Google beendet Geschäfte mit Huawei

Google beendet Geschäfte mit Huawei

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Der Handelsstreit zwischen China und den USA hat weitreichende Folgen, denn nicht nur Besitzer von Huawei-Smartphones sind betroffen, sondern auch Google, Huawei und Microsoft.

Wie schnell man als gewöhnlicher Smartphone-Kunde die Folgen eines Handelsstreits spürt, zeigt das Beispiel Huawei. Google kündigte am 20. Mai an, als Auswirkung des National Defense Authorization Acts (NDAA) 889 der US-Regierung seine Geschäfte mit dem chinesischen Konzern zu beenden.

Deshalb werden zukünftigen Huawei-Smartphones zentrale Google-Funktionen fehlen: Sowohl der Play Store für Apps als auch Google Maps und Gmail fallen weg. Verloren gehen auch Google-Dienste, etwa fürs Funktionieren der Standortdienste bei der Navigation und die Anzeige von App-Benachrichtigungen. Was bleibt, sind nur die Teile von Android, die Open Source sind, also von jedem Entwickler genutzt werden können. Doch was bedeutet der Bann für alle, die schon ein Huawei-Smartphone haben?

Zunächst bedeutet der Bann nichts. Denn Google hat sich offenbar einige Gedanken gemacht, wie man die Auswirkungen für bisherige Nutzer so gestalten kann, dass sie nicht so verprellt werden, dass sie beim nächsten Mal lieber zu Geräten mit Apfel-Logo greifen. Google erklärte in einem Tweet, dass Dienste wie der App-Store samt Security-Check Play Protect auf vorhandenen Huawei-Geräten weiter funktionieren. Auch wird es weiter Sicherheitspatches geben. Denn sie sind Bestandteil des öffentlichen AOSP (Android Open Source Project). Aber auf Funktionsupdates – also neue Android-Versionen – werden Huawei-Besitzer verzichten müssen.

Dennoch: Es hätte für Huawei-Kunden auch schlimmer ausgehen können, wie ein Fall aus dem vergangenen Jahr zeigt: Seinerzeit hatte Google Android-Geräte ohne offizielle Zertifizierung komplett von allen Google-Diensten ausgesperrt. Zwar ließen sich Google-Apps noch installieren, da sie aber nicht mehr mit dem Google-Server kommunizieren konnten, wurden sie praktisch unbrauchbar. Gleiches galt auch für Handys, die mit einem Custom-ROM betrieben wurden. Hier war aber noch eine individuelle Freischaltung einzelner Geräte möglich.

Wenn auf künftigen Huawei-Geräten kein Google mehr läuft, werden Kunden annehmen, dass das bei politischen Unpässlichkeiten auch bei Geräten anderer Hersteller passieren könnte. Daher hat sich der US-Konzern eher widerwillig zum Bruch mit Huawei drängen lassen.

Huawei hatte im Smartphone-Segment in den vergangenen Jahren gewaltig zugelegt und hat nun einen Marktanteil von rund 20 Prozent.

Mittlerweile hat das chinesische Unternehmen angekündigt, künftig seine Smartphones mit eigenem Betriebssystem und App-Store auszustatten. Es wird unter dem Code-Namen Hong Meng entwickelt und vermutlich Ark OS heißen. Ersten Meldungen des US-Blogs Techradar, nach denen das schon im Juni erscheinen sollte, widersprach Huawei Ende Mai.

Ark OS basiert auf Android, wenn man weiterspinnt, was Huawei-Offizielle in einer Fragestunde äußerten: „Android ist Open Source und […] wir werden der Entwicklung und Nutzung des Android-Ökosystems weiterhin Priorität einräumen.“ Aber: Wenn Ark OS ein Android-Derivat wird, dann eines ohne Google – so wie bei Amazon.

Für Google ist das eine Katastrophe: Wenn man auch weiter von einem Huawei-Marktanteil von rund 20 Prozent bei Smartphones ausgeht, wird Google entsprechend weniger an den Lizenzen verdienen. Ironischerweise liefert der US-Konzern sogar kostenlos die wesentlichen Bausteine der Alternative. Noch mehr schmerzen aber andere Folgen: Google bekommt weniger Daten zur Verwertung, geringere Werbeeinnahmen und die ohnehin schon kritisierte starke Fragmentierung von Android wird weiter zunehmen.

Das brächte auch für die Nutzer Nachteile, da App-Entwickler noch länger alte APIs für die Open-Source-Android-Varianten mitschleppen müssten. Die Apps bräuchten mehr Speicher, hätten wahrscheinlich mehr Sicherheitslücken und sie können neue Funktionen nicht umsetzen, etwa Stromspartechniken.

Panikmache führt schon zu zweifelhaften Kaufanfragen.

Grundsätzlich müssten App-Entwickler ihre Apps nicht nur im Google Play Store, sondern auch im Huawei-Store anbieten. Tun sie das, dann könnte das eine Kettenreaktion auslösen. Dann könnten auch andere Anbieter, etwa Xiaomi und Samsung, sehen, dass es vielleicht ja doch ganz gut ohne Google klappt – zumal man sich dann auch des Risikos entledigen könnte, als Spielball nationaler Streitigkeiten herhalten zu müssen. Innerhalb Chinas ist die Abwesenheit von Google in Smartphones übrigens längst Standard – was durchaus eine Form von Protektionismus auf chinesischer Seite darstellt.

