Gnome-Konferenz GUADEC: Weichenstellung für Gnome 3.0

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Auf der neunten europäischen Gnome-Konferenz GUADEC in Istanbul wurden nicht nur die Weichen für Gnome 3.0, das nächste major release des Unix- und Linux-Desktops, gestellt. Auch bei Gnome Mobile tut sich einiges.

Vom 7. bis zum 12. Juli fand die neunte Gnome-Konferenz GUADEC an der Bahçeşehir-Universität in Istanbul statt. Die halbjährlich stattfindende GUADEC (Gnome Users' And Developers' European Conference) ist das größte Treffen der Gnome-Gemeinschaft in Europa. Die rund 400 Entwickler und an dem Linux-Desktop Interessierten ließen sich von der lauten, chaotischen, aber auch bezaubernden Metropole am Bosporus nicht ablenken und bewältigten ein umfangreiches Vortragsprogramm.

Ein großes Thema der Konferenz war Gnome 3.0, das nächste major release des Unix- und Linux-Desktops. In den letzten Wochen gab es verstärkt Diskussionen um die Frage, ob Gnome stagniert – die halbjährlichen Updates der aktuellen Serie 2.x bringen zwar stetige, aber selten spektakuläre Neuerungen und Verbesserungen.

Da passte es, dass das Gtk+-Entwicklerteam die Version 3.0 der Gnome zugrundeliegenden GUI-Bibliothek für nächstes Jahr in Aussicht stellte. Da darin eine Reihe veralteter Bestandteile entfernt werden sollen, bringt Gtk+ 3.0 einen Bruch in der Abwärts-Kompatibilität: Alle Gtk+-Anwendungen müssen angepasst werden. Den Umstieg will man Entwicklern aber so einfach wie möglich machen: Neben einer Testumgebung und aussagekräftigen Inkompatibilitätswarnungen soll ein Parallelbetrieb der alten und neuen Programmbibliotheken möglich sein.

Das Gnome-Release-Team nutzte die Ankündigung von Gtk+ 3.0, um für die Entwicklung von Gnome 3.0 zu werben. Ein möglicher Termin wäre Frühjahr 2010: Das für dann geplante Gnome 2.30 (aktuell ist die Version 2.22) könnte zu Gnome 3.0 werden. Die meisten der anwesenden Entwickler begrüßten dieses Vorhaben. Vincent Untz, Teil des Release-Teams, hält es für wichtig, dass die Entwickler Enthusiasmus haben. Mit Gnome 3.0, so Untz, habe der Desktop wieder eine konkrete Vision.

Die Gnome Foundation, welche die Entwicklungen um die Plattform koordiniert, erhält mit Stormy Peters erstmals einen Executive Director. Peters baute bereits bei Hewlett-Packard das Open Source Office Team auf und arbeitete zuletzt bei OpenLogic als Community Manager. Sie will helfen, Pläne und Projekte wie Gnome Mobile zu koordinieren und zu konkretisieren. Von der anwesenden Gnome-Gemeinschaft wurde sie mit stürmischem Applaus willkommen geheißen.

Ein Blick auf die Vorträge und Sitzungen zeigt, dass sich Gnome längst nicht mehr nur auf den klassischen Desktop konzentriert. Zum einen kommt Gnome auf mobilen Geräten wie Smartphones und PDAs zum Einsatz und andererseits wird an einer Verzahnung von webbasierten sozialen Netzwerken mit dem konventionellen Desktop gearbeitet.

Anfang Juli veröffentlichte Garmin den Quellcode zu den Navigationsgeräten der Reihen Nüvi 800 und 5000, die die Gnome-Mobile-Plattform verwenden. Nach TomTom verwendet damit ein weiterer wichtiger GPS-Hersteller Linux als Betriebssystem für seine Navigationsgeräte. Garmin verwendet zusätzlich GeoClue, eine Open-Source-Software, um anhand verschiedener Informationen die Position zu bestimmen. Neben GPS nutzt GeoClue auch Daten von GSM-Sendemästen, WLAN-Hotspots und IP-Adressen, um den Standort des Benutzers festzustellen, wobei die Genauigkeit von der Datenquelle abhängig ist. Auf der GUADEC waren allerdings keine Vertreter von Garmin ausfindig zu machen.

Anders der Handy-Hersteller Nokia, der seinen Open Source Marketing Manager Quim Gil zur GUADEC schickte. Das Unternehmen will trotz des Kaufes des Qt-Herstellers Trolltech erst einmal an der Gnome-basierten Oberfläche Hildon für Internet-Tablets festhalten. Zunächst werden die GUI-Bibliotheken Gtk+ und Qt parallel eingesetzt, wobei Qt erst 2010 Einzug halten soll. Nähere Details dazu konnte Quim Gil allerdings noch nicht nennen.

