Gates statt Gutenberg

Microsofts Literaturpreis und der Open-eBook-Standard

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Nicht nur Start-up-Firmen nutzen die Buchmesse, um ihre Version der digitalen Buchzukunft zu präsentieren, auch Gigant Microsoft wirft sein Gewicht in die Waagschale. An E-Books führt auch auf einer Buchmesse mittlerweile kein Weg mehr vorbei.

Nach dem Motto lieber geklotzt als gekleckert rief Microsoft einen mit 100 000 US-Dollar fürstlich dotierten Literaturpreis ins Leben. Die Redmonder haben nicht etwa ihre Liebe zur Literatur neu entdeckt, sondern wollen damit den Ende September verabschiedeten Open-eBook-Standard (OEB 1.0) ins rechte Licht rücken: Den Hauptpreis des Frankfurt eBook Award bekommt nur der Autor, der sein Buch ausschliesslich im OEB-Format publiziert. Verliehen wird er während der nächsten Buchmesse.

Microsoft belässt es nicht damit, sondern hat kürzlich den Microsoft Reader angekündigt, der OEB-Dokumente auf PCs liest. Mit enthalten ist ClearType, eine Technik, mit der Fonts auf farbigen LC-Displays in höherer Auflösung gezeigt werden. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als eine Art kolorierte Antialiasing-Methode, bei der Rot-, Grün- und Blau-Pixel einzeln statt zusammen als Bildpunkt angesteuert werden.

Verlagshäuser und Anbieter digitaler Bücher nutzten die Plattform Buchmesse, um sich hinter OEB 1.0 und MS Reader zu werfen. Mit dabei ist das französische Verlagshaus Hamas, das zusammen mit Microsoft und Maury Imprimateur seinen kompletten Buchbestand für OEB digitalisieren will. Der englische Verlag Penguin Books plant eine eBook-CD, die den MS Reader und rund tausend Bücher enthalten soll. Online Publisher 00h00.com (steht für ‘zero hour dot com’ - welche obskuren Firmennamen muss man eigentlich noch über sich ergehen lassen?) will seine Titel ebenfalls OEB-konform auf den Server stellen. Doch noch bleibt es bei Ankündigungen, denn den Reader soll es erst nächstes Jahr geben.

Microsoft hat Open eBook zwar den Weg geebnet, doch unter den Gründungsmitgliedern des Standardkomitees spielt die kleine, in der E-Book-Branche wohl bekannte Firma NuvoMedia eine wichtige Rolle. Mit dem Rocket eBook vertreibt das Unternehmen um CEO Martin F. Eberhard eines der beiden erhältlichen E-Books-Lesegeräte in den USA für 329 US-$. Nach eigenen Angaben sind dort etwa 3500 Buchtitel erhältlich, davon 1200 ‘Klassiker’, sprich Werke, die keinem Copyright mehr unterliegen und für deren Konvertierung als E-Book-Datei meist kein Vertrag mit Verlagen notwendig ist. Die Zahl der verteilten und verkauften Lesegeräte liegt in der Gegend von mehreren tausend Rocket eBooks.

Ohne deutschsprachiges Lesematerial macht ein Rocket eBook hier zu Lande wenig Sinn, deshalb verzögert sich der bereits für dieses Jahr angekündigte deutsche Auftritt voraussichtlich auf nächstes Jahr. Das Lesegerät mit deutscher Benutzerführung hat NuvoMedia auf der Buchmesse vorgestellt. Um Verlagen elektronische Kopien gedruckter Bücher schmackhaft zu machen, hat die Online-Buchhandlung BOL eine Website eingerichtet, auf der sich zunächst nur ausgewählte und mit Rocket eBook ausgestattete Verlage Bücher laden können. Nächstes Jahr, wenn NuvoMedia das Lesegerät auch in Deutschland verkaufen will, soll der komplette E-Book-Vertrieb über BOL abgewickelt werden.

