Grünrot gekörpert

Stereo-Bildpaare unter Windows

Test & Kaufberatung | Kurztest

Das 3D Photo Studio nimmt die Tradition beinahe vergessener 3D-Kinofilme und Fernseh-Experimente auf und setzt Fotopaare zu plastischen Guck-Erlebnissen zusammen.

Selbst das hübscheste Foto hat einen Nachteil: Es bietet den Augen des Betrachters nur zwei Dimensionen und unterschlägt die räumliche Tiefe. Der Mensch hat zwei Augen - warum sollte man ihnen nicht auch zwei Bilder anliefern, aus denen sich das Gehirn ein räumliches Modell des dargestellten Motivs basteln kann?

Martin Filkorns Programm nimmt ein linkes und ein rechtes Bild entgegen. Daraus fabriziert es wahlweise ein Rot-Grün-Stereobild nach dem Anaglyphenverfahren [[#lit1 1]] für Schwarzweißdarstellung oder einen Farbbildstreifen für Spiegelstereoskopie. Bei letzterem stellt man einen Spiegel aufrecht leicht rechts gekippt zwischen die beiden nebeneinander ausgedruckten Bilder und nähert die Nasenspitze der Spiegelkante. Aus der Überlagerung des gespiegelten linken Bildes mit dem direkt betrachteten rechten entsteht die räumliche Illusion. Die Spiegellösung ist allerdings eine ziemlich kipplige Angelegenheit.

Wer die Anaglyphendarstellung nutzen möchte, braucht dazu eine Rot-Grün-Brille - nicht wie bei vielen anderen 3D-Computerprogrammen eine rotblaue. Käufer der Vollversion erhalten vom Programmentwickler eine Pappbrille zugeschickt. Bei gut kalibrierten Monitoren gibt es damit kaum Geisterbilder. Anders sieht es mit Farbausdrucken aus: Je nach Art und Konfiguration des verwendeten Druckers variiert das erreichbare Tiefenerlebnis von akzeptabel bis schauderhaft.

Zum Ausgleichen leichter Verkantungen und Verschiebungen, die den Stereo-Effekt beeinträchtigen, bringt das Programm zwei sinnreiche Funktionen mit: Das Setzen eines Orientierungspunkts liefert die Grundlage zum Ausrichten der Rot- und Grün-Schicht. Außerdem erlaubt die geschickte Wahl dieses Punkts es auch, die Tiefenlage des zu errechnenden Anaglyphenbildes zu manipulieren.

Die Verkantungskorrektur findet mit Hilfe einer Linie statt, die man an charakteristischen Kanten im Bild ausrichtet. Gelegentlich ist es sinnvoll, dabei bewusst vom tatsächlichen Kantenverlauf abzuweichen - etwa um den Effekt perspektivischer Linienverläufe zu kompensieren.

Ansonsten bietet das Programm außer einer missratenen Beschnittfunktion sowie einer Bilddrehung in 90-Grad-Schritten keine Bearbeitungsmöglichkeiten. Um das Betrachten und den Umgang mit den Ausrichtefunktionen zu erleichtern, stehen ein (ziemlich grobstufiger) Zoom sowie eine Verschiebefunktion zur Verfügung. Die erzeugten Stereobilder beiderlei Art lassen sich in allen gängigen Bitmap-Formaten (außer GIF) speichern sowie ausdrucken. Wer mag, kann noch die Lage von Orientierungspunkten und Verkantungskorrekturlinien abspeichern.

Doch wo bekommt man geeignetes Ausgangsmaterial her? Es liegen nur zwei Beispielmotive bei, und auch das Internet gibt (außer vereinzelten Sites wie http://starosta.com/3dshowcase/) kaum etwas her. Kein Problem: Eigene Aufnahmen machen sowieso mehr Spaß. Um sie anzufertigen, gibt es verschiedene Wege.

Echte Stereokameras haben den Vorzug, linkes und rechtes Bild gleichzeitig aufzunehmen - das entscheidende Kriterium für bewegte Motive. Entsprechendes Equipment stellt heutzutage jedoch eine Rarität dar. In der Praxis wird man daher vorwiegend auf Bilder zurückgreifen, die nacheinander bei seitlicher Verschiebung mit einer gewöhnlichen Kamera aufgenommen werden. Eben-so gut eignen sich aber auch Paare gegeneinander verschobener Scan-Ansichten von dreidimensionalen Gegenständen, wie sie sich mit einem handelsüblichen Flachbettscanner und etwas Geduld herstellen lassen [[#lit2 2]]. (psz)

[1] Michael Bach: Räumlich durchs Auge, Wie kommt die greifbare Welt in den Kopf?, c't 7/1999, S. 158

[2] Richard Schubert: Höhen und Tiefen, Stereoskopische Aufnahmen mit Flachbettscannern, c't 18/1998, S. 179


3D Photo Studio 1.0, Shareware für Windows 95, 98 und NT, 39 DM, Download unter http://www.filkorn.de/

Anzeige