Schaut man sich an, wie schlecht die Alternativ-Stores von Amazon, Samsung oder F-Droid gefüllt sind, lässt das wenig Hoffnung. Mehr Apps gibt es zwar in den chinesischen App-Stores, doch die will hierzulande kaum jemand. Demnach könnte Ark OS auch eine Spaltung des Android-Markts verstärken: einerseits China, andererseits der Rest der Welt.

Einen schlechten Dienst leistet das Google-Aus bei Huawei für die Sicherheit von Android-Apps. Seit Längerem unternimmt Google große Anstrengungen, mithilfe von Play Protect schädliche Apps von den Telefonen der Nutzer fernzuhalten. Nach unseren Erfahrungen klappt das in alternativen App-Stores nicht so gut. Außer bei F-Droid hat man immer wieder mit Malware im Store zu tun.

Ein Hauptgrund für den Huawei-Bann ist der immer wieder vorgebrachte US-Vorwurf, Huawei-Technik ermögliche chinesischen Behörden Spionage.

Dass Smartphones Daten ins Herstellerland senden, ist so ungewöhnlich nicht: In unseren Tests stellten wir das schon für viele Hersteller fest, nicht nur für Huawei. Aufgrund der Transportverschlüsselung muss man schon heute Vertrauen mitbringen, dass nur die in den AGB angegebenen Daten abwandern. Ein mehr oder weniger vager Spionagevorwurf müsste also alle Smartphone-Hersteller treffen.

Viele Nutzer verbinden sogar weniger China als Google mit dem Stichwort Spionage und viele freuen sich daher sogar über ein Google-freies Smartphone. Wie oben beschrieben, schafft das aber mehr Probleme, als es löst; und man muss dem Suchmaschinen-Konzern zugestehen, dass der Umfang der Datensammlung sich noch einigermaßen in Erfahrung bringen und sogar etwas reduzieren lässt.

Tatsächlich müsste sich der Blick eher auf die installierten Apps richten. Sie bedrohen die Privatsphäre weitaus stärker: Teils schicken mehr als 30 Tracker Daten an fremde Server, die von Entwicklerbibliotheken adressiert werden. Und das können dann selbst nach dem Bann auch noch welche von Google sein – etwa bei Apps, die Firebase Analytics nutzen.

Gleich nach Google kappten etliche andere Firmen und Organisationen die Verbindungen zu Huawei, etwa Intel, Qualcomm, Micron und ARM. Auch die Bluetooth-, SD- und die WiFi-Alliance sowie der Ingenieursverband IEEE schlugen den Chinesen die Türe vor der Nase zu. Einige davon sind nicht einmal US-Firmen, sondern unterhalten dort nur Niederlassungen oder nutzen US-Patente.

Das hat Folgen auch für Huaweis Notebook-Sparte. Erst Mitte 2017 stieg Huawei ein und hat mit den MateBooks sowohl konkurrenzfähige Premium-Laptops als auch günstigere Modelle im Angebot. Zwei maßgebliche Komponenten stammen von US-Unternehmen, nämlich das Betriebssystem und die Prozessoren.

Das im Netz kursierende Gerücht, wonach Microsoft Windows-Aktivierungen auf Huawei-Notebooks nicht mehr zulasse oder gar rückgängig machen würde, können wir nicht bestätigen. Ein von uns im Handel erworbenes nagelneues Exemplar des MateBook X Pro ließ sich am 29. Mai ohne Auffälligkeiten aktivieren. Auch das Upgrade der Vorinstallation auf die Version 1903 klappte ohne Probleme. Zudem halten wir die Versorgung mit Windows-Updates derzeit für gesichert.

Die US-Sanktionen haben dennoch massive Auswirkungen. Windows-Notebooks bekommen nämlich bei ihrer Fertigung individuelle Lizenzschlüssel in die Firmware geimpft – durch von Microsoft kontrollierte Systeme. Die Notebook-Fertigung dürfte somit schlagartig mit Sanktionsbeginn zum Erliegen gekommen sein, weil keine neuen Lizenzschlüssel mehr von Microsoft-Servern nachgeladen werden können. Asiatische Zeitungen berichten dazu passend, dass Microsoft sämtliche bei Huawei zur Unterstützung platzierten Mitarbeiter zurückgezogen hat.

Wie bei Smartphones bekommt Huawei auch für Notebooks von US-Unternehmen keine Komponenten mehr. Außer CPUs von AMD und Intel betrifft dies auch WLAN-Module (Intel, Qualcomm), Grafikchips (AMD, Nvidia) und Festplatten beziehungsweise SSDs (Western Digital, SanDisk, Seagate). Lagerbestände kann Huawei freilich noch als Ersatzteile nutzen, doch die dürften bei einer Just-in-Time-Produktion nicht allzu groß ausfallen.