Ein interessanter Aspekt im deutschen E-Book-Geschäft ist die Buchpreisbindung. Mit der neuen EU-Kommission sieht es derzeit so aus, dass der Festpreis mindestens noch ein, zwei Jahre erhalten bleibt. Was bedeutet das für E-Books? Buchpreis-gebundene E-Books wären dann genau so teuer wie die gedruckte Version. Die Rechtslage ist unklar, derzeit kommt es allein auf den Inhalt der Verträge zwischen E-Book-Anbieter und Verlag an, ob Preisbindung greift oder nicht.

Der derzeit einzige Konkurrent von NuvoMedia heißt SoftBook, unterstützt ebenfalls den OEB-Standard, hielt sich auf der Buchmesse jedoch bedeckt. In den USA und Kanada gibt es den Reader mit edlem Lederdeckel und großem Display für 599,95 Dollar. Wer am Gemeinschaftsstand von Ecce Terram und Digibuch vorbeikam, konnte einen Blick auf das Gerät werfen. Während NuvoMedias beleuchtetes Graustufen-Display zum Besten gehört, was der Display-Markt bietet, enttäuscht das SoftBook mit einem Passiv-Display, dessen Kontrast und Helligkeit für gute Sicht akribisch genau eingestellt werden muss.

Die Konkurrenz zum OEB-Standard ist PDF. Adobes Format biete sich an, da viele Verlage ihre digitalisierten Bestände bereits als PDF-Datei vorliegen haben, meint EveryBook. Dessen Lesegerät Dedicated Reader ist aufklappbar und zeigt Text auf zwei Displays an. Doch mehr als einen Prototyp konnte EveryBook in Frankfurt nicht präsentieren. Ein Mitarbeiter führte ausgewählten Interessenten auf einem Kleinstand eines amerikanischen Kleinverlages den Dedicated Reader vor: Grobe Aluschienen, mit großen Schrauben zusammengehalten, umfassen das Display. Darunter verbirgt sich jedoch eher ein Notebook als ein E-Book-Reader: Es bootet Windows 95 auf einem unsäglich langsamen System mit x86-CPU aus Vor-Pentium-Zeiten.

Mit einem einzigen Protoyp wird es EveryBook schwer haben, gegen die OEB-Übermacht anzukommen. Adobe gibt jedoch mit dem kürzlich vorgestellten PDF-Merchant und Web Buy Schützenhilfe. Die E-Commmerce-Tools sollen den Kauf und die Distribution von E-Books im PDF-Format erleichtern. Gegen die Fülle von Büchern, die bereits als PDF-Datei existieren, setzt die Gegenseite die Flexibilität des Open-eBook-Standards. Wie HTML-Seiten kann sich ein OEB-Dokument der Auflösung und Display-Größe anpassen. Das PDF-Format legt dagegen von vornherein die Auflösung fest.

Noch verdient keiner der Teilnehmer im E-Book-Geschäft Geld. Doch die Weichen sind gestellt, denn schon jetzt existieren zahlreiche Verträge zwischen Großverlagen und E-Book-Herstellern, die einen riesigen Buchbestand umfassen. Weder Autoren noch Leser sind sich derzeit bewusst, wie schnell sie mit E-Books konfrontiert werden. Die Buchmesse war der Anfang, ab jetzt geht es Schlag auf Schlag. Experten rechnen in wenigen Jahren mit dem Übergang vom Nischengeschäft zum Massenmarkt. Für die IT-Branche ist das eine Ewigkeit, für die Kulturgesellschaft eine halsbrecherische Fahrt mit unbekanntem Ziel. (jr)

E-Books im Web
NuvoMedia www.nuvomedia.com
SoftBook www.softBook.com
EveryBook www.everybook.net
Open eBook Standard openebook.org
Frankfurt eBook Award frankfurt-ebook-awards.org
(ab 1. Nov.)

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