange muss man für jeden kleinen Brief, den man schreiben möchte, warten, bis Windows das komplette StarOffice-Paket geladen hat. Das kostet freilich nicht nur Zeit, sondern auch Arbeitsspeicher. Das ‘CorelCentral’ hingegen, ebenfalls eine Sammlung von Terminkalender & Co., besteht aus normalen Windows-Applikationen, die in eigenen Fenstern laufen.

Microsoft geht allerdings auch nicht gerade mit gutem Beispiel voran, was die Einhaltung der eigenen Interface Guidelines angeht. In Word 2000 haben die Redmonder das seit Jahren gewohnte Multiple Document Interface (MDI) durch das Single Document Interface (SDI) ersetzt. So öffnen sich die Dokumente nicht mehr, wie in früheren Versionen, innerhalb des Programmfensters. Stattdessen lädt Word für jede Datei eine eigene Instanz des Programms mit allen Menüs und Schaltflächen, was unnötig Ressourcen raubt. Inkonsequent und daher verwirrend für manchen Benutzer: In Excel präsentieren sich Tabellen wie gehabt innerhalb des Anwendungsfensters. Optional lässt sich auch hier Microsofts neuer Standard SDI einstellen, aber umgekehrt kann man Word nicht auf MDI zurückschalten.

Die Menüs in den Office-2000-Anwendungen zeigen standardmäßig nur die jeweils wichtigsten respektive häufiger verwendeten Einträge. Die weiteren Befehle verbergen sich hinter einem Menüeintrag mit zwei nach unten zeigenden Pfeilen und offenbaren sich erst, wenn man den Mauszeiger länger darüber verweilen lässt oder auf die Pfeile klickt. Das mag unerfahreneren Anwendern eine willkommene Alternative zu überladenen Mammutmenüs sein; Profis werden sie hingegen schnell abschalten. Lotus macht es anders: Die SmartSuite blendet in jeder Komponente immer nur die sinnvollen Menüeinträge ein, die sich auch wirklich gerade anwenden lassen. Das schafft ebenfalls mehr Überblick, erschwert aber vielleicht manchem Anwender das Finden einer Funktion.

Mit einem neuen HTML-basierenden Hilfesystem hat Microsoft die bisherige Windows-Standard-Hilfe ersetzt. Bei ihrem Start wird das Fenster des aufrufenden Programms an den linken Bildschirmrand verschoben und seine Größe um etwa ein Drittel reduziert. Da bei Bildschirmauflösungen von bis zu 1024 x 768 Pixeln das Fenster relativ schmal wird und dadurch die Hilfetexte schwer zu lesen sind, muss man das Hilfefenster vergrößern, doch dann bleibt nur wenig Platz für die eigentliche Anwendung. Positiv hebt sich die Hilfe aber von der manch anderen Office-Pakets ab, indem sie den Anwender ausführlich und aufgabenorientiert unterstützt. Einzelne Kapitel etwa zum Erstellen von Dokumenten erklären die Bedienung der Programme recht gut. Hyperlinks verweisen auf vertiefende Informationen, zum Beispiel zu ausführlicheren Erklärungen zu Dokumentvorlagen oder Grafiken in Texten. Die Suchfunktion beschränkt sich jetzt allerdings auf den Index, eine Recherche im Gesamttext gibt es in dem neuen Hilfesystem nicht mehr.

Die Online-Hilfe von StarOffice ist unübersichtlich und enthält fast nur allgemeine Informationen über die Grundbedienung der Module. Wer konkrete Unterstützung sucht, beispielsweise um die Seitennummerierung an einer bestimmten Stelle im Text zu ändern, wird oft nicht fündig. Ein StarOffice-Benutzer, der selbst auf Entdeckungsreise geht, merkt aber schnell, dass die Software wesentlich mehr beherrscht, als in der Hilfe erklärt ist. Im Zweifelsfall muss man deshalb beim Hersteller anrufen. Wir hätten ohne die Unterstützung von Sun manche Funktionen der Programme gar nicht gefunden.

