Gedenkminuten

@ctmagazin | Editorial

Eine der lebhaftesten Erinnerungen an meine Kindheit ist die an unser Fernsehgerät. Damals, im Alter von neun Jahren, lernte ich vorauszuplanen. 20 Minuten vor "Trickfilmzeit mit Adelheid" musste das Gerät im Schlafzimmer meiner Eltern eingeschaltet werden, damit die darin zahlreich verbauten altersschwachen Röhren genug Zeit hatten, vorzuglühen.

Gedenkminuten

Eine der lebhaftesten Erinnerungen an meine Kindheit ist die an unser Fernsehgerät. Damals, im Alter von neun Jahren, lernte ich vorauszuplanen. 20 Minuten vor "Trickfilmzeit mit Adelheid" musste das Gerät im Schlafzimmer meiner Eltern eingeschaltet werden, damit die darin zahlreich verbauten altersschwachen Röhren genug Zeit hatten, vorzuglühen. War ich zu spät dran, begann die Kinderstunde mit einem minutenlangen Hörspiel. Mein erstes Auto war ein Mercedes 200 D, Baujahr 1972, mit ins Armaturenbrett eingelassenem Glühwächter zur optischen Kontrolle des Vorgangs. 30 Sekunden Vorglühzeit. Manchmal auch mehrfach.

Später wurde die Warterei abgeschafft. Dann gab es Fernseher, noch mit Bildröhren, die aber trotzdem binnen weniger Sekunden betriebsbereit waren. Volltransistorisierte Radios, bei denen sich die ersten Töne aus dem Lautsprecher mit dem Echo des Klackgeräuschs beim Einschalten mischten, Walkmen, die sich durch einen kräftigen Druck auf "Play" umgehend aktivierten und mechanische Fotoapparate, bei denen man zur Herstellung der Betriebsbereitschaft lediglich die Schutzkappe vom Objektiv abnehmen musste. Haushaltsübliche Lichtquellen erreichten damals ihre maximale Helligkeit in Sekundenbruchteilen. Im Rückblick war es das Goldene Zeitalter des sofortigen Einschaltens.

Mein Leben hat sich seither verdunkelt und verlangsamt. Wenn ich heute nach Hause komme, muss ich nach Betätigung des Lichtschalters erst einmal ein paar Sekunden warten, bis die Sparbirnen genügend Licht werfen, damit ich nicht versehentlich über den Hund stolpere. Selbst eine Petroleumlampe lässt sich mit geübter Hand flotter entzünden. Anschließend taste ich mich durchs Dämmerlicht zum Fernseher und schalte diesen per Schaltleiste ein. Vorglühen muss er nicht mehr. Dafür bootet er. Lange und ausgiebig. Vom Blu-ray-Player oder der vollautomatischen Kaffeemaschine will ich gar nicht reden. Immerhin ist das Licht hell, bis der Fernseher fertig ist. Verlasse ich das Haus und steige ins Auto, springt der Motor ohne Rudolf-Diesel-Gedenkminute an, dafür verzögert das Booten des Navis nun meine Wegfahrt.

Solche Geräte bringen mich moralisch in eine Zwickmühle. Natürlich möchte ich Strom sparen. Aber warten will ich auch nicht. Das Internet-Radio wacht aus dem Standby viel schneller auf als aus dem Aus-Zustand. Der Fernseher verbraucht zwar im Bereitschaftsmodus ein paar Watt, dafür produziert er nach dem Aufwecken sofort ein Bild. Lasse ich die Sparbirnen brennen, spare ich mir die Dämmerungszeiten. Und wenn ich das Handy nachts nicht mehr aus-, sondern in den Flugzeugmodus schalte, kann ich morgens beim Zähneputzen schon Web-Radio hören, statt auf den Android-Schriftzug zu starren, auch wenn das Lebensdauer des Akkus kostet.

Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich als letztes. Ich habe von Prozessrechnern gehört, die zwar massig ICs und Speicher enthalten, die aber dennoch innerhalb von Sekundenbruchteilen booten. Windows 8 soll dramatisch schneller starten als Windows 7. Die flotte LED wird die lahme Sparbirne auf Dauer verdrängen. Neue Autos fahren ihre Prozessor- und Speicherbänke schon hoch, während ihr Besitzer noch nicht Platz genommen hat. Vielleicht wird ja doch alles wieder gut. (uma)

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