Geben und Nehmen

@ctmagazin | Editorial

Nie ging es uns PC-Besitzern so gut wie heute. Aus allen Himmelsrichtungen fällt uns Software in den Schoß, die wir nicht bezahlen müssen oder zumindest vor dem Kauf testen können. Damit meine ich aber nicht das, was man landläufig "Shareware", "Freeware" und "Public Domain" nennt. Nein, höchst gewinnorientierte Firmen haben die Wirkung des Geschenks als Einstiegsdroge entdeckt. Sie betreiben "präventiven Verdrängungswettbewerb". Wenn es dafür zu spät ist, hungern sie die Konkurrenz einfach aus.

Netscape hat die erstgenannte Taktik mit dem Internet-Browser "Navigator" vorexerziert. Der Navigator kostet zwar theoretisch Geld, aber nicht übermäßig viel, und außerdem kann man ihn vor dem Kauf ausgiebig ausprobieren, da Netscape ihn in aller Herren Länder zum Download auf ftp-Servern bereitstellt.

Der Netscape Navigator hat inzwischen je nach Statistik einen Marktanteil zwischen 75 und 90 Prozent - solche Zahlen kannte man bisher nur von Microsoft. Viele Internet-Service-Provider drücken jedem Kunden einen Navigator in die Hand, und sehr viele WWW-Server verwenden HTML-Eigenschaften, die nur der Navigator unterstützt. Sobald die Konkurrenz diese Fähigkeiten nachrüstet, läßt sich Netscape etwas Neues einfallen.

Da der Netscape Navigator manche seiner Besonderheiten am besten im Verbund mit einem Netscape Server ausspielen kann, floriert auch das angepeilte Folgegeschäft. Eine komplette Umgebung von Netscape-Server-Produkten kostet schon ein paar Tausender, und urplötzlich geht die Rechnung auf: in allen mir bekannten Statistiken belegt Netscape unter den Anbietern kommerzieller Server den ersten Platz.

Doch damit könnte schon bald Schluß sein. Die Konkurrenz hat derart zugelegt, daß Netscape den Preis für den Server mehr als halbieren mußte. Auch dem Navigator weht der Wind ins Gesicht. Mit AOL und CompuServe haben sich die beiden größten Online-Dienste für den Microsoft Internet Explorer entschieden.

Bill Gates hat also die Bühne betreten und läßt sich damit auf ein Spiel ein, in dem er bisher keine große Erfahrung hat. Da er erst nachträglich eingestiegen ist, muß er nun mit überraschenden Schachzügen versuchen, Netscapes raffinierte Eröffnung aus dem Konzept zu bringen. Das ist ihm ebenso schnell wie gründlich gelungen. Mit den Mitteln des Feature-Wettbewerbs war dem Navigator nicht beizukommen. Also muß Microsoft Netscape an anderer, empfindlicherer Stelle treffen: Gates verschenkt nicht nur den Internet Explorer, sondern auch noch den Server. Er will also erst in der dritten Stufe Geld verdienen: mit den Betriebssystemen, auf denen Browser und Server laufen, und wenn möglich noch mit den Add-ons, die einen WWW-Server erst vollständig machen: Autorensoftware, Datenbank et cetera.

Die Frage ist, wie lange die beiden Kontrahenten diesen Krieg der Großzügigkeit durchhalten. Netscapes Einnahmen stehen schon jetzt in keinem Verhältnis zum Aktienkurs. Wenn die Bosse Clark und Andreessen es nicht schaffen, die Firma im richtigen Moment zu verkaufen (das hätte aber besser Anfang des Jahres sein sollen), könnten sie sich bald eine blutige Nase holen. Bill Gates hat finanziell definitiv den längeren Atem.

Es ist auch möglich, daß sich Microsoft ebenfalls verschätzt. Gates versucht, das ansonsten offene Internet durch die Einführung proprietärer Technologie in den Griff zu bekommen. Im Moment stehen seine Chancen aber noch recht gut. Java hin oder Netzwerkterminal her, die "Internet against Microsoft" Task Force aus Sun, Netscape und Oracle ist derzeit nicht einig genug, um Gates' Dominanzstreben ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen.

Dem Anwender kann es letztlich Wurst sein, wenn sich hier jemand zu Tode verschenkt. Er wird sich weiter über billige Software freuen. Ob er am Ende dabei wirklich gut fährt oder sich doch wieder von einer bestimmten Technik abhängig gemacht hat, steht auf einem anderen Blatt.

Ingo T. Storm