Auch das Linux-Smartphone Freerunner von OpenMoko soll in Zukunft Qt verwenden. Ole Tange, ein freier OpenMoko-Entwickler, ging in seinem Vortrag zur Enttäuschung der Zuhörer darauf gar nicht ein und beschränkte sich auf mögliche Anwendungsfälle für den eingebauten GPS-Chip.

Doch die Entwicklung schreitet nicht nur bei den Kleinstgeräten voran. Red Hat arbeitet derzeit an einem experimentellen Online Desktop, der die Anmeldedaten für Dienste wie Flickr, Twitter und Facebook zentral speichert und neue Inhalte direkt auf dem Desktop anzeigt. Dazu hat man eine Seitenleiste namens Bigboard entwickelt, die die klassischen Panels ergänzt und von Benutzern wie Entwicklern angepasst werden kann. Zudem lassen sich Einstellungen lokaler Programme auf dem Online-Desktop-Server hinterlegen. Die vom Benutzer verwendeten Arbeitsrechner, Heim-PCs oder Laptops können auf diese Einstellungen zugreifen und sie lokal anwenden.

Gnome-Mitbegründer Frederico Mena-Quintero legte den Fokus auf den klassischen dokumentenzentrierten Desktop. Während Anwender mit E-Mails, Chat oder Musik keine Probleme haben, hätten sie doch oft Schwierigkeiten, ihre Dokumente zu finden. Statt einer Ansicht in Ordnern plädierte er für ein Journal, das Dokumente chronologisch sortiert anzeigt. Neu sei diese Idee zwar nicht, so Mena-Quintero, aber mit einer sinnvollen Oberfläche und ergänzt um Funktionen wie Tags könnte es für die Nutzer eine deutliche Verbesserung bedeuten. Im Anschluss entstand eine rege Diskussion um Möglichkeiten der Implementierung – die ersten Freiwilligen zur Umsetzung haben sich bereits gemeldet.

Diese Herangehensweise würde sicher auch Leisa Reichelt begrüßen. Sie warb in Ihrer Keynote bei den Entwicklern für eine an Benutzer-Erlebnissen orientierte Entwicklung, dem sogenannten User-Experience-Design. Dabei soll schon früh während der Entwicklung die Alltagswelt der Benutzer empirisch untersucht werden, damit die Software später eine wirkliche Hilfe ist. In einer weiteren Keynote warb Matt Webb für einen modularen Ansatz mit dem einprägenden Satz, die "Kabel aus der Technik heraushängen" zu lassen. Hardware wie Software sollten sowohl für Entwickler wie auch Anwender adaptierbar sein.

Travis Reitter von Collabora stellte Soylent vor, einen "Browser für Personen". Soylent integriert verschiedene Möglichkeiten der Kontaktaufnahme in einer einzigen grafischen Oberfläche. Der Benutzer wählt den gewünschten Gesprächspartner aus und entscheidet dann, ob er E-Mail, Chat oder Internettelefonie verwenden möchte. Details wie verschiedene Chatnetzwerke, Konten von sozialen Netzwerken oder E-Mail-Adressen fasst Soylent für jede Person zusammen. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Peoples-Framework. Es stellt Entwicklern eine Schnittstelle bereit, um Kontaktdaten vom Mobilfunk-Telefonbuch bis zu Facebook-Freunden in ihren Applikationen zusammengefasst anzeigen zu können. Beide Projekte wollen nun ausloten, wie eine gemeinsame Zusammenarbeit zukünftig möglich ist.

Chris Blizzard von der Mozilla Foundation versuchte, die Zuhörer von den Fortschritten bei Firefox und den zukünftigen Entwicklungen aus dessen Umfeld zu überzeugen. Es gehe nicht um Marktanteile, sondern um Einflussnahme – und darum, Apple wie Microsoft unter Druck zu setzen, kurz: innovativer zu sein. Mozilla ist seit Frühjahr Teil des beratenden Advisory Boards der Gnome Foundation.

Auf der anderen Seite hält die aus der KDE-Engine KHTML entstandene und von Apple für den Webbrowser Safari adaptierte Browser-Engine Webkit in immer mehr Gnome-Projekten Einzug, etwa dem Browser Epiphany, der E-Mail-Suite Evolution oder dem Hilfe-Betrachter Yelp. Kein Wunder, dass am nächsten Tag der Webkit-Entwickler Alp Toker die Vorzüge seiner Engine dem Plenum präsentierte. Toker, der an Webkit-Gtk arbeitet, unterstrich die bessere Standard-Konformität und Perfomance von Webkit gegenüber Mozillas Gecko. Auf die skeptischen Fragen, ob Apple über den Weg zu trauen sei, versicherte Alp, man habe Kopien der Quelltexte und sei bereit, jederzeit eigene Wege zu gehen. Derzeit bescheinigte er Apple aber eine gute Zusammenarbeit.

Die nächste GUADEC wird gemeinsam mit dem KDE-Äquivalent aKademy im Juli 2009 auf Gran Canaria stattfinden. (odi)

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  1. Gnome 3.0
  2. Gnome mobil
  3. Desktop klassisch
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