Üblicherweise wird bei einem Defekt das Mainboard getauscht. Der Haken: Die Hauptplatine enthält auch die Windows-Lizenz. Ersatz-Mainboards benötigen eigene Keys; bei einem Tausch wird die ursprüngliche Lizenz auf den Aktivierungsservern gesperrt. Der Weg ist Huawei versperrt, sodass bald die Ersatzteile ausgehen werden. Statt einer Reparatur bleibt bei einem Defekt innerhalb der Garantie wohl bestenfalls eine Rückabwicklung durch Huawei – und außerhalb der Garantie droht die Elektroschrotttonne.

Schließlich dürfte Huawei die Entwicklung neuer Notebooks bereits gestoppt haben, denn ohne Kooperation mit und Zulieferung durch US-Unternehmen ist diese nicht möglich. Es ist also wahrscheinlich, dass Huawei vom Notebookmarkt verschwinden wird.

Der Zoff zwischen Huawei und den USA währt schon lange. Auf Smartphones bezogen wirkt der immer wieder vorgebrachte Spionagevorwurf absurd, denn so gut wie jedes Mobiltelefon sendet heute Daten an die Hersteller-Server. Der NDAA-Act kennt solche Nuancen aber nicht und verbietet sämtliche Geschäfte mit Huawei, obwohl sich der Argwohn der US-Behörden hauptsächlich gegen die 5G-Netzwerktechnik des Konzerns wendet.

Die USA gehen seit Monaten gegen Huawei-Technik beim 5G-Netzausbau vor und üben dazu starken Druck aus. Einige Länder – wie Neuseeland – haben Huawei bereits ausgesperrt. Gegenüber der EU fruchtete aber selbst die Drohung nicht, dass die USA dann keine Geheimdienstinformationen mehr liefert, falls diese Huaweis 5G-Technik verwenden.

Die EU-Kommission, aber auch Mobilfunkanbieter und die Bundesregierung setzen auf eine gemeinsame Risikoanalyse. Ein von der Bundesnetzagentur erstellter Sicherheitskatalog und ein Zertifizierungs- und Lizenzierungssystem des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) sollen Huawei abklopfen. Von China habe Bundeskanzlerin Angela Merkel außerdem Sicherheiten für den Einsatz der Huawei-Komponenten verlangt.

Als Mitte Mai der US-Bann Huawei traf, warnte Ken Hu, stellvertretendes Vorstandsmitglied bei Huawei, bei der Potsdamer Cybersicherheits-Konferenz sogleich: „Dies ist ein gefährlicher Präzedenzfall. Er widerspricht den Werten der internationalen Geschäftswelt, durchschneidet globale Lieferketten und stört den fairen Wettbewerb auf dem Markt. Dies könnte in Zukunft jeder anderen Branche und jedem anderen Unternehmen passieren, wenn wir diese Probleme nicht gemeinsam angehen.“

Ende Mai sagte der Leiter der Huawei-Rechtsabteilung Song Liuping, dass ein Verbot von Huawei unter dem Vorwand der Cybersicherheit „nichts dazu beitragen wird, die Sicherheit von Netzwerken zu erhöhen. Es bietet ein falsches Gefühl der Sicherheit und lenkt die Aufmerksamkeit von den wirklichen Herausforderungen ab“. Er fügte hinzu: „Die US-Regierung hat keine Beweise dafür vorgelegt, dass Huawei eine Sicherheitsbedrohung ist. Es gibt keine Waffe, keinen Rauch. Nur Spekulationen.“ Huawei hat nun einen Antrag auf ein Eilverfahren vor US-Gerichten gestellt. Termin der Anhörung ist der 19. September 2019. (mil)


Ein viel gehörter Rat in den letzten Tagen war, seinem Huawei-Smartphone jetzt ein Custom ROM mit einem alternativen Android zu verpassen. Das sollten Sie nicht tun. Denn zum einen geht das kaum noch ohne Gefrickel – zumal Huawei für neuere Geräte keine Codes zum Entsperren des Boot-Loaders mehr herausgibt. Dabei besteht das Risiko, das kostbare Smartphone in ein Stück Elektroschrott zu verwandeln.
Zum anderen hat die Custom-ROM-Szene in den vergangenen Jahren ziemlich an Schwung verloren. Das liegt auch daran, dass immer mehr Funktionen ins reguläre Android Einzug gehalten haben. Zudem erschweren immer bessere Sicherheitsfeatures wie verschlüsselte Systempartitionen, lauffähige Custom-ROMs zu erstellen. Das populärste alternative Android namens Lineage OS ist deshalb für aktuelle Handys nicht verfügbar. Bei älteren Modellen muss man damit rechnen, dass das System wohl nicht besser läuft. Hinzu kommt: Apps wie Netflix, solche fürs Homebanking oder Google Pay verweigern ihren Dienst auf Smartphones mit Root-Zugang und entsperrtem Boot-Loader, was im Effekt den Funktionsumfang im Vergleich zum Auslieferungszustand sogar verringert. (Stefan Porteck)


Dieser Artikel stammt aus c't 13/2019

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