Die Lotus’sche SmartSuite führt in ihrer Hilfe vor allem Einsteiger in die wichtigsten Funktionen anhand typischer Aufgaben ein, etwa Diagramme in 1-2-3 aus Daten erzeugen oder lange Dokumente mit Inhaltsverzeichnis, Bildern, Tabellen und Formeln in Word Pro erstellen. Dabei gibt die Online-Hilfe zwar einen guten Überblick, bleibt aber recht oberflächlich. Auch die weiteren Hilfetexte, welche man über die Suchfunktion findet, sind knapp und kaum mehr als kurze Anleitungen, wo man für welche Funktion klicken soll. Allerdings ist der SmartSuite-Anwender gar nicht so sehr auf die Hilfe angewiesen: Assistenten begleiten ihn bei den wichtigsten Aktionen Schritt für Schritt bis zum Ziel, sodass auch Einsteiger selbst komplexere Aufgaben wie Gliederungen und Inhaltsverzeichnisse ohne weitere Unterstützung lösen können.

Neben der Einführung widmet sich das Online-Handbuch von Corel auch tiefergehenden Aufgaben wie der Arbeit mit Grafiken oder Grafikstilen. Ein eigenes Kapitel spricht speziell Word-Umsteiger an. Die können das auch gut gebrauchen, denn an die WordPerfect-Terminologie mit ‘Blitzwörter’ für ‘AutoText’ oder ‘Blitzformat’ für ‘AutoFormat’ müssen sie sich erst gewöhnen.

Die Online-Hilfe in RagTime verzichtet auf eine Einführung. Diese liegt aber in gedruckter Form als Trainungshandbuch bei. Jeweils eigene Kapitel beschreiben den Umgang etwa mit Dokumenten, Zeichnungen, Layouts oder Infografiken. Die Hilfe sieht zwar auf den ersten Blick recht einfach aus, kommt aber übersichtlich und als exakte Kopie der 500-seitigen gedruckten Referenz daher. Da diese im Windows- und im Mac-OS-Paket identisch ist, müssen PC-Besitzer die Erläuterungen zu AppleScript überlesen. Eine alternative Makrosprache gibt es auf Windows-Seite nicht.

Entscheiden Sie sich für oder gegen ein Office-Paket nicht anhand des in der Tabelle abgedruckten Lieferumfangs. Lassen Sie sich auch nicht von dem Festplattenplatzbedarf beeinflussen. Beide Aspekte spielen wichtige Rollen, aber wesentlich mehr Bedeutung sollte die Frage gewinnen, wie gut die Kandidaten unsere fünf Testdisziplinen meistern. Dazu auf den folgenden 30 Seiten mehr. (se)

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Office-Pakete im Überblick
Produkt RagTime 5.5.1 Office 2000 SR-1 SmartSuite Millennium Edition 9.5 StarOffice 5.2 WordPerfect Office 2000 SP3
Hersteller B & E Software Microsoft Lotus Sun Corel
Telefon 0 21 03/96 57-0 0 89/31 76-0 01 80/5 41 23 0 89/4 60 08-0 08 00/1 81 50 74
Internet www.besoftware.de www.microsoft.de www.lotus.de www.sun.de www.corel.de
getestete Variante Standard Standard Standard Download Standard
erhältliche Betriebssystemversionen Windows, Mac OS Windows, Mac OS (Office 2001) Windows, OS/2 Warp 4 (9.0) Windows, Linux, Solaris Windows, Linux
Festplattenbedarf
Standard 93 MByte 243 MByte 145 MByte 171 MByte 187 MByte
minimal 9 MByte 202 MByte 99 MByte 117 MByte 128 MByte
maximal 93 MByte 455 MByte 219 MByte 180 MByte 246 MByte
Komponenten
Textverarbeitung RagTime Word Word Pro StarOffice Writer WordPerfect
Tabellenkalkulation integrierte Rechenfunktionen Excel 1-2-3 StarOffice Calc Quattro Pro
Präsentation
-
PowerPoint Freelance Graphics StarOffice Impress Presentations
Bildbearbeitung
-
-
-
StarOffice Image
-
Datenbank
-
-
Approach Adabas D
-
Termin- und Adressverwaltung
-
Outlook Organizer StarOffice Schedule CorelCentral
Zusatzprogramme Grafikmodul Outlook Express
(E-Mail und News)
FastSite (Web-Tool), SmartCenter
(Personal Information Manager)
IBM ViaVoice (Spracherkennung)
StarOffice Draw (Grafik),
E-Mail und News
Adobe Acrobat Reader, Trellix
(Web-Tool), Philips FreeSpeech
(Spracherkennung), Bitstream Font
Navigator, Inso Quick View Plus
Preis 1389 DM 1275 DM 290 DM 99 DM (Download gratis) 779 DM

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